Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-05-25 · Heft 21 (25.5.1869) · p. Seite 410

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 21 (25.5.1869)
Date
1869-05-25
Page
Seite 410 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226712--27211-3262781
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

410 rechten aller Völker der Seligkeit theilhaftig." Zu Salomos Zeit gab es schon 200,000 Fremde in dem kleinen Ländchen, und der Prophet Ezechiel befiehlt ausdrücklich bei der neuen Bertheilung des Landes, jedem Fremden ein Grundstück znzuertheilen, und schon der Pentateuch befiehlt wiederholt, daß Ein Gesetz und Ein Recht für den Fremden wie für den Einheimischen sei. Das ist die geschmähte Intoleranz des Judenthums und die gerühmte Toleranz des Islams. Das Nähere sehe man in unserer Abhandlung über den „Islam und sein Verhältniß zum Judenthum und Christenthum" im zweiten Bande unserer „Weltbewegenden Fragen" S. 29 l ff. — Jndeß machen wir aus dieser Unkenntniß dem Herrn vr. Jäger noch keinen großen Vorwurf. Was soll man aber zu Folgendem sagen? S. 116 heißt es: „Um den Fortschritt, den das Christenthum gegenüber dem Judenthum schuf, zu begreifen, müssen wir uns wieder an unsere Religionsurkunde wenden, in welcher der Stifter unserer Religion das Wesen derselben in folgender Weise zusammengefaßt hat. Als ihn ein Schristgelehrter fragte: „Meister, welches ist das vornehmste Gebot im Gesetz?" antwortete er: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüth. Dies ist das vornehmste und größeste Gebot. Das ändere aber ist dem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst." Also zwei Gesetze sind es, welche er proklamirte, die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten. Wie lautete nun das bei den Juden? Ihnen wurde gesagt, du sollst Gott fürchten. Die Furcht ruft dem Menschen ein Halt zu. Es ist mit der Gottesfurcht in diesem Sinn, wie mit jeder anderen Furcht. Sie schließt die Energie des Fortschritts aus; sie verhindert die Annäherung." Also der Fortschritt des Christenthumö gegen das Judenthum besteht darin, daß der Stifter jenes die beiden Sätze verkündete: „liebe deinen Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Vermögen" und „liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Und hat nicht der Stifter des Judenthums diese Sätze proklamirt? Sind sie nicht wörtlich den fünf Büchern Mosis entlehnt? (5 Mos. 6, 5. 3 Mos. 19, 18.) Betrachten nicht die Juden seit uralter Zeit diese beiden Sätze als die Hauptgebvte? Repetiren sie nicht den ersten derselben täglich drei Male in ihrem höchst gehaltenen Gebete? Hat nicht ein halbes Jahrhundert vor Jesus ein jüdischer Weiser fast mit denselben Worten gesagt: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst" ist das ganze Gesetz, alles Uebrige nur Erklärung? Fünfzehn Jahrhunderte früher waren also diese Hauptgebote proclamirt, und nun soll der Fortschritt des Christenthums gegen das Judenthum in diesen beiden Geboten bestehen! Dafür soll den Juden nur gesagt sein: „Du sollst Gott fürchten." Ja, es ist wiederholt im Pentateuch gesagt: „Ehrfürchtige den Ewigen, deinen Gott!" Aber diese Ehrfurcht ist kein Gegensatz zur Liebe; im Gegentheil, die innige Mischung von Ehrfurcht und Liebe, die Vereinigung beider als ein heiliges Gefühl adelt erst recht unsere Gesinnung und unsere Stellung zu einem höheren Wesen. Die Ehrfurcht schützt die Liebe vor sentimentaler Verzärtelung, und die Liebe schützt die Ehrfurcht davor, zu knechtischer Furcht zu entarten. Ehrfürchten und lieben wir unsere Eltern nicht zugleich? und wenn der Herr vr. Jäger daran zweifelt, daß das Judenthum diese Verschmelzung von Ehrfurcht und Liebe zu Gott lehrte, so lese er 5. Mos. 10, 12. „Und nun, Israel, was fordert der Ewige von dir, als daß du Ehrfurcht habest vor dem Ewigen, deinem Gotte, in seinen Wegen wandelst, ihn liebest und ihm dienest von deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele?" — Wir wiederholen, was wir schon öfter gesagt, wir machen Niemandem ein Vergehen daraus, wenn er seine Bibel vergessen, oder wenn er sie niemals gelesen hat — so sehr wir das Gegentheil wünschen — aber das rechnen wir Jedem als eine Sünde an, über sie zu urtheilen, ohne sie zu kennen, über sie vornehin abzusprechen, ohne nur das ABC derselben inne zu haben! Was ist aus der vielgerühmten deutschen Gelehrsamkeit und Gründlichkeit geworden! — Man wird nach diesen Beispielen kaum begierig sein, die weiteren Expectorationen des Herrn Jäger zu hören. Er sieht z. B. in den Stammesverhältniffen im israelitischen Staat eine Einengung des Fortschrittes. Nun, das war kein Dogma des israelitischen Staates, sondern nur ein geschichtliches Faktum wie in allen antiken Völkern, wie auch bei den Athenern u. s. f. Und weiß Herr vr. I. nicht, daß diese Stammeseintheilung schon mit der Rückkehr aus Babel verschwunden war, also der israel. Staat 600 Jahre bestand ohne dieselbe? Nein überall kommt es hier auf die Prinzipien an, nicht auf einzelne historische Thatsachen. Und diese Prinzipien des mosaischen Staates waren die unbedingte Gleichheit aller Mitglieder des Volkes, ohne Unterschied der Stämme, Geschlechter und Familien, und die persönliche Freiheit — während in Athen und Sparta und Rom nur eine Freiheit der erblichen Stadtbürger bestand; kein Adel wie die Patri-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.