Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1869)
- Date
- 1869-06-08
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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selten bei Nennung ihres Namens, mag er im gewöhnlichen Leben noch so oft das Alte und Ehrwürdige mit Füßen treten, das Epitheton: alt ehrwürdig beizufügen. Diese Altehrwürdigkeit aber könnte in den Augen Mancher, besonders wenn sie aufgehetzt werden, durch die Berührung mit der Synode Einbuße erleiden. Die Repräsentanz erklärt daher die Gemeinde für eine specifisch orthodoxe. Den bei den kalten Todten Lernenden, deren es hier mehr als sonst wo giebt, und die in Wahrheit die einzigen Vertreter der auch nur scheinbaren Orthodoxie — wahrhafte giebt es hier nicht — hier sind, wird dabei warm ums Herz, ihre Brust hebt sich stolz im Bewußtsein, daß sie der Gemeinde das Gepräge verleihen, und die nicht einmal scheinbar orthodoxe Repräsentanz erhält von ihnen Absolution auf ihre Sünden. Die specifische Orthodoxie der pr. Gemeinde ist aber ein so interessantes und eigenartiges Ding, daß wir denr Reize nicht widerstehen können sie genauer zu betrachten, um auch weitern Kreisen einige Kenntniß dieser Specialität zu verschaffen. Wir thuen das auf die Gefahr hin, daß gar Bielen hierbei der Nimbus, mit welchem für sie bis jetzt der Name Prag umgeben war, aus den Augen verschwinden wird. Um zu beurtheilen, welcher religiösen Richtung eine Gemeinde angehört, muß man zwei Dinge ins Auge fassen, erstens die Beschaffenheit ihrer Institutionen, zweitens die Gestaltung des religiösen Lebens im Großen und Ganzen in der Praxis. Um die Institutionen der hiesigen Gemeinde kennen zu lernen, bitten wir den Leser uns ein wenig in die Josefstadt zu folgen, wo wir ihn in die Synagoge führen wollen; aber bald hätten wir vergessen, die pr. Gemeinde besitzt ja keine Synagoge. Nun das thut nichts, gehen wir in die Synagogen der einzelnen Gemeinden, die zusammen die Gesammtgemeinde bilden. Was hören wir da? In den größten und bedeutendsten Orgelklang, Choralgesang, deutsches Lied, gute oder minder gute deutsche Predigt. Ist nicht Alles das höchst beleidigend für ein orthodoxes Ohr? Und was sehen wir da, etwa Rabbinen mit langen Röcken, langen Bärten, Pelzmützen, von oben bis unten in einen Gebetmantel gehüllt? Nichts von All dem, wohl aber Prediger mit Talars, weißen Halsschleifen und runden, viereckigen oder sechseckigen Sammetkappen. Ist ein solcher Anblick kein Dorn in einem orthodoxen Auge? In zahlreichen aber ganz kleinen Synagogen finden wir zwar noch Alles beim Alten, der Grund hiervon ist aber, weil ihnen die Mittel fehlen Reformen einzuführen. Sind ja die Mitglieder solcher Synagogen im gewöhnlichen Leben um kein Haar frömmer, als die der Reformsynagogen. Besuchen wir jetzt das Rabbinatscollegium. Wo aber das finden? Es giebt keines, nur der Rest von einem solchen ist aus früherer Zeit noch vorhanden, von dem wir aber, seinem Rufe nach, befürchten müssen, mit Schimpfworten empfangen und die Stiege hinabgeworfen zu werden. Zur Steuer der Wahrheit müssen wir gestehen , daß wir bis jetzt noch nicht vernommen, daß dieser Eine mit rituellen Fragen überbürdet worden wäre. Wollten wir noch einen Weg zur „Mikwa" machen, so wäre das umsonst; denn diese ist längst schon verstopft worden: „die Philister füllten sie mit Erde an." Den Gang zur Gemeindebibliothek erspart uns die Talmud-Thoracommission, indem sie in dem von ihr diese Woche herausgegebenen Berichte schreibt: „Es fehlte aber bis jetzt der Raum zu ihrer Aufstellung, es fehlen die Mittel zu ihrer Verwaltung, und so hat dieser Schatz, um den vielleicht manche Gemeinde sie beneiden dürfte, der Prager Gemeinde bisher keinen Nutzen, keinen Ruhm, sondern nur Verlegenheit bereitet." Der Leser hat sich gewiß schon ein Urtheil über die Gesetzmäßigkeit dieser Institutionen nach dem Schulchan-Aruch gebildet, und wir können die Josephstadt wieder verlassen, um über das praktische religiöse Leben der Juden, die in ihrer Mehrheit nicht mehr in diesem Stadttheile wohnen, einige Betrachtungen anzustellen. Beim Essen und Trinken sehen wir sie mehr um die Qualität der Speisen, als um die Confession des Wirths sich kümmern. Als wir noch nicht die confessionellen Gesetze hatten, wurde der Wirth eines stark besuchten Gasthauses vor's Consistorium geladen, und befragt, warum er in den Fasten Fleisch koche? Er gab zur Antwort, ich koche es für die Juden. Die Geschäftswelt denkt wohl immer, der wievielte Tag im Monat es ist, nie aber der wievielte in der Woche. Zu dieser gehören hier auch die Fleischhauer und Sälcher, an deren Firmas das mro zu lesen ist. Kommen wir mit der Jugend in Berührung, erfahren wir sofort, daß ihr Religion und Judenthum ganz unbekannte Dinge sind. Wie kann es auch anders sein? Die Kinder werden ja in christliche Schulen geschickt, ohne außerdem noch eine Religionsschule zu besuchen, weil es keine giebt. Kurz es schaut hier in dieser Beziehung, wenn nicht schlimmer, doch keinenfalls