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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-05-18 · Heft 20 (18.5.1869) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 20 (18.5.1869)
Date
1869-05-18
Page
Seite 402 (sequence 18)
Language
German
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402 Instrumente, so viel Wohllaut auch in ihm" schlummerte, so viele beseeligende, berauschende Töne aus ihm geweckt werden konnten . . . doch nur kurze Zeit. Sie hatte sich schnell gefaßt, ihr Antlitz röthete fick, ihre Mienen wurden streng, ihre Augen blickten kälter den Jüngling an, und sie sprach mit fester Stimme: „Nehmen Sie, Jacob, es ist Ihr Eigenthum." Auch Jacob verstand, was all' dies zu sagen hatte, diese plötzliche Veränderung in dem Gesichte des jungen Mädchens. Er verstand es, wenn er es auch nicht begriff und nicht zu sagen gewußt hättt, was es gewesen. Er nahm endlich die Violine und that sie in den Kasten, den Fürth ihm gereicht, und stammelte einige Worte des Dankes und entfernte sich eiligst. Fürth spöttelte über das sonderbare Wesen des jungen Musikanten, legte aber Alles zu seinen Gunsten aus: der junge Mensch war offenbar von der Größe des unerwarteten Geschenkes tief erschüttert, und konnte den Augenblick nicht erwarten, wo er seine neue Geige probiren könne. Das war zwar nun nicht ganz der Fall; aber die Liebe zur Kunst siegte doch schnell in Jacob über alle anderen Empfindungen, die in seinem Herzen aus- und niederwogten. Angelangt in seinem Dachstübchen, stellte er zwar den Kasten auf die ungehobelte Kiste, die ihm als Tisch diente, und von der jener mit seiner feinen Politur sehr abstach: er ging mit schnellen Schritten den beschränkten Raum hin und her — aber nicht lange; die Begierde, das köstliche Instrument zu versuchen, das in jenem Kasten wie in einer heiligen Hülle lag, drang durch; hastig schloß er auf, hob die Geige heraus, stimmte sie und begann auf ihr zu streichen. Jetzt war alles Andere vergessen. Dieser Wohlklang, diese Weichheit in den Molltönen, die Kraft und Rundung im Dur, dieser Einklang aller Töne hob seine Seele bis in den siebenten Himmel, und ließ sie in einer Sphäre sich bewegen, in welcher zwar noch die Wehmuth, aber nicht der Schmerz, wohl noch die Trauer, aber nicht der Kummer vorhanden sind, und wo alle Gefühle sich zuletzt zu einer Verklärung verschmelzen, die jedes irdischen Leidens vergessen macht. . . . Es verstand sich von selbst, daß aus dem Fürthscheu Hause das Gerücht über die kostbare und kostspielige Geige, welche Jacob erhalten habe, bald die ganze Stadt durchlief, und Alle waren neugierig, dieses unerhörte Wunderwerk zu sehen und zu hören. Aber Jacob gab nicht nach. Er hatte sich vvrgenommen, Niemand solle die Klänge dieses Instruments genießen, das ihm Lina überreicht hatte, Niemand in diesen rohen, ungebildeten Umgebungen, welche für die Musik doch keine Seele hätten. Unter dem Vorwände, daß er sich erst auf ihr einüben müsse, lehnte er alle Aufforderungen ab. Lina bat ihn nicht darum, und Herr Fürth war zu sehr in seine Geschäfte versunken, glaubte überhaupt, nunmehr mit Jacob abgerechnet zu haben, als daß er ein besonderes Verlangen danach gefühlt hätte. So kehrte einstweilen die Geige nicht wieder in das Fürth'sche Haus zurück. Nur um die stille Mitternacht ertönte aus jener Dachkammer in dem entfernten Stadttheile ein wundersames Klingen, ein erst leises, dann immer helleres und volleres Tönen, wie es vielleicht noch niemals an diesem Platze auf dem Erdenrunde gehört worden. Jacob selbst fühlte sich davon ergriffen und begeistert wie noch niemals, und glaubte jetzt erst in das innere Heiligthum seiner Kunst eingetreten zu sein. Aber tröstete und beglückte ihn dies? Nein, nur weiter klaffte der Riß, der sich in seiner Seele zwischen seiner täglichen Beschäftigung auf den Tanzböden des rohen Volkes, wo er so oft den Ausbrüchen der gemeinsten Leidenschaft beiwohnen mußte, und dem Ideale seiner Kunst gebildet hatte; immer widerte ihn der Knechtsdienst an, der ihm nicht einmal klingenden Lohn brachte, und für welchen er auch nicht den geringsten Ersatz in der Belehrung fand, nach der er dürstete, und die ihm sein Herr am wenigsten zu geben vermochte. O, es war ihm stets zu Muthe, als ob ihm seine Geige zuriese: was hältst du mich in diesen Mauern zurück, machst mich zur einsamen Gefangenen, die eine Welt besiegen und beherrschen könnte? Mach mich frei, entführe mich von hier, flieh mit mir — sonst gehst du und geh' ich unter ... Es läßt sich gut fliehen, wenn man nicht weiß, wohin, und nicht hat, wie und womit, und wenn noch eine andere geheime Fessel sich um das Herz gelegt, die abzuschütteln die Kraft versagt...- Bald darauf kam Herr Lilienthal auf seiner Geschäftsreise nach dem Städtchen. Obgleich er sich noch in demselben Grade jener Eleganz befleißigte, die so allgemeine Aufmerksamkeit ihm zuzog, und mit gleicher Geläufigkeit die Verse von Ramler, Gellert und Uz citirte, so war doch eine große Veränderung mit ihm vorgegangen, eine Veränderung, die seine Ansprüche noch bedeutend erhöhte. Er war nämlich stiller Socius der berühmten Firma Jtzig & Comp, in Berlin geworden, d. h. er bekam außer seinem Gehalte und den Reisespesen eine Tantieme an dem Gewinn des Hauses. Damals nämlich war die Menschheit noch so glücklich, Reisende oder sogenannte Commis vogageurs noch wenig zu kennen, Nur einige Großhändler schickten Diener in die Provinzen, um Bestellungen auf ihre Maaren entgegen zu nehmen und hierzu die Muster persönlich vorlegen zu lassen. Sonst ging der Handel auf den Meffen und durch eine Menge Zwischenhändler und in letzter Instanz durch die Hausirer vor sich. So zehrten diese reisenden Gesellen noch nicht am Marke der Verkäufer, belästigten noch nicht die Einkäufer und überschwemmten auch nicht das Land und die Gasthöfe darin. Zeigte sich nun aber Jemand besonders geschickt, Geschäfte mit dem geringeren Kaufmannsstande zu machen, dann wurde er von den Principalen hoch und theuer gehalten und ihm leicht eine Stelle an ihrer eigenen Seite eingeräumt. Dies war nun auch Herrn Lilienthal geschehen. Nannten wir ihn darum einen stillen Socius, so beziehen wir dies nicht auf seine schweigsame Persönlichkeit, noch auf den Socius,

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