Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 20 (18.5.1869)
- Date
- 1869-05-18
- Page
- Seite 403 (sequence 19)
- Language
- German
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403 denn es hieß dies eben nichts weiter, als daß die Firma Jtzig & Comp, noch nicht den wohlklingenden Zusatz von Lilienthal erhielt, sondern bescheiden Jtzig & Co. blieb. Sonst konnte Jedermann mit dem neuen Berhältniß Lilienthal's bekannt werden, und dieser junge Mann sorgte auch redlich hierfür. Nun, er hatte es auch verdient, er war seines Glückes eigener Schmied, er hatte sich selbst heraufgearbeitet zu einer außergewöhnlichen Gewandtheit, zu einer seiner Meinung nach strahlenden Bildung und nunmehr zu einer kaufmännischen Größe. Daß der junge Mann hierbei just nicht an Bescheidenheit gewonnen hatte, kann man vorausfetzen. Aber in der Provinz forderte sie auch Niemand von ihm. Als Lilienthal zu Fürth's kam, war er ganz erstaunt, ja gefesselt durch die Erscheinung Lma's, so sehr hatte diese in den anderthalb Jahren sich entwickelt, in welchen er sie nicht gesehen. Ihre Schönheit war eine in ihrer Art vollendete geworden, und der Glanz ihrer reinen Seele breitete einen unaussprechlichen Zauber über ihr anmuthiges Gesicht, über ihre ebenmäßige Gestalt. Aber ebensoviel hatte sie an Sicherheit des Benehmens, an Bestimmtheit des ganzen Wesens gewonnen. Sie war nicht mehr das schüchterne Mädchen, das von Anderen seine Stellung angewiesen bekommt, sondern die Jungfrau, welche ihren Kreis leitet und beherrscht, und den, der hineintritt, zu einem Gliede dieser Kette macht, an dem Platze, wohin es gehört. Solche Veränderungen gehen bei einem Mädchen rasch vor sich, besonders wenn die Pflicht große Forderungen an sie stellt und harte Prüfungen nicht ausbleiben, in denen alle Kräfte der Seele geweckt und beansprucht, Besonnenheit, Selbstbeherrschung und treue Hingabe geübt werden müssen. Lilienthal gewahrte dies Alles, und fühlte sich dabei ganz wohl und behaglich, denn er glaubte sich herausgefordert, hier die Siegerkraft der großstädtischen Bildung zu beweisen. Er begann seinen Feldzug, ohne zu merken, daß er bereits ein Gefangener sei. Nach wenigen Stunden seines Aufenthaltes war es ihm so warm geworden um das Herz, daß unbewußt die Frage in ihm auftauchte: wie wäre es, wenn du dieses herrliche Mädchen, diese Krone ihres Geschlechts, zur Madame Lilienthal machtest, zur Theilhaberin der Firma Jtzig & Comp., oder wie sie bald heißen sollte, Jtzig, Lilienthal L Co.? Diese Frage war ihm sogar bald keine Frage mehr, seine Courtoisien verwandelten sich bald in aufrichtige Huldigungen, und diese bekundeten, daß ihnen ein gewichtiger Ernst innewohne. Und unser Jacob? O spreche mir doch Niemand von dem Menschenherzen als von einem einfachen Dinge, das je nach dem Blutumlauf klopft und pulsirt und je nach der Schule, in die es genommen wird, seinen Gang geht! Nein! In der Tiefe dieses Menschenherzens liegen große, unerklärliche Instinkte, die an einem sonnigen oder stürmischen Morgen plötzlich offenbaren, was man vergebens befragen würde: woher bist du denn gekommen? Wo hast du dich versteckt gehalten bis jetzt in dem kleinen Raume, der doch schon so Vieles herbergt? Jacob hatte ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit empfunden, als er von der Ankunft des Herrn Lilienthal gehört. Kaum aber stand er ihm zum ersten Male gegenüber, als in ihm ein völliger Wandel vorging. Es regte sich in ihm eine Art Mißfallen, ein Widerwillen; er fand ihn unerträglich, er wünschte ihn hundert Meilen entfernt, er haßte ihn bereits . . . Was war das, lieber Jacob? Du treue Seele, die keinem Würmchen etwas zu Leide thun konnte, was hast Du gegen diesen Mann, der dein Wohlthäter war, und der Einzige, der dir in Zukunft wohlthun, ja deinen ganzen späteren Lebensgang sickern konnte? Daß du das letztere nicht wußtest, kann man dir nicht zum Vorwurf machen — aber schäme dich, Junge, gegen einen schuldlosen und freundlich gesinnten Mann so schlimme Gefühle zu hegen! . . . Aber Jacob schämte sich nicht, denn er war sich dessen gar nicht gewiß, was er empfand, und gerade darum empfand er es um so tiefer. Und dies ist das Eigenthümliche solcher Empfindungen: sie sind bitter, aber diese Bitterkeit thut wohl, und alles Dies vereinigt sich, um die Stärke der Gefühle zu erhöhen. Lilienthal freute sich, daß Jacob stärker geworden und wohler aussehe, als früher. Jacob war ein schöner Jüngling geworden, nachdem das Aschgrau seines Gesichtes verschwunden und die eingefallenen Wangen sich gerundet hatten. Welchen Geist verkündeten diese glänzenden, braunen Augen unter der weißen, breiten und gewölbten Stirn, von dem schönen dunklen Lockenhaar umwallt. Lilienthal freute sich dessen; in ihm wachte nichts von jenem Instinkte auf, der Jacob so herbe Gefühle einflößte. Wer von seinem hohen Werthe und von seiner bedeutenden Stellung so erfüllt ist, wie der stille Socius von Jtzig & Comp, es war, der wird so leicht nicht eifersüchtig, er hält einen Rival für gar nicht möglich. Der Gedanke an einen solchen kann ihm gar nicht kommen. Ein Lehrbursche des Stadtpfeifers zu N. konnte sich doch nicht um die Tochter eines reichen Kaufmanns bewerben; das zu denken wäre sehr lächerlich gewesen. Und dann hatte Lilienthal auch seinen Instinkt, und der machte ihm Ehre. Er fühlte, hier ist ein Geist vorhanden, der viel zu großartig angelegt, viel zu weit über alle diese gewöhnlichen Kreise der kleinbürgerlichen Welt hinausschweifte, als daß er irgend einen Ruhepunkt, eine Wurzelstätte in dieser finden konnte. Dies verhinderte Lilienthal, Jacob in irgend eine nähere Verbindung mit Lina versetzt zu denken. Sv hoch er diese stellte, so befand sie sich doch außerhalb der Sphäre, in welcher Jacob heimisch war. Anders war es mit diesem. Er fühlte sofort, daß Lilienthal von Lina's Schönheit und Wesen bezaubert werden und sich um diese bewerben mußte, und begriff auch alsdald, daß Lina für ihn selbst nicht empfand, was sie veranlaßt hätte, sich den Bewerbungen dieses gut situirten und glänzenden jungen Mannes zu entziehen.