Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1869)
- Date
- 1869-05-25
- Page
- Seite 407 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3226690-3226712--27208-3262778- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
40? Wie ist den nothleidendeu Juden in Westrußland zu helfe»? Wir erhalten ferner folgende Zuschrift: Memel, den 7. Mai. Der Unterzeichnete hat ein Schreiben an den Gouverneur von Kowno, Fürst Obolenski, gerichtet, in welchem er demselben Bericht über die bisherige Wirksamkeit deS hiesigen Unterstützungscomitös erstattet und dann fortfährt: Doch dürfen wir Ew. Durchlaucht nicht verhehlen, daß alle diese Summen und wären es Millionen doch nur dazu dienen können, augenblicklich Linderung zu verschafsen. Wir können uns leider der Beforgniß nicht erwehren, daß bei dem Stande der Dinge unter den westrussischen Israeliten der Nothstand jederzeit wieder hervortreten kann, hervortretenmuß. Einer solchen Eventualität gegenüber wären wir macht- und rathloS. Und wenn wir auch zum dritten Male unsere UnterstützungSthätigkeit aufnehmen wollten, wir befänden uns doch jeder Zeit auf dem Standpunkte eines schlechten Arztes, der da stets auf das Symptom loscurirt, glaubend das Uebel dadurch heben zu können. Unser stetes und nachhaltigstes Streben müßte es darum sein auf eine das Uebel bei der Wurzel erfassende Heilung zu sinnen. Abgesehen nun von der Einführung solcher Zustände, die wir, von unser» heimathlichen preußischen ausgehend, als die bessern erkennen, und die sich doch nur sehr schwer auf einen andern Boden, wenigstens nicht auf einmal verpflanzen lassen, sei eS dem Unterzeichneten unterthänigst verstattet, auf einen einzigen Umstand aufmerksam zu machen. Sobald man die russische Grenze überschritten und sich auf preußischem Boden befindet, ist der Zustand der Israeliten sofort ein anderer. Sie wohnen dort bei weitem nicht mehr so dicht beisammen und die dort befindlichen israelitischen Gemeinden sind wohlhabender, intelligent, und stehen in geregelter, bürgerlicher Gewerbs- und Erwerbsthätigkeit keiner preußischen Stadt nach. Daneben findet man in den meisten größern und kleinern preußischen Städten von Memel bis Aachen, von der russischen bis zur französischen und belgischen Grenze, noch gar nicht so sehr lange ansässig, eine sehr große Anzahl Israeliten, aus den preußischen Länderstrecken längs der russischen Grenze stammend, in geachtetster Stellung, als tüchtige Kaufleute und Industrielle lebend und wesentlich zur Hebung und Belebung des preußischen Handels und der Industrie daselbst beitragend, — woher nur dieser gänzlich veränderte Zustand der Israeliten in diesen preußischen Länderstrecken, die doch früher mit den angrenzenden russischen vereinigt waren? Der Grund ist nicht schwer aufzufinden, er ist im Vorhergehenden bereits angedeutet, er liegt in der in Preußen herrschenden vollkommen unbeschränkten Freizügigkeit. Damit ist denn auch das erste und Hauptmittel angedeutet, das eine Radicalcur zur Beseitigung des in Rede stehenden Uebels vor allem Andern anwenden muß. Wie in Preußen vollkommene Freizügigkeit, Erwerbe- und Gewerbefreiheit — beides ist unzertrennlich das Eine vom Andern — wozu dann freilich noch ein Drittes hinzukommen muß, vollständige Beseitigung alles Paßzwanges. Das ist vorerst das einzige Mittel um bessere Zustände unter der in Rede stehenden israelitischen Bevölkerung anzubahnen und mittelbar in heilsamster Weise auf das russische Weltreich einzuwirken. Der Unterzeichnete macht, unbeschadet er ein guter preußischer Bürger zu sein glaubt; kein Hehl seiner Sympathien für das russische Reich. Bot es doch von jeher ein schützendes Asyl für Millionen seiner Glaubensgenossen; und er identificirt so sehr Glück und Geschick der Israeliten und des russischen Staates, daß er das Eine vom Andern getrennt, sich nicht vorzustellen vermag. Das israelitische Volk assimilirt und accommodirt sich mit einer solchen Leichtigkeit überall, wohin es kommt, den herrschenden Zuständen und Volkseigenthümlichkeiten, und trägt dabei angeerbt in sich einen so vorvortrefflichen Fond alles Guten, selbst da wo er durch eine unscheinbare, vielleicht gar abstoßende äußere Hülle sich dem Forscherblick entzieht — daß überall, wo man es frei walten, w ohne» und w eilen läßt, sich bald Einheit und Einigkeit, Licht und Liebe, Wahrheit uud Gerechtigkeit, Ordnung und Thätigkeit über seine gesammte Umgebung verbreiten. Dieses wollte ich Ew. Fürstlichen Durchlaucht und möchte ich selbst Sr. Majestät dem Kaiser und Höchster Staatsregierung recht warm ans Herz legen. Doch werden Ew. Durchlaucht in allbekannter und gerühmter Humanität und Fürsorglichkeit für Ihre Untergebenen das schon selbst zu thun nicht verfehlen. Gleichzeitig hatte ich mich an das Kownoer ComiH 21*