Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1869)
- Date
- 1869-05-18
- Page
- Seite 404 (sequence 20)
- Language
- German
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404 Doch dies Alles währte nur Augenblicke. Man setzte sich zu Tische. Hier war es, wo der Stern Lilienthal's leuchtend aufging und immer höher und höher stieg. Er sprach fast allein; er nahm die Aufmerksamkeit Aller in Anspruch. Mit seinen Anekdoten und Witzworten ergötzte er Herrn Fürth, mit seinen Schilderungen und Berichten Lina. Damals war noch Alles neu und unerhört in der Provinz, was in der Residenz zur täglichen Nahrung gehörte, und darum erfüllte es die Phantasie der Provinzbewohner desto mehr, je weniger sie ihm nahe zu kommen hoffen konnten, je weniger eine Enttäuschung möglich war. E^ ging dem armen Jacob nicht besser als den Uebrigen; aber mitten in seiner Ver- und Bewunderung wuchs das bittere Gefühl, sich weit hinter und unter diesem Manne zu wissen. Er sah vor sich selbst sein eigenes Bild immer mehr erblassen, seine Gestalt zusammenschrumpfen, seine Zukunft sich verdunkeln und aussichtslos werden, und um wie viel mehr mußte dies bei den Menschen statifinden, denen er so gern Alles gegolten hätte. Ach, sie dachten gar nicht an ihn, und selbst die liebe, gute Lina hatte seiner vor den glänzenden Bildern, welche Lilienthal vor ihr entrollte, gänzlich vergessen, so reichlich sie ihn auch mit den ausgesuchten Speisen bedachte, welche heute auf den Tisch kamen. Plötzlich wandte sich der Held des Tages an unseren jungen Helden und sagte: „Nun, junger Künstler, wie steht es bei Euch mit der Musika? Saugt Ihr als fleißige Biene aus den Kunstblüthen der guten Stadt N.?" Jacob schrak zusammen bei dieser unerwarteten Ansprache. Aber Herr Fürth lachte laut auf. „Unser guter Jacob ist keine Biene, denn ich habe noch keinen Stachel an ihm bemerkt, und unser Stadtpfeifer ist keine Blume, man müßte denn die Blüthen dafür rechnen, die sich allmälig auf seiner Kupfernase einstellen." Herr Fürth lachte nun noch einmal, und zwar über seinen eigenen Witz, und die Anderen lachten auch, nur Jacob nicht. „Ich habe es gleich gesagt," fuhr der Berliner fort, „erinnern Sie sich, Herr Fürth, und Sie, Mamsell Lina, der Jacob hat anderthalb Jahre verloren, er konnte und kann hier nichts lernen. Der große Ramler singt: Wer wie ein Aar zu fliegen wünscht, Darf nicht Zaunkönigs Knappe sein. Aber Sie kamen mir dazwischen, Herr Fürth, und ich willigte ein, weil ich den Jacob nur erst aus seinem Dorfe heraushaben wollte und aus der wilden Fidelei, in der er nur ein Dornstrauch, kein Rosenstock werden konnte. Aber ich sage noch heute, er muß nach Leipzig, zu dem großen Bach, zu dem Bach der Bäche, denn alle Bach's sind Meister, aber der jetzige Bach der Hauptbach, zu dem unsterblichen Organisten an der Thomaskirche, den alle Welt rühmt, wenn sie ihn auch nicht versteht. Dahin muß er, wenn Etwas aus ihm werden soll. Das habe ich damals/gesagt, und wiederhole es heute." Jacob horchte hoch auf. Er war ja damals bei dem Gespräche von Mendel und Fürth mit Lilienthal nicht zugegen gewesen. Er hatte weder von Bach, noch von Leipzig jemals Etwas gehört. Aber um desto mehr zündeten diese Worte. Seine niedergedrückte und geängstigte Seele hatte ihre Fühlfäden seit langer Zeit nach allen Seiten hin ausgestreckt, aber sie hatten nichts getroffen, daran sie sich hätten anklammern können. Jetzt war es geschehen. Bach, Leipzig, Organist — das war ein Dreiklang, welcher in süßer und kräftiger Harmonie die schrillen Töne des Stadtpfeifers und des Städtchens N. deckte und nicht mehr vernehmen ließ. Sein Geist gerieth sofort in eine solche Gährung, daß selbst seine eifersüchtigen Gefühle zum Stillschweigen kamen. Aber in der Verwirrung seiner Gedanken konnte er noch nicht zum Ausdruck kommen, und jede weitere Frage stockte ihm auf der Zunge. „Und wie ist denn die Geige ausgefallen," fuhr Lilienthal fort, „die ich besorgt habe? Es hat mir dies große Freude gemacht." „Wir haben sie noch nicht gehört," erwiderte Lina, und ein etwas vorwurfsvoller Blick streifte zu Jacob hinüber. „Aber Jacob sagt, sie sei ganz vorzüglich und er ist ganz begeistert davon." „Das freut mich sehr, aber ich konnte es voraus wissen. Unseres großen Königs Musikdirektor Granu hat sie mir ausgesucht. Es ist dies ein vortrefflicher Mann..." Jetzt war Lilienthal wieder in seinem Fahrwasser, er erzählte vom König, von dessen Flöteblasen und von tausend anderen Dingen. Jacob war vergessen und eilte nach gesprochenem Tischsegen schnell fort — aber nicht in seine Dachkammer, sondern hinaus in die blühende Lenzesflur, in den dichten Wald, wo er umherschweifte, lange, lange, bis in die sinkende Nacht, denn in seiner Seele rangen Nacht und Licht, und das Licht war noch sehr schwach, während das Dunkel stärker und stärker ward. (Fortsetzung folgt.) Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr. H. Lohe.