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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-06-08 · Heft 23 (8.6.1869) · p. Seite 461

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 23 (8.6.1869)
Date
1869-06-08
Page
Seite 461 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Z«-enth«ms. Fenilleton-Leilage jtt Ar. 23. Leipzig, den 8. Juni 1869. Ein Musikant. Erzählung aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. (Fortsetzung.» 7. Eine Zwischenstation. Einst stand der Sänger David, den auch die Krone und der Purpur schmückten, auf den Höhen, die sich hinter Joppe erheben, und sein Blick streifte über die grünen Berge, das felsige Ufer und die weite Spiegelfläche des Oceans. Da rief er aus: Ewiger, wie viel sind Deiner Werke! Alle hast Du mit Weisheit geschaffen, Voll Deiner Güter ist die Erde! Da ist das Meer, groß, ausgedehnt, Daselbst Gewimmel ohne Zahl, Gethicr, so klein wie groß! Am Saume der unabsehbaren Wüstentrift, nur hier und da von einsamen Palmen unterbrochen, stand jener große Dichter, sein Haupt von greisen Locken umflattert, der den Schmerz und den Sieg des duldenden Menschen in erhabenen Sprüchen und in einer ewigen Gestalt ausgedrückt, am Saume der Wüstentrift stand er, und schaute die funkelnden und dann erbleichenden Gestirne an, und sah die ersten Strahlen der Morgensonne über die Ebene blitzen und sprach: Sieh, wie zumal die Morgensterne jauchzen Und alle Gottessöhne jubeln! Sieh, wie das Frühroth seine Stätte hat, Der Erde Säume zu umfassen, Sie wandelt sich wie Siegelthon! Aber die Zeiten jenes Königs und jenes Dichters waren längst vorüber, als unser Jacob sich den Armen seines ihn fast erstickenden Schmerzes entriß, plötzlich aufsprang und seine Wanderung antrat. Schon an den Bächen von Babel hatten die Söhne und Töchter Zions ihre Harfen aufgehängt und wollten weder die feierlichen noch die jubelnden Weisen ihres Volkes wieder erklingen lassen. Diese Harfen hängen dort noch, denn seitdem tönten nur traurige Klagelieder und dumpfer Schmerzensschrei von den Lippen derer aus Juda, welchen Gott noch den Geist des Sanges in das Herz gelegt. Ja, die Kraft des Geistes ist groß, aber die Wucht des Elends, des Druckes und der stündlichen Noch ist größer. Jacob wanderte durch herrliche Landschaften, oft stand er auf der Höhe, und sah die Sonne hinter Purpurwolken niedersinken, oft am Saume grüner Ebenen und sah die Morgensterne erbleichen und das Frühroth aufsteigen und die Erde sich rosig wandeln wie Siegelthon — aber sein Mund blieb stumm und in seiner tönereichen Seele regte sich kein Sang und kein Klang. Denn er hatte ein Elend durchzumachen, wie er es selbst in der niedrigen Hütte seiner Mutter und in dem engen Dachkämmerchen von St. nicht gekannt hatte ... Die Juden der letzten Jahrhunderte hatten geringen Sinn für die Naturschönheiten, weil ihnen die Menschen und das Leben keine Muße ließen, sich ihrer zu erfreuen. Was man nicht genießen kann, weiß man nicht zu schätzen. Ich kann Dir daher, freundlicher Leser, aus dieser Wanderzeit unseres armen Jungen keine Schilderungen großartiger Landschaftsscenerien und erhebender Gefühlsseligkeiten bringen — es ging ihm immer schlecht, er fühlte sich stets unglücklich und traurig, schleppte sich zuletzt nur mühsam weiter, und freute sich des Sonnenscheins nur darum, weil er dann nicht naß wurde und nicht fror. Sich zu den Seimgen zu flüchten, konnte Jacob nicht in den Sinn kommen. Er mußte voraussetzen, daß ihn dort die Häscher von St. am ersten aufsuchen würden, um ihn unter den Taktstock des Stadtpfeifers zurückzubringen, und ihm zuvor die Süßigkeiten des St.'schen Stadtgefängniffes in Gesellschaft von Strolchen und Ratten zu kosten zu geben. Aber auch wenn sie ihn vor diesen zu verbergen vermöchten, würden sie ihn nicht zurückhalten? Würden sie ihn nicht nöthigen, sich wieder seiner ehemaligen Beschäftigung zu ergeben? Würde ihm nicht Vetter Salme ausführlich und haarklein beweisen, daß es seine Pflicht sei, für Mutter und Schwester zu arbeiten, und alles Andere nichts als leerer Kram und eitle Ueberhebung? Und doch fühlte er, fühlte es, als ob er an seinem eigenen Sterbelager stehe, daß er hierbei untergehen, sich verzehren würde. Es stand daher in ihm fest — nach Leipzig, was es auch für ihn kosten möge, dahin zu gelangen! Aber er wollte zuvor die Seinigen über sein Schicksal beruhigen, riß aus einem Notenhefte ein Blatt heraus und schrieb

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