Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1869)
- Date
- 1869-06-08
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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453 Stralsund, 21. Mar. (Privatmitth.) Es wird Ihre Leser interessiren, daß selbst hier, wo sich die Antipathie gegen die Juden so lange erhalten hatte, das Gegentheil jetzt eingetreten ist. Vor Kurzem wurde hier ein jüdischer Kaufmann vom Rath und den Stadtverordneten zum „Achtmann" gewählt, einem Posten, zu dem nur die angesehensten Kaufleute gewählt werden, ein Ehrenamt, das um so mehr Vertrauen erfordert, als durch die Hände seines Inhabers große Summen gehen. Auch der Rendant der städtischen Gasanstalt ist ein Jude. Carlöruhe, im Mai. (Privatmitth.) Dem Großherzoglich BadischenHofcapellmeister Hermann Levi (beiläufig gesagt, erst 29 Jahre alt) ist kürzlich doppelt hohe Ehre und Anerkennung widerfahren. Seine Königliche Hoheit der Großherzog von Baden hat ihm nämlich vor etlichen Monaten in Folge höchst gelungener Aufführung der Wagner'schen Meistersinger*) einen kostbaren Brillantring mit seiner Namens-Chiffre überreichen lassen und dieser Tage ihm in Folge eines glänzenden Rufes von Wien aus, der an ihn ergangen war, den er aber abgelehnt hat, das Ritterkreuz lter Klasse des Zähringer Löwenordens verliehen. Dessau, im Mai. (Privatmitth.) Ami.April d. I erhielt der Rabbiner Dr. Gustav Philippson als Prediger der israelitischen Gemeinde und als langjähriger Lehrer an der herzogl. Realschule den erbetenen Abschied. Dieser mit der Anzeige der ihm gewährten Pension erfolgte in einem gnädigen Handschreiben des Herzogs und in einem Erlaß des Consistoriums. Die Gemeinde überreichte ihm eine Adresse mit einem schönen silbernen Pokale. — Die Dessauer Franzschule gehört nunmehr der Vergangenheit an! Oefterreichischer Kaiserstaat. Prag, 20. Mai. (Privatmitth.) Die Cultus-Repräsentanz hat, wie wir das vorausgesehen, beschlossen die Synode nicht zu beschicken. Wir würden über diesen Gegenstand kein Wort weiter verlieren, wenn jene ihren Beschluß nicht gar so lächerlich motivirt hätte. Anstatt, *) Also sind doch nicht alle Juden Feinde des Herrn Wagner, und er hat die Beweise gegen seine wahnwitzigen Anschuldigungen in der Hand. Redaction. wenn sie schon einmal gewillt war, die Synode unter keinen Umständen zu beschicken, einfach die Einladung den einzelnen hiesigen Shnagogengemeinden zu übermitteln und es diesen zu überlassen, sich ihrerseits an der Synode zu betheiligen oder auch nicht, welcher Vorgang ganz correkt und den hiesigen Verhältnissen ganz entsprechend gewesen wäre, schützt sie die „spezifische Orthodoxie" der Prager Gemeinde als Grund ihres Beschlusses vor. Der Name der Orthodoxie muß denn doch ein viel weiterer sein, als wir ihn uns bis jetzt gedacht, wenn die Prager Gemeinde innerhalb derselben Platz finden soll. Welch unermeßlicher Abstand herrscht z. B. zwischen Rabbi Chaim Schreiber in Munkäcs und den Mitgliedern der Repräsentanz? ja der Abstand ist ein so großer, daß, wenn er es nicht auch in localer Beziehung wäre, nach den jüngsten Vorgängen in Munkäcs zu urtheilen, die Köpfe vieler von letzteren schon oft in unangenehmer Berührung mit dem hiesigen Straßenpflaster gekommen wären; und doch behauptet die Repräsentanz, die von ihr vertretene Gemeinde stehe auf dem heiligen Boden der Orthodoxie. Rabbi Chaim Schreiber seinerseits wird hoffentlich nicht unterlassen dagegen zu protestiren. Man braucht aber gerade kein großes Quantum von Scharfsinn zu besitzen, um auf die wahren Motive, von welchen die Repräsentanz bei ihrer Beschlußfassung geleitet wurde, zu kommen. Vor Allem ist es der nervus rerum, an dem schon so manches gemeinnützige Unternehmen hier gescheitert, der hindernd in den Weg trat. Woher die mit der Beschickung verbundenen Ausgaben bestreiten? Im Gemeindebudget ist ja dieser Posten nicht enthalten. Freilich schämt man sich dies offen einzugestehen. Dann kommt noch ein anderer Grund und wahrscheinlich der maßgebend gewesene. Die Gemeindewahlen stehen vor der Thüre. Die Gegner des jetzigen Vorstandes vermehren sich, Dank dessen Indolenz in cultuellen und religiösen Dingen, mit jedem Tage, und entfalten eine bis jetzt hier noch nicht vorgekommene Rührigkeit. Wenn nun derselbe die Beschickung der Synode beschlossen hätte, würden diese gewiß nicht verabsäumt haben sofort Capital daraus zu schlagen, um gegen denselben zu agitiren. Tröstet sich ja der Präger Jude, wenn er überhaupt noch ein Interesse an Gemeindeangelegenheiten hat, über den mißlichen gegenwärtigen Zustand der Gemeinde mit der Erinnerung an die einstige ruhmreichere Vergangenheit und vergißt nur 23