Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1869)
- Date
- 1869-05-11
- Page
- Seite 383 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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383 Die Wähler ordneten sich dann zu einem Zuge und bee gleiteten den gewählten Deputaten nach seiner Wohnung. Hoffentlich wird dieser erste ungar.-israel. Deputate unserer Glaubensgenossenschaft durch sein Wirken in der Legislative Ehre bereiten. Daß nicht noch ein zweiter Jude Abgeordneter wurde, daran trugen gar eigenthümliche Agitationen die Schuld. Nachstehende äußerst interessante Correspondenz des Pester Lloyd" giebt hierüber klaren Aufschluß. Nyirbätor, 19. März. „Gestern spielte sich bei uns ein höchst interessanter Wahlakt ab, der mit dem Rücktritte des deükistischen Kandidaten, Herrn I)r. juris Paul Mandel (Israelit) und mit dem Siege des Kandidaten der äußersten Linken, Em. Küllay, endete. Zn dem deükistischen Kandidaten standen der Großgrundbesitz, die Elite der liberalen Intelligenz und die gesamnlte Judenschaft, zur Partei des Oppositionskandidaten der niedere Adel, die Komitatsorgane und die gesummte Geistlichkeit. Die Wahlagitation war von beiden Seilen eine ungeheuer angestrengte. Natürlich ließ es hiebei die Linke auch hier nicht an jenen Mitteln fehlen, die sie bekanntlich im ganzen Lande anwendet. Hier aber gesellte sich noch ein ganz besonderes Mittel dazu, die Schürung des Judenhasses. Es ist Thalsache, daß ruthenische Geistliche mit dem Kruzifix in der Hand von Haus zu Haus zogen und die Bauern unter Androhung kirchlicher Strafen zu bewegen suchten, von den Irrwegen der jüdischen Partei abzulenken. Dort, wo diese Versuche an dem gesunden Verstände des Bauern scheiterten, suchte man auf die Frau einzuwirken. Katholische Geistliche sagten es ganz unumwunden heraus, sie gehörten wohl zur Deükpartei, sie würden es aber vor ihren Gläubigen nie verantworten können, wenn sie für einen Juden stimmten. Der Geistlichkeit aber machte der niedere Adel noch den Rang streitig. Kaum hörte man den Ruf Eljen Küllay! ohne den Zusatz: nem Keil a zsidö! (Wir brauchen den Juden nicht!) Dennoch hatte es die Deäkpartei durch die Bemühungen einiger eifriger Führer zu einer imponirenden Anzahl gebracht und sie schien am Tage vor der Wahl auch wirklich in der Majorität zu sein. Schon am Morgen des Wahltages beim Einzuge der Wähler stellte sich jedoch unsere Täuschung heraus. Nachdem nämlick alle Ueberredung nichts genützt hatte, die Bauern für sich zu gewinnen, griff die Linke im letzten Momente zu Schreckmitteln und drohte mit Schlägerei; jeder Rechter sollte in Nyirbütor getödtet werden. Sogar Zigeunerinnen wurden in die Ortschaften geschickt, die den Weibern Karten aufschlagen und ihnen den sichern Tod ihrer Männer, falls sie nach Nyirbätor gingen, Vorhersagen sollten. Die anwesende Garnison von etwa 60 Mann konnte durchaus nicht genügen, den panischen Schrecken, der sich der Gemüther bemächtigt hatte, zu beschwichtigen. Am Tage vor der Wahl ging diese Furcht so weit, daß ganze Ortschaften nicht ausrücken wollten ohne die Zusicherung, daß sie vor Nyirbätor von Militär würden erwartet werden, und schon in der Nähe der Stadt, als sie kein Militär sahen, wieder umkehrten. Am 18. um 9 Uhr begann die Abstimmung und wurde bis halb 6 Uhr fortgesetzt. Es stellte sich zu dieser Zeit für uns eine Minorität von 900 Stimmen heraus. Nachdem nun der Sieg unmöglich geworden ist und der Kandidat die Ruhe der Stadt durch ein weiteres Abstimmen in die Nacht hinein nicht gefährden wollte, so entschloß sich Dr. Mandel zurückzutreten, was durch Karl Karcsay im Namen des Kandidaten dem Wahlpräses angezeigt wurde." Wir wollen hoffen, daß derartige Mittel bei der nächsten Wahlperiode (nach drei Jahren) nicht mehr von entscheidender Wirkung sein und mehrere Israeliten ins Unterhaus werden gewählt werden. Fügen wir aus vielen noch folgende Notizen hinzu. Aus den Zinsen der in diesen Blättern von uns erwähnten Baron Simon-Stiftung für arme verdiente Lehrer ohne Unterschied der Confession bewilligte Seine Exellenz Unterrichtsminister Eötvös auch dem 25jährigen erblindeten ehemaligen israel. Volksschullehrer I. Mondschein in Nagy-Lack einen lebenslänglichen jährlichen Unterstützungsbeitrag von 100 fl. — Bei Beratung des Budgets für 1869 faßte die Repräsentanz der Stadt Karlstadt den löblichen Beschluß, dem israel. Prediger Reich, als Religionslehrer der Schüler mosaischer Confession an dem dortigen städtischen Gymnasium, gleichwie den christlichen Geistlichen eine jährliche Remuneration von 100 fl. aus städtischen Mitteln zu ertheilen. In der Stadt Sissek in Croatien wurde bei Gelegenheit der jüngsten Beamtenrestauration M. Reiß, ein Jude, zum Vicebürgermeister, und in einem ungar. Dorfe, am Fuße des Bakonyer Waldgebirges, der wegen seiner Rechtlichkeit dort allgemein geachtete Jsraelite I. Freund zum zweiten Richter lMitrichter) erwählt. Es wurde durch die Stadtpräsentanz der bischöflichen Stadt Fünfkirchen die dortige städtische katholische Muster Hauptschule, laut Beschluß vom 8. Februar, als confessionslose Schule erklärt. In der Stadt Debrezin deklarirte wieder die Repräsentanz vor Kurzem die dortige Creche als confessionslos; dasselbe beschloß die Stadt Stuhlweißenburg, sowie Neupest. In der Stadt Raab erhalten die confessionellen Schulen nach Verhältniß der Seelenzahl, in der die betreffenden Confessionen in der Population vertreten sind, einen Beitrag, so die 681 Seelen zählende israel. Gemeinde für ihre Schule jährlich 1031 fl. 71 kr. Sal. Blunn