Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1869)
- Date
- 1869-05-25
- Page
- Seite 408 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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408 mit dem Vorschläge gewandt, einen Verein zu bilden, welcher die Auswanderung der Israeliten zum Zwecke habe und wo möglich, um des Erfolges nach allen Seiten sicher zu sein, den Gouverneur mit in's Interesse zu ziehen. Das Cvmita hat sofort geantwortet, daß es mit Freuden auf meinen Vorschlag eingehen wolle, und daß auch der Gouverneur eingewilligt habe, an die Spitze des Vereins zu treten. Der Gouverneur lasse mir seinen Wunsch aussprechen, daß ich selbst zu diesem Zwecke nach Kowno komme, wohin gleichzeitig auch noch der Redacteur des Hammagid, Silbermann aus Lyk, eingeladen werden solle, um gemeinschaftlich über die Schritte zu berathen, welche nun zunächst zu thun seien. Ich werde mich, so Gott will, kurz nach unserem Wochenfeste dorthin begeben, und dann später über den Erfolg in diesen Blättern Bericht erstatten.*) vi. Rülf. Lroschürenliteratur. In der DLmmler'schen Verlagsbuchhandlung in Berlin ist die bekannte Abhandlung des Bibliothekars am britischen Museum in London, Emanuel Deutsch, über den Talmud, welche in England so großes Aufsehen gemacht, daß sie bereits 7 Auflagen erlebte und von christlich-theologischer Seite eine Menge Streitschriften hervorrief, in autorisirter deutscher Uebersetzung erschienen. Wir haben diese Abhandlung bereits in diesen Blättern besprochen und können sie dem gebildeten Leser, der ohne Selbstkenntniß des Talmuds, sich über diesen, besten Anlage und Wesen einen Ausschluß verschaffen will, nur dringend empfehlen. — Louis Gerschel < Berlin) hat die beiden in der Neuen Freien Presse erschienenen ausgezeichneten Kritiken über „die Meistersinger" und das antijüdische Pamphlet Richard Wagners von Wilhelm Lübke und Eduard Hanslick in einer Broschüre abdrucken lassen, welche für Alle, die jene Artikel noch nicht gelesen, von hohem Interesse sein muß, da jene Kritiken in der That mit großer Sachkenntniß, Scharfblick und Würde abgefaßt sind. — Gegen die in Nr. 18 d. Bl. besprochene Broschüre des Or. Cassel contra Prof. Virchow hat der Letztere in seinem Archiv für *) Wir bemerken hierzu, daß das Comitö zu K o w n o uns bereits vor drei Monaten über den Plan, ein Auswanderungscomito zu bilden, geschrieben hat. Redaction. pathologische Anatomie u. s. f. eine Erwiderung erscheinen und auch separat abdrucken lassen. Er bemängelt in dieser den Nachweis Cassel's hinsichtlich altjüdischer Krankenpflege, beruft sich nochmals aus den Eroberungskrieg in Canaan zu Josua's Zeit, und hebt als Vertheidigung vorzugsweise hervor, daß die Juden an einer krankhaften Empfindlichkeit litten, welche jede sie unangenehm berührende Aeußerung gleich zu einem bitteren Angriff veranlasse. Dies ist gegenwärtig eine Melodie, welche man von allen Seiten spielen hört, so daß man abwarten muß, bis sie dem Publicum zum Ueberdruß geworden. Die Phrase bedeutet eigentlich nichts weiter, als: laß dich stoßen, laß dich treten, und — schweig still! Nachdem die Juden mehr als anderthalb Jahrtausende geschmäht und verketzert worden, und — schweigen mußten, kann man sich jetzt noch nicht daran gewöhnen, daß sie, wenn man sie, ihre Geschichte, ihren Charakter und ihre Befähigung angreift, sich vertheidigen, und wenn sie dies mit Lebhaftigkeit thun, so nennt man dies einen Angriff. Spricht man Ihnen alle geistige Befähigung ab und schildert sie als gedanken- und herzlose Wesen, so bezeichnet man ihre Vertheidigung als — „krankhafte Empfindlichkeit." Verketzert man ihren Glauben und ihr Gesetz, ihr Volk und ihren Staat als intolerant, fremdengehässig, barmherzigkeitslos, hierarchisch u. s. w., und sie erweisen das Gegentheil, so bezeichnet man dies als — „krankhafte Empfindlichkeit." Wir geben zu, daß in der Hitze des Gefechts der Ton oft etwas zu heftig angeschlagen und die Farben zu stark aufgetragen werden. Allein man darf nicht vergessen, daß wir Juden es niemals mit einer blos persönlichen Ansicht, mit einem flüchtigen Paradoxon zu thun haben, sondern mit Jahrtausend alten Borurtheilen, mit weitverbreiteten und immer wieder anerzogenen Gehässigkeiten, die in gebildeten und ungebildeten, in gelehrten wie ungelehrten, in aufgeklärten, wie beschränkten Personen gleichmäßig vorhanden sind und gleichmäßig genährt und gepflegt werden. Das läßt sich nicht mit Sainmtpfötchen angreifen. Wenn man uns „krankhafte Empfindlichkeit" zuschreibt, so müssen wir der anderen Seite „krankhaftes Vorurtheil" zuschreiben, und wenn man diesem statt Heilnur Stärkungsmittel beibringt, so müssen wir auf Gegenmittel, auf Antidota denken. Ja, auch wir sehnen uns nach der Zeit, wo ein wirklich unparteiischer Geist sich geltend machen wird, wo für uns nicht blos ein und derselbe Nordwind wehe, sondern eine beruhigte Atmosphäre, freie Athemzüge und freies Gebühren ge-