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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-05-18 · Heft 20 (18.5.1869) · p. Seite 401

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 20 (18.5.1869)
Date
1869-05-18
Page
Seite 401 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -es Iudknthurns. Feinlleton-Geilage zu Ar. 20. Leipzig, den 18. Mai 1869. Ein Musikant. Erzählung aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. 6. Eine Katastrophe. Bald war Alles in der Familie des Herrn Fürth in seinem gewohnten Geleise, und Jeder hatte allmälig die Stelle wieder eingenommen, die er vor jener Krankheit des Hausherrn inne gehabt. Das weißt Du, lieber Leser, daß sich Vieles mit Worten nicht ausdrücken läßt, was der Mensch fühlt und was ihm fühlbar wird. Es wäre wirklich ein Unglück, wenn die Sicherheit der Empfindung und selbst die Bestimmtheit des Gedankens von dein Grade des klaren und unzweideutigen Ausdrucks abhinge, die dem Menschen möglich. Wäre dann doch der Mehrzahl der Erdenkinder alle Deutlichkeit ihrer geistigen Bewegungen verschlossen! Nein! Jacob fühlte, ja wußte fast, daß Lina ebenso sehr ihm ihre wachsende Geneigtheit zu erkennen geben wollte, als eine noch größere Zurückhaltung nach jener Scene am Krankenbette ihres Vaters. Beide Empfindungen mußten also in ihr rege, beide erkennbar sein, und doch können wir Dir, lieber Leser, nicht sagen, auf welche Weise dies geschah, auf welche sie es that. Jacob zog sich wieder in sich selbst zurück, und erhob keinerlei Ansprüche aus dem, was vorgegangen, wenn auch auf dem verborgenen Altar seines Herzens die glühenden Kohlen zu einer reinen, hellen Flamme aufgeschlagen, in die er täglich seinen Weihrauch streute, mochte die Göttin, der er ihn weihete, von dem süßen Dufte etwas merken oder nicht. Eines Tags nach dem Mittagsessen bat Fürth den jungen Künstler, noch einen Augenblick zu verweilen. Die Kinder waren hinausgegangen und nur Lina anwesend. Der Hausherr trat bald wieder aus einem Nebengemach und hatte einen polirten Kasten in den Händen, den er auf den Tisch stellte, aufschloß und den Deckel aufhob. „Hier, lieber Jacob," sprach er, „übergebe ich Dir den Dank, den ich Dir für die Treue schulde, welche Du während meiner Krankheit geübt hast, ja in einem Maße, das ich Dir nicht vergelten kann. Deine Musik hat mich vom Tode gerettet, wie der Doktor es ausdrücklich bemerkt hat, ich muß also etwas für Deine Musik thun. Ich habe öfters gelegentlich von Dir gehört, daß Deine Violine gar zu erbärmlich sei und Dein eifrigster Wunsch dahin geht, eine bessere zu besitzen. Ich habe Dir eine solche kommen lassen. Du wirst sie gern annehmen, wenn Die sie Dir übergiebt, der Du in meiner Pflege so treulich beigestanden hast. Wir haben Dir dann Beide den Dank ausgedrückt." Lina trat an den Tisch und nahm eine reizende kleine Violine von etwas dunkler Politur nebst einem feinen Bogen aus dem Kasten, und näherte sich Jacob, der ganz bestürzt und verwirrt dastand, und keinen Laut hervorzubringen vermochte. „Nimm sie nur, Jacob," fuhr Herr Fürth fort, „sie wird Dir gern gegeben und ich habe die Summe gar nicht angesehen, die sie kostet. Sollte man glauben, daß so ein paar Stückchen dünnes Holz 25 harte Thaler kosten können — aber Herr Lilienthal hat sie aus der Residenz besorgt und ausdrücklich bemerkt, daß, da sie in meinem Aufträge und für Dich gekauft sei, er durchaus keinen Prosit für die Besorgung berechnet habe. Na, das laß ich gesagt sein; das sagt jeder Geschäftsmann, und wenn man sie anhört, thun sie Alles aus Freundschaft. Rechne ich aber auch 12 Procent Provision für den Herrn Lilienthal, bleiben immer noch 22 Thaler für die Violine. Aber ich habe sie gern gezahlt, und so nimm sie nur, und freue Dich damit, und spiele darauf die allerschönsten Stückchen." Jacob hatte von diesen Worten des Herrn Fürth nichts vernommen. Lina stand vor ihm und hatte die Geige und den Bogen mit beiden Händen gefaßt und bot sie ihm dar. Um ihren Mund spielte das freundlichste Lächeln, aus ihren Augen schaute die eigene Beglückung, ihrem Schutzbefohlenen eine solche Freude machen zu können, daß Jacob wie bezaubert dastand, und kaum die Hände zu rühren vermochte, um das Geschenk entgegen zu nehmen. Sein Gesicht war wie ganz Auge, und sein Auge wie ganz Flamme, Flamme, welche Violine, Bogen und Mädchen in sich aufsaugen und verzehren wollte. Lina erbleichte und ihre Hände zitterten. Was war es, das ihr aus dem Jüngling entgegenblickte, entgegenströmte? ... Das galt nicht dem zierlichen hölzernen

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