Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1869)
- Date
- 1869-05-25
- Page
- [Seite] (sequence 33)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung -cs Zudenthums. Feuilleton-Leilage zu Ar. 21. Leipzig, den 25. Mai 1869. Ein Musikant. Erzählung aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. «Fortsetzung.» Wenn unter der Oberfläche der Erde ein dumpfes Rollen sich vernehmbar macht, wenn der Boden unter unseren Füßen zittert, sich hebt und senkt wie die Wellen des Meeres, wenn das Haus, in welchem wir so traulich gewohnt, Freud' und Leid erlebten, zusammenbricht — dann werden wohl die Balken, welche in das Feuer des heimischen Heerdes stürzen, von den Flammen gefaßt, und nach kurzer Zeit steigt aus den Trümmern eine Feuersäule auf, welche die Reste der Ruinen verzehrt und Alles, was stehen geblieben, mit dem Untergang bedroht. Dies ist das Bild dessen, was in der Seele unseres armen Jacob vorging. Von allen seinen Wünschen und Hoffnungen war nur noch ein Trümmerhaufe übrig geblieben, aus welchem eine verzehrende Flamme bis zum nächtlichen Himmel sich erhob. Je lauterer und unschuldiger sich der Geist eines Jünglings erhalten, desto stürmischer wühlen die Leidenschaften, haben sie ihn einmal ergriffen. Die ganze ungeschwächte Kraft ist entfesselt und macht das Fundament seiner Seele erzittern, und hebt und senkt den Boden, auf welchem sie bis jetzt so traulich und friedlich geweilt, und entzündet sich zu einer rasenden Flamme, welche ungezügelt durch die Trümmer bricht. Enttäuschung, Eifersucht und unbefriedigtes Verlangen wühlten in seinem Innern. Er sah den kalten Blick, die strenge Miene wieder, mit denen Lina ihm die Geige übergeben, als er offen und unverdeckt das ganze Innerste seines Gemüthes sie sehen ließ; und dann wieder vernahm er das heitere Lachen, schaute das leuchtende Antlitz des geliebten Mädchens, als der Geck aus der Residenz neben ihr saß und seine Scherze und Schilderungen im vertraulichsten Tone auskramte und feine Redensarten ihr zuflüsterte. Das ging ihm wie eine scharfe Sichel durch die zarten Stengel der Blumen, die auf den still gepflegten Rabatten seines Herzens aufgesproffen. Ach, sein Götterbild war ihm zerschlagen, und aus der ätherischen Hülle ein ganz gewöhnliches Weib — so meinte er jetzt — hervorgegangen. Und war das Alles? Seine Nacht war noch düsterer. Er sah sich eingesperrt in einen finsteren Kerker, und Feffeln klirrten um seine Arme und Füße. Noch anderthalb Jahre war er dem Stadtpfeifer verkauft, in die erbärmliche Tretmühle der Tanzmusik gebannt; noch so lange sollte er den leeren Becher an seinen Lippen halten, die vor Durst verdorrten! Immer lebendiger ward sein Genius in ihm, immer entschiedener drang dieser auf Befriedigung, an der reinen Quelle der Kunst zu schöpfen, die Bande der Unkenntniß zu lösen, die ihn am Schaffen und freien Wirken hinderten. Aber es war ja keine Aussicht, keine Hilfe sichtbar. Freilich erschien ihm da ein Licht, aber in weiter Ferne. War es ein Irrlicht für ihn, nach welchem er umherirren sollte, das er nicht erreichen, das ihn zuletzt vielleicht nur in einen um so tieferen Sumpf verlocken konnte? Bach — Leipzig — wer war Jener? wo lag dieses? Unser Held wußte es nicht. War es weit bis dahin? Wer sollte ihm den Weg zeigen? Wie sollte er zu dem großen Meister gelangen, wie würde er ihn aufnehmen? Für alle diese Fragen hatte er keine Antwort ... In diesem Sturme streifte er durch das Dunkel des Waldes. Dennoch verzweifelte er nicht. Das Licht war doch da, und wurde ihm heller und größer. Lehre mich Einer die Jugend kennen! Das ist keine Zeit des Berzweifelns. Je tiefer der Muth sich senkt, desto höher hebt er sich gleich wieder; schwindet die Hoffnung — einen Augenblick, und sie tritt von der anderen Seite desto leuchtender und zuversichtlicher wieder heran. Die tiefste Demüthigung ruft rasch eine neue Erhebung, ein um so stolzeres Bewußtsein hervor. Ja, gegen alle diese niederdrückenden Gewichte erhob sich in unserem Jacob — sein künstlerisches Genie. Er kannte und begriff dies nicht, aber desto mehr fühlte er es, erfüllte es ihn, war es der Odem seines Lebens, war es der Pulsschlag seines Daseins. Und merkwürdig, kleine Lichtpunkte werden schnell zu großen Sternen. Jacob hatte nie recht gewußt, wohin ihn eigentlich sein Genie führen könne ^— die paar Worte Lilienthal's über den Organisten in Leipzig und den Mustkdirector des Königs in Berlin hatten ihm Aufschluß gegeben. Dies war das Selbstbewußtsein des Genies, daß sich Jacob nunmehr schon als Organisten und Musikdirector sah, daß ihm die Vollkraft seines mu-