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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-06-01 · Heft 22 (1.6.1869) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 22 (1.6.1869)
Date
1869-06-01
Page
Seite 429 (sequence 5)
Language
German
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429 den sogenannten Masse- oder Geschichts-Büchern. Noch heute erscheinen Massen von derartigen Erzählungen der mannichfachsten Art in Einzelausgaben in Rußland nnd Polen. Ihren Höhepunkt haben sie erreicht in der Novelle, welche in der jüngsten Zeit namentlich in zwei Schriften vertreten ist: „der jüdische Rekrut" und „das Sterntüchel", die das Leben in den russischen Judenstädtchen meisterhaft zur Anschauung bringen. Auch die dramatische Poesie fehlt nicht. Außer der Geschichte Josephs, welche reichen Stoff zur dramatischen Bearbeitung bietet und vielfach behandelt worden ist, sind hier vor allem die Purimspiele zu nennen, deren Inhalt die Geschichte der Juden im Anschluß an das biblische Buch Esther bildet. Die Purimspiele, welche zum Theil heute noch am Purimfeste aufgeführt werden, sind witzig, aber vielfach schlüpfrigen Inhaltes, was man sonst überall ängstlich vermieden findet. Die neuere Zeit hat uns auch zum Gesang bestimmte Gesellschaftslieder und selbst Volkslieder gebracht. Aber auch die Geschichte der Juden bot reichen Stoff zu poetischen Bearbeitungen; es giebt eine Menge Lieder meist geringeren Umfanges, welche die Leiden Israels zum Gegenstände haben, neben welchen es auch an Bearbeitungen in prosaischer Rede nicht fehlt. Endlich gedenke ich noch der Beschreibungen wirklich gemachter Reisen, und erwähne ausdrücklich, daß ich diese kurze Skizze noch viel weiter ausdehnen könnte, wenn wirklich alle vertretenen Zweige der Litteratur aufgeführt werden sollten." „Alle diese ausgedehnte Litteratur ist in Deutschland und im engsten Anschluß an die deutsche Litteratur eutstanden. Als grausame Verfolgungen die Juden nach Osten trieben, fanden sie in Polen eine freundliche Aufnahme, und noch heute ist in Rußland und Polen, letzteres in seinem ehemaligen weiten Umfange verstanden, der Jude deutsch, seine Umgangs- und Büchersprache die deutsche." „Was die sprachlichen Verhältnisse der besprochenen Schriftwerke betrifft, so haben wir es da wesentlich mit einer deutschen Sprache zu thun, die theils mannichfach aus verschiedenen Dialekten ihre Bestandtheile zusammen getragen, theils selbst in den neuesten Druckerzeugnissen noch eine sehr alterthümliche Färbung bewahrt hat — ein Umstand, der sich zur Genüge aus den socialen Verhältnissen der Juden erklärt, welche, von der gebildeten Welt gemieden, auf sich selbst angewiesen waren und in Folge der Zähigkeit ihres Charakters in allen Beziehungen an den alten Traditionen hängen blieben. Indessen ist die jüdisch-deutsche Sprache natürlich nicht bloß dialektisches Deutsch, sondern vielfach, bald mehr bald weniger, mit hebräischen Worten durchwachsen, die entweder in ihrer rein hebräischen Gestalt austreten oder als deutsche Worte behandelt, sich den grammatischen Bildungen der deutschen Sprache fügen. Hierzu kommt in den neuesten Litteraturerzeugniffen aus Rußland und Polen noch mannigfach flawisches Sprachgut, gegen welches sich die Juden im Umgang mit den Slawen nicht ganz haben verschließen können." — Eine kleine, aber vortreffliche Gabe bietet unS „der freie, völkerfreundliche Geist des jüdischen Opferkultus. Rede, am 17. April 1869 gehalten von Dr. Ad. Jellinek." Mit edler Beredtsamkeit weist der Berf. nach, daß im Tempel zu Jerusalem jeder Fremde zu jeder Zeit ein Opfer darbringen konnte, und dies auch sehr häufig geschah, von den Vorschriften der jüdischen Weisen nicht behindert, sondern befördert. Andrerseits wurden aber auch Opfer zum Besten der heidnischen Völker auf Kosten der Gemeinde im Heiligthume dargebracht, nämlich die 70 Farren am Hüttenfeste für das Wohlergehen, das Seelenheil und zur Sühne aller Nationen. Es ist derselbe „freie, völkerfreundliche Geist", der in dem Tempelweihe-Gebet Salomo's und in so vielen Aussprüchen der Propheten weht. Denselben Geist findet der Redner in der Jnstituirung des Opferkultus überhaupt, die, nach ihm, theils aus der allgemeinen Völkeranschauung jener Zeiten, theils darum geschehen sei, um den heidnischen Völkern eine Brücke zur Anbetung des einig-einzigen Gottes zu bieten. Er sagt bezeichnend: „So war der Opferkultus im Allgemeinen eine gottesdienstliche Völkersprache, welche alle Menschen verstanden." Der Vers, steht hier auf demselben Boden, auf welchem wir unsre Ansicht über den Opferkultus stets aufgebaut haben. Denn es versteht sich, daß dieses allgemeine Völkerverständniß eben nur aus der allgemeinen GeisteSbeschaffenheit, der symbolischen Anschauungsweise, entspringen konnte. Die Jnstituirung des mosaischen Opferkultus war daher nicht eine Akkommodation an die Sitte, wie Maimonides, oder gar eine Depravation der mosaischen Ideen und Lehren, wie mehrere Theologen vor Kurzem behaupteten, sondern eine in der GeisteSbeschaffenheit jener Zeiten begründete Nothwendigkeit. Der Redner wünscht, daß die Synagoge unsrer Zeit einen ähnlichen Akt, wie jene Opfer am Hüttenfeste für das Heil der Völker einrichte, und kommt dabei mit durchschlagenden Worten auf die Oberflächlichkeit und Ber-

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