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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-05-18 · Heft 20 (18.5.1869) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 20 (18.5.1869)
Date
1869-05-18
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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Beilage zur Allg. Zeiümg d. Illdenthums Nr. 20. Zweiter Rechenschafts-Bericht des Unterzeichneten Comite's seit seiner tteuconstituirung. Memel, den 26. April 1868. Jetzt erst glauben wir, hat die Noch unter den westrussischen Israeliten den Culminationspuukt erreicht; denn zu keiner Zeit sind uns so zahlreiche, so dringende und haarsträubende Schilderungen und Bittgesuche aus den Städten und von Privaten zugegangen, wie eben jetzt. In der gestrigen wöchentlichen Comitesitzung erschienen zwei Männer aus dem von uns nicht sehr fernen, von Anfang an zu unserem Unterstätzungskreise gehörigen Städtchen Dorbian und baten um eine Erhöhung der Quote für ihre Stadt. Achai werabüsai! (Brüder und Herren», begann ver Eine: Es handelt sich um „Pikuach-nefesch" (Lebensrettung > bei allen Städten, wir wollen Niemand verkürzen; bei uns aber ist es gar schlimm. In früheren Zeiten war es mein Amt, allwöchentlich Geld für die Armen zu kleiben (einsammelnj, da waren etwa vierzig Ba'alebatinl (Familienhäupter), die zwar nicht viel geben konnten, aber gern gegeben haben; Mancher ist davon bereits Hungers gestorben, und wie Mancher wird noch Hungers sterben; denn wenn man ihnen auch etwas geben könnte, sie werden ihre Noch gar nicht mal blosthun; dabei hat bei uns der Typhus so gewüthet, daß innerhalb fünf Monate das neuangelegte Beth-ölmin »Haus der Ewigkeit, Todtenhofi sich gefüllt hat, und wenn das so fort dauert, so werden wir es kommendes Jahr nicht mehr gebrauchen können; ein neues aber auch nicht — bei uns wird's gar kein Tod mehr geben, weil keiner mehr am Leben sein wird. Mehr als einmal täglich zu essen, daran denkt gar Niemand. Und was essen die Aermsten! — Gemüseabfälle, Kleien oder vielmehr nur die Schalen des Getreides, Spreu und andere nicht einmal zu Viehfutter taugliche Dinge, welche sie sich auf dem Lande bei den Bauern oder in der Stadt erbettelt, vielleicht sich auch um einen oder zwei Copeken erstanden haben. Das Alles wird in Wasser ohne Salz und Schmalz — selbst das Salz ist bei uns längst ein ungebräuchlicher Luxusartikel geworden — abgekocht und gegessen. Brot kennen die Armen schon gar nicht mehr. Der größte Theil unserer Stadtbewohner hat in diesem Jahre gar nicht „Pesach gemacht" (Alles Gesäuerte, wie es das Gesetz verlangt, hinweggeschafft!. Haltet uns darum nicht für weniger fromm und gesetzestreu, denn man hätte am Chomßz-battel-Abend hundert Fackeln anzünden und in „allen Löchern und Spalten suchen dürfen", man hätte auch nicht ein Krümchen Brot entdeckt, es war seit Monden keins in ihre Wohnungen gekommen. Und das Gefundene bis zur Verbrennungszeit vor den Mäusen zu verwahren, auch das wäre nicht nothwendig gewesen. Lacht nicht, ich lache auch nicht! — große Thränentropfen liefen dem Manne die bärtige Wange herunter - bei uns sterben Ratten und Mäuse gleich den Menschen. Wir waren früher, wie ihr wißt, meistens Getreidehändler und durch die von den Bauern und Gutsbesitzern aufgekauften Feldfrüchte, welche wir hierher und nach anderen Ostseehäfen verkauften, hatte sich das genannte Ungeziefer sehr angehäuft, dieses ist aber jetzt entweder Hungers gestorben, oder es kriecht matt in den Häusern und auf den Straßen umher; man kann es nach Gefallen todt treten — Katzen und andere Hausthiere sind längst verhungert. Neulich ereignete sich auf unseren Straßen eine Scene entsetzlichsten Jammers. Ein durchfahrender Bauer hatte einem Knaben ein ziemlich großes Stück Brot geschenkt, sogleich fallen ein paar andere, die das bemerkt hatten, über ihn her, um auch einen Theil davon zu erhaschen; es kommen immer mehr Knaben hinzu, jeder will ein Stückchen erobern; Einer entreißt dem Andern das bereits Erlangte; zuletzt war die Zahl vielleicht auf 50 angewachsen, welche sich balgten, wälzten, wie die hungrigen Wölfe sich zerfleischten, um das Krümchen der seltenen Labe, welche der Andere bereits zum Munde geführt, ihm wieder zu entreißen. Eine große Anzahl Erwachsener war nicht im Stande, die halbverhungerte Kinderschaar zu beruhigen. Entsetzen ergriff uns beim Anhören dieser mit dem echten Humor des Todes vorgetragenen Schilderung. Noch jetzt kann ich, ohne daß das Auge sich mit Thränen füllt, weder daran denken, noch dieses niederschreiben. Wann hätte ich jemals einen solchen Zustand zu erleben für möglich gehalten. — Als ich noch ein Kind im Hause der auch

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