Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1869)
- Date
- 1869-05-25
- Page
- Seite 409 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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409 stattet. Wir werden dann gern auch in der Selbstbeurcheilung nach Unparteilichkeit streben, und die Mängel, die einer 4000jährigen geschichtlichen Erscheinung ankleben müssen, eingestehen, weil wir gewiß sind, deren Vorzüge anerkannt zu sehen. Wie sich die Dinge bis jetzt gestalten, müssen wir leider erkennen, daß der seit 18 Jahrhunderten stattfindende, von Seiten der Bekenner des Christenthums ununterbrochen geführte Prozeß gegen Judenthum und Juden noch nicht zu Ende gebracht ist, vielmehr immer neue Ankläger darin auftreten; und mag man nun unsere Verteidigung obendrein als „krankhafte Empfindlichkeit" auslegen — wir werden nicht aufhören, unsere Vertheidigung zu führen, bis das weltgeschichtliche Gericht den Prozeß für spruchreif erklärt und sein unparteiisches Urtheil fällt. — Wir wollen Herrn Professor Birchow gleich einen Beweis liefern. Bor Kurzem erschien: „Die Darwinsche Theorie und ihre Stellung zu Moral und Religion von vr. G. Jäger (Stuttgart, Jul. Hoffmann)." Es versteht sich wohl von selbst, daß wir in dieser kritischen Skizze uns nicht mit einer Besprechung der Darwinschen Theorie, sowie der Darstellung, die der Verfasser von ihr giebt und der Gründe, welche er für sie heranbringt, zu streiten beabsichtigen können. Da aber der Verfasser auch über die Religionen aburtheilt, welche Unkenntniß legt er hinsichtlich des Judenthums dar, und doch mit welcher Sicherheit zieht er seine Schlüsse. Wir sind weit entfernt, Herrn I>r. Jäger eine böse Absicht zuzuschreiben, es ist bei ihm reine Befangenheit, in welcher ihn ein mangelhaftes Wissen auf dem religiösen Gebiete unterstützt. Die naturhistorische Entwickelungstheorie giebt ihm auch die geschichtliche Entwickelungstheorie des Menschengeschlechtes an die Hand. Run, der Ansicht über die Entwickelung in der Menschengeschichte huldigen auch wir mit ganzer Seele. Sie ist ja eine nothwendige Consequenz aus der Lehre von der göttlichen Vorsehung. Aber der Unterschied liegt darin, daß der Verfasser wie viele Theoretiker diese Entwickelung als einen reinen Schematismus ansieht, in welchem nothwendig eine Stufe über die andere genau gegliedert in größerer Vollkommenheit sich aufbaut, wir aber diese Entwickelung als vollen Lebens anschauen. Da geschieht es denn auch, daß eine ursprüngliche Phase an die nachfolgenden einen Theil ihres Inhalts abgiebt, den sie in ihrer Art verarbeiten und erweitern, die ursprüngliche aber den vollen und ganzen Inhalt bewahrt um ihn erst noch weit späteren Phasen übergeben zu können. So sehen wir Judenthum, Christenthum und Islam an. Und haben wir nicht Aehnliches auf anderen Gebieten? Kann die moderne Welt bei all' ihrer großartigen Entwickelung der griechischen und römischen Kunst und Literatur entbehren? Sind diese nicht noch für uns und für spätere Zeiten Quellen des lebendigen Geistes, aus denen wir schöpfen müssen, um vor Entartung und Einseitigkeit geschützt zu werden? Nach dem Entwickelungsschematismus müßten sie als untergeordnete Stufen nichts als ein historisches Interesse haben, sonst aber in dem Staube vermodern, dem sie längst angehören. Wir haben eine höhere Idee von der Menschheit und der Menschennatur. Jede Phase entwickelt einen eigentümlichen Inhalt in einer energischen Weise bis zu einer gewissen Vollendung in ihrer Art; davon erbt und zehrt die Nachwelt, und wenn auch in der Gesammtentwickelung nun die folgenden Phasen eine höhere Stufe einnehmen, so stehen sie darum in ihren speziellen Schöpfungen doch nicht vollkommen über den früheren. Herr Jäger mußte nach seinem Schematismus durchaus im Islam und Christenthum höhere Stufen finden als das Judenthum einnahm, so wie dieses gegen die „Naturreligionen" höher stand. Man liest bei ihm z. B. S. 115: „Die Kraft des Muhammedanismus lag gegenüber dem Judenthum noch darin, daß er Toleranz übte gegen Andersgläubige, während die Juden sich abschlossen gegen die Heiden." Das schreibt ein deutscher Gelehrter, und weiß nicht, daß der Koran wörtlich sagt: „Die Ungläubigen sind Genossen des Höllenfeuers und werden ewig darin bleiben," und an einer anderen Stelle: „Tödtet die Ungläubigen, wo ihr sie treffet; bekämpfet sie, bis die Versuchung aufgehört und die Gottesreligion gesiegt hat." Also auf Erden sollen die Ungläubigen getödtet werden und im Jenseits sitzen sie ewig im Höllenfeuer — das ist die Toleranz des Islams, welche nach Herrn Jäger dem Judenthum fehlte. Ja, diese Toleranz fehlte ihm. Der Eroberungskrieg in Canaan war eben nichts anderes, als dem heimathlosen Volke einen Wohnsitz zu erobern, wie dies durch die ganze Geschichte der Völker geht, und viel eher zu rechtfertigen ist, als die zahllosen Kriege der civilisirten Staaten um einige Stücke Landes oder im Interesse einer Dynastie. Aber außer diesem Eroberungskriege zeigt die jüdische Geschichte keinen einzigen Angriffskrieg um des Glaubens willen, und die Berdammniß aller Andersgläubigen zur j Hölle kennt es erst recht nicht, sondern sie erklärt die „Ge-