Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1869)
- Date
- 1869-05-25
- Page
- Seite 423 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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423 gehen, dränge sehr. Auch verlange der Stadtpfeifer durchaus, daß Jacob seine neue Geige mitbringe, von welcher der Beherrscher der Stadt gehört und gesprochen habe. Die Worte des Jungen klangen Jacob wie aus weiter Ferne kommend. Aber er hörte und verstand sie doch. Die Gewohnheit, der eingeprägte Gehorsam, die tiefeingewurzelte Pflichttreue beherrschen glücklicher Weise den Menschen, auch wenn er selbst die Herrschaft über sich verloren hat, wenn seine Seele in eine Tiefe gesunken oder zu einer Höhe geflogen, wo sie von den Dingen um sich nichts mehr weiß. Nur an den Widerstand dachte er nicht, welchen er bis jetzt hinsichtlich des Gebrauchs seiner schönen Geige beobachtet und nicht aufgegeben hatte. Er nahm mechanisch die kleine Violine und folgte dem Jungen. Als er in das Zimmer bei dem Stadtpfeifer trat, wo dessen Bande sich zu versammeln hatte, fand er schon alle Gesellen und Lehrjungen vereinigt. Der oberste Geselle theilte eben die Noten aus, und um seine Blätter in Empfang zu nehmen, legte Jacob die Geige auf den Tisch. In demselben Augenblicke trat ein anderer Bursche herein, und sagte zu Jacob, vaß draußen ein Bote seiner warte, der ihn sofort sprechen wolle. Jacob ging hinaus; er fand Niemanden auf der Hausflur; er schritt zur Hausthür hinaus, aber auch auf der Straße fand er Niemanden; sie war still und menschenleer wie immer. War der Bote wieder fort, weil er nicht warten konnte? oder war es ein Streich, den man ihm spielte? Jacob dachte kaum daran, so sehr war seine Seele von ihrem Gram eingenommen. Er kehrte still in die Stube zurück. Er fand sich allein, die Leute waren alle schon fortgegangen, zu einer anderen Thüre hinaus, die Gesellen und die Lehrjungen. Er trat zum Tisch, um die Notenblätter und seine Geige zu nehmen. Sie lag da — aber in welchem Zustande! Die Saiten waren zerschnitten, die Wirbel herausgeriflen, der schön geschnitzte Steg lag zerbrochen auf der Erde.. . Ein Wuthschrei entquoll den bebenden Lippen des Jünglings. Er faßte die Geige, die entstellte, geschändete, fast vernichtete, und stürzte in die Stube des Meisters. „Herr!" schrie er, „das haben Eure Leute aus meiner Geige gemacht!" ... Der Pfeifer, welcher auf die zu erhoffende Belohnung des Bürgermeisters hin bereits sehr tief in das Glas geguckt, besah den Schaden und schüttelte das Haupt dazu. „Wer hat Dir aber auch geheißen, diese Geige mitzubringen?" sagte er endlich. „Wie? Habt Ihr es mir nicht ausdrücklich befehlen lassen?" erwiderte Jacob entrüstet. „Ist mir nicht eingefallen; ich habe Deine Geige jemals weder gesehen noch gehört, und habe an andere Dinge zu denken. Sie paßt mir nicht einmal unter meine Instrumente, und ihr Ton hätte mit diesen gar keinen Einklang gehabt. Nein, ich habe Dir nichts dergleichen sagen lassen." „So war es ein tückisch angelegter Verrath! So hat man mich mit meiner Geige hierher gelockt, um sie mir so schändlich zu ruiniren! Ich verlange, Meister, daß Ihr diesen Frevel streng bestraft!" Der Stadtpfeifer zuckte die Achseln. „Wer hat es denn gethan? Nenne mir ihn." Jacob wußte es nicht. „Sie haben es Alle gethan, sie waren Alle wider mich verschworen, Burschen und Gehülfen waren im Complot mit einander!" Der Stadpfeifer fuhr auf. „Nun, so laß mich in Ruhe! Ich bin kein Richter, der eine Untersuchung anstellt. Und soll ich etwa alle meine Gehülfen fortschicken und alle meine Lehrjungen durchprügeln, und das um eines Judenjungen willen, und um seine vermaledeite Geige? Scher' Dich zum Henker, nimm Deine ordentliche Violine und geh sofort zu Bürgermeisters. Ich komme gleich nach, die Stunde ist da." Damit wandte er Jacob den Rücken und ging zum Schranke, um seinen schäbigen Staatsrock herauszuholen. Jacob stürzte aus dem Hause. Krampfhaft hielt er den Hals der Geige umklammert. Vielleicht hätte er sie an dem ersten besten Pfosten oder Stein zerschmettert, wäre er nicht so übermäßig erschüttert und vom Sturme der Wuth und der Verzweiflung getrieben gewesen, daß er an Nichts dachte, von Nichts Bewußtsein hatte, als: „Fort, fort aus dieser Hölle!" Ja, fort aus dieser Hölle, raunten alle Stimmen seines Geistes ihm zu, riefen sie alle wild durcheinander, und er hörte auf sie, und er folgte ihnen. Kann ich noch einmal in das Fürth'sche Haus einkehren, und das Antlitz jenes Mädchens sehen? Kann ich noch einmal die plumpen Gesichter jener gehässigen Kerle sehen und ihr Spottlächeln über mein Unglück, über ihren ungestraften Frevel gewahren? Fort, für immer fort auS dieser Hölle! Was sollte mich zurückhalten? was mich hier fesseln? Das Wort des Vertrages, den der unwissende Pfeifer nickt gehalten, als er ausdrücklich versprochen, mich die Kunst der Musik zu lehren, von der er keinen Laut versteht? Mag er die Häscher hinter mir drein schicken, mich zu fangen und in seine Knechtschaft zurückzubringen! Ich werde ihm und ihnen entrinnen. Mit diesen Gedanken eilte er in seine Dachkammer, raffte seine wenigen Sachen zusammen und schnürte sie in ein Bündel. Eben wollte er den Raum verlaßen, in welchem er so viele Stunden der Begeisterung, aber auch des Kummers verbracht, als ihm die Geige in das Auge siel, die er auf die Kiste gelegt, um seine armselige Habe zusammenzupacken. Einen Augenblick stand er still. Sollte er sie zurücklassen, daß der erste Beste sie an sich nehme, der die Kammer betreten würde? Sollte er sie jenem Mädchen zurücksenden, das sie ihm übergeben hatte, um ihr zu sagen: siehe das hast Du aus meinem Herzen gemacht, so sind alle Saiten meiner Seele zerschnitten, so alle Wirbel meines Geistes herausgerissen, so der feste Steg meines Lebens zerbrochen! . .. Nein, nein! Er will sie mitnehmen, er kann doch das letzte Erinnerungs-