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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-05-25 · Heft 21 (25.5.1869) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 21 (25.5.1869)
Date
1869-05-25
Page
Seite 422 (sequence 34)
Language
German
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422 sikalischen Triebes die höchsten Stufen erreichbar zeigte. Damit stieß er kräftigen Fußes, wie einst Tell das Boot in die kochende See zurück, alle diese Menschen in die Brandung des Lebens, und sprang sicher auf die Höhe der Felsplatte, von welcher er weiter und weiter zu klimmen vermochte. . . Und war es denn schon so ausgemacht, daß er Lina aufzugeben habe? Daß sie sich in der Lust der heiteren Jugend aus dem Gleichmaß der Dinge um sie her durch den Schwätzer aus Berlin in eine fröhliche Stimmung versetzen ließ, war dies ein Unrecht? Ja, konnte sich hinter jene strenge Miene, hinter jenes zurückhaltende Benehmen nicht dennoch eine Neigung verbergen, die sich eben nicht kundgeben will, weil alle Verhältnisse noch dagegen sprechen? Man sieht, Jacob machte Fortschritte, und er, der kindliche und unerfahrene Krabe, konnte schon schlau sein. Jener Moment am Krankenlager ihres Vaters, wo sie an seine Brust gesunken, wo sie ihn mit Du angeredet, trat vor ihn, und entzündete ihm Herz und Phantasie. .. Doch wir wollen ihn nicht weiter auf den Jrrgängen verfolgen, auf denen seine ringende, kämpfende Seele sich umhertrieb. Er kam zu dem Enschlusse, am anderen Morgen alsbald zu Lilienthal in den Gasthof zu gehen und ihn um nähere Auskunft über Bach und Leipzig zu bitten. Damit kehrte er nach Hause zurück, und schlummerte bald ruhig auf seinem Lager ein, als ob er nicht eine Stunde zuvor mit den Krallen der Leidenschaft sein blutendes Herz zerrissen hätte. Am anderen Morgen konnte Jacob seinen Enschluß nicht gleich ausführen, denn ein Lehrling seines Herrn berief ihn eiligst zu diesem, da der Herr Bürgermeister hohen Besuch bekommen und den Stadtpfeifer mit seiner Bande zu etwas Musik während der Tafel befohlen hatte. Es mußte schnell Etwas eingeübt werden. Herr Lilienthal hatte in derselben Nacht nicht so gut geschlafen wie sein Nebenbuhler. Sein Geschäft im Städtchen war zu Ende; er sollte den anderen Tag abreisen. Den Abend hatte er bei Fürth's zugebracht, und sich an der Anmuth und Liebenswürdigkeit Lina's ganz berauscht. Nicht blos die Schönheit ihres Gesichtes und ihrer Gestalt bezauberte ihn, der Wohlklang ihrer melodischen Stimme, die Sinnigkeit aller ihrer Worte, die Feinfühligkeit ihres ganzen Benehmens überraschten ihn jeden Augenblick und machten ihn zu ihrem Gefangenen. Er kannte ja viele Frauen in der Residenz, die an Bildung und Wissen weit über Lina standen. Aber diese Eigenschaften, die er sonst so hoch pries, schienen ihm hier vor der Natürlichkeit des Provinzmädchens in Nichts zu verschwinden. Dies plagte ihn während der ersten Stunden der Nacht. Er sollte abreisen; wer konnte sagen, wann er wiederkäme, denn es standen Veränderungen in dem Personal des Hauses Jtzig & Co. bevor; wer konnte sagen, ob unterdeß nicht ein Anderer Lina's Herz und Hand gewinnen könnte? Dieser Gedanke empörte ihn und riß ihn zugleich hin. Nein, sie mußte die Seine werden. Freilich, er hatte es sich anders gedacht; er hatte immer von einer reichen Heirath geträumt, die ihn befähigen würde, auch seinerseits ein bedeutendes Capital in die Fonds von Jtzig & Co. hineinzulegen, daß er dadurch an Gewicht und Einkünften in dem großen Hause nicht wenig wachsen werde. Lina brachte ihm nur ein bescheidenes Vermögen mit; der Reichthum des Vaters wurde dereinst in zu viele Antheile zersplittert durch die Zahl der Kinder, und man gab damals noch keine großen Mitgifte mit, welche den Vater ruiniren, während der Schwiegersohn damit speculirt und oft seinerseits auch zu Grunde geht. Einen Augenblick gedachte er auch seiner blasirten Freunde in der Residenz, die über ihn spotten würden, daß er sich dem Lächeln eines Landgänschens ergeben habe. Dieser Gedanke ging aber schnell vorüber, denn er war der Siegerschaft seiner schönen Angebeteten so gewiß, daß ihr Spott sich schnell in den blassen Neid wandeln werde. Kurz, die Liebe schwoll ihm in der Stille der Nacht so über alle Habgier und Eitelkeit hinaus, daß er den Entschluß faßte, den letzten Besuch im Fürth'schen Hause zu benutzen, sich um die Hand Lina's zu bewerben. Die einzige Probe, die er sich noch auflegen wollte, war, ob er am anderen Morgen im nüchternen Lichte des Tages diesen Entschluß noch unbedingt festhalten werde. Hiermit schlief auch er ein. Der Morgen kam, und Lilienthal fühlte beim Erwachen fast ein noch größeres Verlangen, das Geschäft seiner Liebe abzumachen, als vor dem Einschlafen. Kaum vermochte er ruhig sein Frühstück zu nehmen, eine sorgfältige Toilette zu machen und die Zeit abzuwarten, wo es sich schicke, zu Fürth's zu gehen. Nun, wir wollen die Geschichte seiner Bewerbung, die höchst einfach war, nicht näher beschreiben. Herr Fürth war erstaunt, seinen jungen Freund schon so früh bei sich zu sehen. Dieses Erstaunen gab die beste Einleitung ab, um dem Vater die Hand der Tochter abzufordern. Herr Fürth war sehr erfreut darüber, denn er hielt Herrn Lilienthal für die beste Partie, die seine Tochter machen könne, sprach ihm ihre Hand zu und verwies ihn an Lina. Dasselbe Erstaunen bei Lina über den frühen Besuch, dieselbe günstige Veranlassung zur Erklärung, ein Erblassen, ein Zittern des Mädchens, und — der Bund war geschlossen. Ueberglücklich schloß Lilienthal seine Verlobte in seine Arme und drückte ihren rosigen Lippen den ersten Kuß auf, den sie ihm zögernd gab, aber nicht verweigerte. In diesem Augenblicke — trat Jacob in das Zimmer. Er war im Gasthofe, wo er nach Lilienthal gefragt, hierher gewiesen worden. Er trat in das Gemach, und sah Lina in den Armen Lilienthal's. Er wankte wieder zur Thür hinaus, und stürzte nach seiner Dachkammer. Zerschmettert, bewußt- und gefühllos, ohne Gedanken und Empfindungen saß er auf dem dreibeinigen Schemel, den Kopf in die Hände versunken, wer weiß wie lauge? .. . Da kam abermals ein Lehrbursche des Stadtpfeifers. Wo Jacob bliebe? Die Zeit, zum Bürgermeister zu

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