Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1869)
- Date
- 1869-06-01
- Page
- Seite 428 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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428 so weiten Raum der Entwickelung, daß er das Drängen der Gegenwart nicht zu begreifen vermag. Der praktische Mensch dagegen erwägt seinerseits den Werth und die Macht der Vergangenheit zu wenig und will sofort ausgeführt sehen, was sich ihm als nützlich oder auch nur wünschenSwerth vorstellt. In früheren Jahrhunderten war nun die jüdische Gelehrsamkeit ein auch unter der Menge so verbreitetes Gut, daß sich solcke Unterschiede, wie wir sie eben bezeichneten, weit weniger herausstellten. In unseren Tagen hat es sich anders gemacht, und so müssen wir es gern begrüßen, wenn sogenannte Laien sich in thätiger Weise mit den Angelegenheiten des Judenthums beschäftigen. Wir heben daher mit Vergnügen die Schrift hervor: „Höre Israel! Aufruf an die deutschen Glaubensgenossen von Adv. Emil Lehmann, Mitglied des Gemeinderaths der israelitischen Religionsgemeinde zu Dresden. Dresden. 8. Wolf. 1869." Die Wahl des Titels ist nicht sehr glücklich, weil er eben über den eigentlichen Inhalt nichts besagt. Der Vers, spricht seine Ansichten über den Inhalt des Judenthums, über Ehe, Beschneidung, Haus, Sabbath und Feste, Schule, Synagoge, Gemeinde u. s. w. aus. Er spricht einfach und seine Ansichten sind rationalistisch, nüchtern. Wir können ihm hier auf seinem Wege nicht folgen, denn wir hätten es mit allen Fragen, die jetzt das Judenthum bewegen, zu thun, wir hätten ihm hier zuzustimmen, ihn dort zu bestreiten. Der Verfasser ist ein Progressist, ohne jedoch im Einzelnen den Werth des Geschichtlichen und Formalen ganz zu verkennen. Zuletzt wünscht er einen „Gemeindetag", d. h. eine Versammlung von Gemeindevertretern, und dieser Wunsch wird in der nächsten Zeit erfüllt werden. Hoffen wir, daß dieser Gemeindetag einen guten Erfolg hat. — Vor einigen Jahren hatten wir Veranlaffung, die Studien rühmend zu besprechen, welche ein deutscher Gelehrter über den jüdisch-deutschen Dialekt angestellt hat. Eigenthümlichcr Weise war es ein Polizeimann, und auf diesen Gegenstand durch seine Forschungen über die Sprache der deutschen Gauner gekommen, wobei er nachwies, daß diese Gaunersprache durchaus nicht aus dem jüdisch-deutschen Jargon entstanden ist, wenn sie ihm auch einige Elemente entlehnt hat. Wir meinen das bekannte Werk des vr. Avö Lallemant zu Lübeck. Nach dieser linguistischen Leistung eröffnet sich uns jetzt auch die Aussicht auf eine literaturgeschichtliche Behandung dieses Stoffes. Herr Dr. Hermann.Lotze in Leipzig giebt uns die Hoffnung für eine solche, und stellt uns den Plan in einigen Umriffen in einem Aufsätze: „Zur jüdisch-deutschen Literatur" dar, der im „Archiv für Literaturgeschichte" und jetzt auch als Separatabdruck erschienen ist. Er bemerkt, daß es sich hier um eiue ausgedehnte Literatur handele, „die in ihrem Grundcharakter wesentlich deutsch ist und sich in Druckwerken bis in's fünfzehnte Jahrhundert zurück verfolgen läßt." Zunächst war ihre Bestimmung für das des Hebräischen unkundige weibliche Geschlecht zur Unterhaltung und Belehrung. Der Vers, sagt: „Wie alle nichtbiblische jüdische Litteratur sich in ihren Anfängen und Hauptzügen an die Schriften des alten Testamentes anschließt, ebenso finden wir es in der jüdisch-deutschen Litteratur. Man übersetzte die Bibel, theils im Ganzen, theils einzelne Schriften und fügte ihnen Erklärungen bei, die ebenfalls zum Theil auszügliche Bearbeitungen bedeutender hebräischer Commentare waren." „Die historischen Bücher Josua, die Richter, Samuel und die Könige finden sich sogar poetisch, und zwar in der Nibelungenstrophe bearbeitet vor, und lehnen sich in Sprache und Ausdruck durchaus an unsere deutsche poetische Litteratur des 14. und 15. Jahrhunderts an. Selbst die fünf Bücher Moses und die Prophetie des Jonas sind „im Tone des Schmuelbuchs" bearbeitet worden. Hieran schließen sich eine lange Reihe religiöser Schriften, welche entweder die mannigfachen rituellen Vorschriften des theokratischen Staates zum Gegenstände haben, oder ethischen und erbaulichen Inhaltes sind. 3m Zusammenhang hiermit stehen die grammatischen und lexikalischen Arbeiten über die hebräische Sprache, von denen die letzteren sich streng auf den Wortschatz der Schriften des alten Bundes beschränken. Die Spruchpoesie ist in ausgezeichneter Weise im „Zuchtspiegel" (Mar'eh Musar), die Fabel in gereimten Versen in den sogenannten „Fuchsfabeln" (Mischle Schu'alim) vertreten. Für den praktischen Hausbedarf verfaßte man medicinische Schriften und Receptbücher, für wissenschaftliche Zwecke Rechenbücher u. a. Das Bedürfniß nach einer wirklichen Unterhaltung nahm seinen Stoff aus der deutschen Sagenpoesie, und so entstanden Dichtungen, welche Artus Hof, Wigalois, die sieben weißen Meister, Barlaam und Josaphat, Flor und Blancheflor, Kaiser Octavian, Fortunatus u. a. zum Gegenstände haben. Auch der Orient lieferte mannichfachen Stoff, es giebt mehrere Bearbeitungen der Märchen in Tausend und einer Nacht. Kleinere Erzählungen und Schwänke, vielfach mit deutschen Stoffen verwandt, vereinigte man in