Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1869)
- Date
- 1869-06-01
- Page
- Seite 426 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mentioned entities
- Riga 2× ep/1000826
- Narew 1× ep/2390983
- Stralsund 1× ep/1045783
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426 Schuster, Tapezierer aus Szaki oder Telcze neben einem von der Broadway in New-Aork — lächerlich! Also peääelll; den betteln gilt drüben nicht. Aber so Biele!! Aber wir vergeuden auch unser Geld auf die unverantwortlichste Art bei der bisherigen Methode. Der Vers, ist, leider, sehr competent, hierüber ein Urtheil abzugeben. „Ich bin der Mann, der das Elend gesehen!" Denn 9 0 °/o aller russischen Juden, welche, . von Riga bis zur Narew hinunter, also aus den Gegenden des Hungers herstammen, sich bettelnd in Deutschland herumtrerben, ziellos, oder um nach Amerika zu gelangen, sie sind zunächst und meist von allem ent- ’l,' blößt, nach Stettin gekommen, haben ihren Weg durch -unsre Gemeinde, ja durch die Stube des Unterzeichneten genommen; denn das gehört ja zu den in keinem §. eines Rabbinats - Kontrakts verzeichneten Lasten, als unter die Rubrik nanro wb iiss fsan! Das Geld, welches sie von Hause mit, oder in der Heimath zusammen bringen, reicht gerade zur Bestreitung der Seefahrt aus. Die Dampfer, welche von Riga, Memel, Tilsit und hauptsächlich von Königsberg auf hier laufen» nehmen die Leute für 2 — 3 Thaler (viele auch um Gottes willens auf Deck mit. Es sind meist die Dampfer unsrer Stettiner Linien, welche sie uns bringen, am Hafen werden sie abgesetzt und dann: „wo wohnt der Rabbiner?" — Es ist die große Straße des Ostseehandels, von den russischen und ostpreuß. Häsen nach Stettin, welcher die Leute von selbst folgen, die übrigen 10 °/o gehen entweder erst nach Kopenhagen und kommen dann hierher, wieder mit unfern Dampfern (denn die Postschiffe, welche nach Lübeck, Stralsund rc. laufen, sind zu theuer) oder sie nehmen die Eifenbahnstraße; aber mag es die Route Warschau-Berlin oder Königsberg-Berlin sein, der Weg von Kreuz nach Berlin geht für sie über Stettin. Stettin also bildet, Gott verzeihe das harte Wort, für diese von Monat zu Monat dichter werdenden Schaaren die Einfallpforte nach Deutschland. Einige wohl wenden sich von hier erst nach Dänemark oder Schweden, die Meisten zerstreuen sich und ziehen auf allen möglichen Umwegen durch Deutschland einher. Die Leute trifft kein Borwurf, aber uns; der Vorwurf kindisch - gutmüthigen, aber unverständigen Verfahrens. Die Leute sind zähe; wenn sie einmal nach Amerika, oder auch nur nach England wollen, so werden sie das Geld zusammenbetteln, aber wir opfern und spenden, um den Eisenbahnen höhere Dividenden zu bringen. Wir müssen jede Meile Umweg bezahlen. Wir hier z. B. bezahlen, gleichviel ob aus der Gemeindekaffe, ob aus Privattaschen, auf diese Weise eine jährliche Steuer von mindestens 500 Thlr. an die von hier ausgehenden Bahnen — was sollen wir machen? wir können die Menschen nicht auf der Straße liegen lassen! Wer rechnet nun die Summen aus, die so in ganz Deutschland vergeudet werden, um die Armen spazieren zu fahren?*) Handeln wir also vernünftig, planmäßig, gemeinsam; werfen wir unsere 71P1L nicht auf die Straße, helfen wir den Unglücklichen gründlich! Dazu ist nur der gerade Weg der beste, direkt zur See von Königsberg nach Amerika. Wir haben bei sachkundigsten Männern vorläufige Erkundigungen eiugezogen. Die Passage von Königsberg bis New - Aork würde pro Kopf Erwachsenen 35 Thlr. kosten per Dampfer. Wäre die Angelegenheit vollständig organisirt, so würde man Segelschiffe benutzen, d. h. vollständig dazu chartren und billiger zurechtkommen, dies geht jetzt noch nicht. Unser Gewährsmann hält für das beste, die Auswanderer von Königsberg aus nach Kopenhagen zu schicken, wo sie die dort anlaufenden Dampfer der Hüller Linie aufnehmen und über Liverpool ans Ziel bringen könnten. Paffagepreis 38 Thlr. Darüber läßt sich später noch reden, die Glaubensgenoffen in Hamburg u. s. w. sind auch sachkundig, „durch viele Rathgeber kommt Hülfe." Eine Familie würde etwa 100 Thlr. kosten (Kinder bezahlen wenig, Proviant ist nicht hoch anzuschlagen, die Armen sind nicht verwöhnt), 100 Familien kosten 10,000 Thlr. Biel Geld und wenig Leute, denn was *) Man gestatte hier ein ernstes Wort an unsere hauptsächlichsten Correspondenz-Rheder, die Herren von Königsberg. „Man hat uns von K. auf hier abgeschickt, ihr sollt uns weiter schicken," das ist die stereotype Redensart der Armen. Wir kennen das „Abschicken." Es kostet nicht viel, der Eine von Euch ist Hauptbefrachter, der Andere bekannt mit dem Correspondenten, mit dem Kapitän des Dampfers, ein Vierter gibt dem mitleidigen Steuermann ein Douceur. Ihr seid die Leute los. Nun, was Ihr umsonst haben könnt, braucht Ihr nicht zu bezahlen; das ist in Ordnung. Aber von Kopenhagen und Stockholm kommen die Leute nicht so ganz ohne einen Pfennig her. — Und die Hauptsache: warum Alles nach einer Richtung abschicken, ohne Ueberlegung? Wenn ich weiß, daß in einer Woche schon zwei arme Polen nach Kopenhagen rc. gegangen sind, so sage ich dem Dritten: „Freund, das ist zu viel, immer einen andern Weg."