Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1869)
- Date
- 1869-06-08
- Page
- Seite 447 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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447 Entwickelung sowohl in ab-, wie in aufsteigender Linie zu charakterisiren, das Mangelhafte nicht zu verhüllen, sondern offen zu zeichnen und aus dem Standpunkt der Zeit zu erklären. In der Ethik des Talmuds und des Mittelalters müßte ein besonderes Kapitel die Aeußerungen der verschiedenen Talmudisten und Rabbinen über die ethischen Pflichten gegen die Nichtjuden zusammenstellen. In der Behandlung der Ethik der Neuzeit müßte speciell darauf eingegangen werden, ob sich in Einzelnem nichtjüdischer Einfluß beurkundet, und hier wieder ganz besonders unterschieden werden, ob sich dies als ein specifisch christlicher oder ein allgemein menschlicher Einfluß erweist, ob die Veränderungen als eine Cvnsequenz des jüdischen Prinzips unter der Einwirkung des allgemeinen Culturlebens oder als dem Judenthmne aufgedrängtes, fremdartiges Moment zu betrachten seien. Man sieht leicht ein, von welcher eminenten Wichtigkeit ein solches Werk wäre, wenn es mit ebenso vieler Sachkenntniß und Gründlichkeit wie unerschütterlicher Wahrheitsliebe durchgeführt würde. 2) Eine jüdische Literaturgeschichte, welche freimüthig, aber ohne Hyperkritik, die Bibel, die Apokryphen, die Alexandriner und Hellenisten, die Mischna, die Boraitas, die beiden Talmude, die Midraschim, die casuistischen Hauptwerke, die hauptsächlichsten Peilanim, die vorzüglicheren spanischen, italienischen u. s. w. Schriftsteller und sofort bis zur Gegenwart, vorzugsweise in literarischer Beziehung, also weniger in der religiösen und theologischen Bedeutung behandelt, ohne etwa in Bibliographie auszuschweifen. Die geistige Strömung, die sich in den Epochen offenbart, der Zusammenhang und Uebergang zwischen den einzelnen Perioden, der Zusammenhang mit den Richtungen der nichtjüdischen Literaturen, die Beeinflussung von diesen und auf diese wären sorgfältig und mit Unbefangenheit zu erörtern. 3) Eine Zusammenstellung aller historischen Notizen in unseren nachbiblischen Schriften in beiden Talmuden, in den Midraschim und in den Kirchenvätern, in treuer Uebersetzung und mit Angabe, wo sie sich finden. Bis jetzt find die genannten Schriften nach dieser Richtung hin noch lange nicht genügend ausgebeutet und für die jüdische Geschichte fruchtbar gemacht. Ist der Verfasser fähig und gewillt, einzelne dunkle Notizen in das rechte Licht zu stellen, und kurz, ohne gelehrten Prunk zu erläutern, desto besser; jedenfalls aber ist die Manier einiger neueren Autoren hierbei zu vermeiden, jeden beliebigen Spruch der Alten als ein historisches Monument geschichtlich auszudeuten, wozu an sich gar kein Anhalt vorhanden, noch etwa Ne^iHat Taanit zu Allem zu verwerthen, das man gerade braucht. 4) Eine Darstellung des philosophischen Denkens bei den Juden. Es ist anerkannt, daß seitens des jüdischen Geistes eigene, selbstständige Philosopheme — mit Ausnahme Spinoza's — nicht hervorgebracht wurden, sondern daß er sich begnügte, vermöge des Bodens, auf welchem allein er sich bewegte, religionsphilosophische Anschauungen zu produciren, in welchen theils die Offenbarungslehre im Lichte philosophischer Erörterung gezeigt, theils diese mit den herrschenden philosophischen Systemen in Einklang zu bringen versucht ward. Diese beiden Bestrebungen gehen durch die ganze Geschichte des Judenthums von der Bibel ' Hiob, Prediger! an bis zur Gegenwart, und eine zusammenhängende, gründliche und klare Darstellung würde ebenso interessant wie belehrend sein und zur Grundlage weiterer Arbeiten dienen können. Im Ganzen müßte auch hier die unparteiische Erörterung, die Beseitigung alles apologetischen Ueberschätzens Grundzug sein, da hier vorzugsweise die Gesammtheit einen imponirenden Eindruck machen würde. 5) Vorarbeiten zu einer gründlichen talmudischen Lexikographie. Das Bednrfniß dieser brauchen wir nicht zu betonen. Bon besonderer Wichtigkeit wäre hier eine Zusammenstellung aller Fremdwörter in Mischna, Talmud und Midrasch, mit Angabe des Fremdwortes in seiner Ursprache und seiner manchmal abweichenden Bedeutung in der jüdischen Verwendung. Würde dieses alphabetarisch nach den jüdischen Wörtern geordnet, so müßten besondere Register die Wörter jeder Sprache besonders alphabetisch gruppiren, um eine Uebersicht zu erleichtern. Doch müßte hierbei jenes zweideutige Streben einiger Neueren vermieden werden, möglichst viele Wörter durch etymologische Künsteleien auf fremden Ursprung zurückzuführen. Wir begnügen uns hiermit für heute. Man sieht leicht ein, daß schon diese wenigen Themata eine Menge analoger Arbeiten nach sich zu ziehen angelegt sind. Wir hoffen, recht bald zu weiteren Auslassungen Gelegenheit zu haben. 23*