Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1869)
- Date
- 1869-06-01
- Page
- Seite 427 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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427 find 100 Familien? Ader 100 sind bald 500. Diese polnischen Juden sind doch nicht schlechter noch dümmer, denn pommersche oder mecklenburger Bauern und Tagelöhner, von denen Einer auswandert und nach Jahresfrist die Tickets für 3—5 andere zur Nachfolge einsendet. Es ist ja selbstredend unmöglich, Zehntausend in einem Sommer auswandern zu lassen, aber nach und nach; jedoch nicht vereinzelt und nicht auf eigene Hand." Wie das Geld zu beschaffen wäre? Nicht durch Kollekten; wir bedürfen fester Summen, auf welche und mit welchen man rechnen kann. Es müßten die Gemeinden (wobei aus die kleinen nicht mitgezählt zu werden braucht) sich verbindlich machen, auf 3—5 Jahre eine bestimmte Summe für diesen Zweck auf ihren Etat zu stellen. Rechnen wir etwa 1 Sgr. pro Kopf, auf Stettin 60, auf Berlin 600 Thlr. Wie ich fest überzeugt bin, daß erstere Gemeinde hierauf eingehen würde, so auch davon, daß, wenn erst 30 Gemeinden vorangehen, die andern folgen. Wir hätten dann in Deutschland jährlich etwa 10,000 Thlr. Frankreich, besonders die Alliance ü. I., England, Holland würden, könnten nicht zurückstehen. Das Geld ist schon zu beschaffen! Zunächst also empfehlen wir unfern Vorschlag im Allgemeinen zu ernster, thatbereiter Erwägung und machen weiter folgende Einzel-Vorschläge: 1) Es werde ein Haupt-Comits für die Auswanderung, für die Sammlung der Gelder, die Ausmittelung der geeignetsten Transportwege rc. eingesetzt. Der Sitz natürlich in einer Seestadt, am besten wäre freilich London, doch da mit den Engländern nicht so schnell fertig zu werden ist, so schlagen wir Hamburg vor. 2) Ein Haupt-Comite nahe an der russischen Grenze, als Agentur für die Auswanderer. Es müßten in der Regel nur Familien befördert werden, um das schmähliche Sitzenlassen von Weib und Kind, das psu- Sein, diesen Schandfleck — — nicht aufkommen zu lassen. Nur gesunde Leute in kräftigem Alter dürfen angenommen werden. Die Auswanderung in gehörigen Transporten, daß Einer den Andern mitziehe; mögen die Leute ihre n"o, ihren am®, ihren y"tt5 mitnehmen , damit sie sich nicht verlaffen fühlen, auch auf der Fahrt etwaiger Rohheiten eher erwehren können. Detaillirtere Pläne sind jetzt noch nicht am Platze. Was aber die Leute drüben machen sollen? Wir erlauben uns »ans phrase zu sagen: haben wir sie hinübergeschafft, so haben wir das Unsrige gethan; die amerikanischen Juden mögen weiter sorgen. Und wir sprechen das Wort gelassen aus, weil wir auf unsre amerikanischen Brüder stolz sind, auf ihren Willen, ihre Kraft und Einsicht volles Vertrauen setzen. Sie sind gewohnt, aus eigener Kraft zu schaffen und gemeinsam zu wirken.*) Wir wollen ihnen auch die Leute nicht „auf den Hals schicken", sie sollen vorher avisirt werden, und werden vorbereitende Schritte thun. Raum ist ja vorhanden — Köpfe und Hände bringen die Polen mit. Wir hätten wohl allerlei Ideen, wie letztere zu verwenden wären, doch die Amerikaner brauchen unsere Rathschläge nicht. Schreiten wir nur zur That; daß die Juden Amerikas z. Z. planvoll handeln, daß z. B. die New-Uorker nicht die ganze Last des ersten Anpralls auf sich ruhen lassen würden (wie wir hier seufzend thun) davon sind wir ganz fest überzeugt. Treuenfels. Lroschürenliteratur. (Schluß.) Friedlicherer Natur sind die Broschüren, deren wir noch Erwähnung zu thun haben. Bon jeher hat der Bestand und die energische Entwickelung des Judenthums darauf beruht, daß nicht blos die gelehrten Kreise, sondern auch Männer aus allen Schichten des Volkes seine Jntereffen wahrnahmen, sich mit ihm beschäftigten und den lebhaftesten Eifer an den Tag legten. So wenig eine geistige Erscheinung der gelehrten und wissenschaftlichen Behandlung, die als Lebensberuf alle Kraft und Zeit gediegener Männer in Anspruch nimmt, entbehren kann, ebenso übel berathen ist sie, diesen allein überlasten, wo irgend sie mit dem praktischen Leben in Berührung kommt, wo es gilt, entweder dem Gedanken eine sichtbare Gestaltung zu geben oder einen Conflikt zwischen Gedanken und Leben auszugleichen. Die strenge Consequenzmacherei und die Erforschung nach allen Seiten hin verhindern den klaren Blick in das Mögliche und Nothwendige. Für den Gelehrten ist die Macht der Vergangenheit größer als die der Gegenwart, und die Zukunft bietet ihm, der so weit zurückblickt, auch einen *) Es braucht nur ihr 3. 0. ok R. R. die Sache in die Hand zu nehmen, so ist sie schon weiter, als wir nach langem Schreiben, Streiten und Ueberlegen kommen werden. 22*