Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1869)
- Date
- 1869-05-11
- Page
- Seite 382 (sequence 18)
- Language
- German
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382 tm Anfang des 16. Jahrhunderts in den Begünstigungen der Juden von Seiten der Republik eintrat) liegt an dem, der Giudecca-Jnsel entgegengesetzten nördlichen Ende Venedigs und besteht aus zwei Theilen, eigentlich: aus zwei, durch Brücken mit einander verbundenen und von engen Gassen durchschnittenen Inseln, von denen eine Ghetto vecchio, die andere Ghetto nuovo genannt wird. Letztere, heißt es in einer Abhandlung von Tom. Temanza*), war bis ins 15. Jahrhundert ein Morast; die erste dagegen war viel früher erhöht, befestigt und der Ort der Gießereien, sowie Sitz der betreffenden Behörde. Dieser Ort wurde deshalb Getto (d. h. Guß, Gießerei) genannt. ' Allmälig ward auch die andere Insel fest gemacht und daselbst Häuser errichtet. In der ersten Zeit dienten dieselben vielen christlichen Familien zur Wohnung, bis sie den Juden im Jahre 1516 zum ausschließlichen und — setzen wir hinzu — auch verschließlichen Aufenthalte angewiesen wurden. Die Benennung Ghetto ward auch auf diese neue Insel übertragen und blieb die stete Bezeichnung des Judenquartiers, eine Bezeichnung, die auch in den anderen Städten Italiens angenommen wurde. So weit Temanza. — Zum Schluß noch eine Bemerkung. Im venezianischen Dialekt wird die Silbe 86 (italienisch dsche lautend) wie im Deutschen ausgesprochen; ein Laut, der im Italienischen nur durch Einschiebung eines h wiedergegeben werden kann. Aus diesem Grunde verwandelte sich das venezianische Wort Getto in das italienische Ghetto. Arthur Bernstein. Correspondenz. Monatsbericht ans Angarn. Neue Folge. I. Neu-Berbaß im April 1869. Die diesjährige Wahlperiode war für uns Israeliten schon darum von eminenter Bedeutung, weil wir nun zum ersten Male des Rechtes theilhaftig wurden, uns an den Wahlen zu betheiligen. Und daß diese Betheiligung eine sehr eifrige und im ganzen auch eine taktvolle war, das bezeugen die diesbezüglichen Aeußerungen der verschiedenen Parteiblätter. Eine erhöhtere Wichtigkeit erlangten die diesmaligen Deputirtenwahlen für uns Israeliten noch dadurch, daß auch einer unserer Glaubensgenossen zum Abgeordneten gewählt wurde. Es ist dies der feingebildete Pester Banquier, Herr Moritz Wahrmann, gew. 2. Vicepräses des 1. ungar.-israel. Congresses, welchen der gebildetste und reichste Stadt- *) Antica pianta delP inclila Ciltä di Vinezia, Vinezia 1781. Pag. 70. theil Pest's — die Leopoldsladt — zu seinem Vertreter beim Reichstag erkor. Hier eine kurze Schilderung des Wahlactes. Am 23. März 7 Uhr Morgens begab sich der imposante Zug der Wählerschaft unter den Klängen des „Hunyadi"-Marsches, begleitet von einem stattlichen Banderium, nach der städtischen Redvute, dem Wahlplatze. In allen Gassen, welche der Zug mit seinem Walde von Fahnen passirte, öffneten sich die Fenster aller Häuser und erschollen tausendstimmige Eljen-Rufe. Um 8 Uhr waren die Wähler im Redoutensaal angelangt, worauf der Wahlpräses, Herr Haris (Nichtisraelit), in einer kurzen Ansprache doppelte Freude über den heutigen Tag ausdrückte, an welchem das schönste Recht des konstitutionellen Bürgers zur Ausübung gelangt, und Tausende von Bürgern dieses Recht zum ersten Mal ausübeu. — Hierauf trat Paul Terey, ebenfalls Deputirter, vor, und wies auf die Bedeutung hin, welche in allen civilisirten Ländern den Hauptstädten als den Emporien der Intelligenz zuerkannt wird. Die civilisirte Welt frage nicht, wen die ungarischen Komitate wählen, sondern wer in Pest, speciell wer in dem vorzugsweise kommerziellen Leopoldstädter Bezirk gewählt wird. Die Wähler dieses Stadttheils haben auch bereits eiumüthig einen Mann zu ihrem Deputirten ausersehen, der als kommerzielle Kapazität und als auf dem Niveau ver Bildung stehender Bürger alle gewünschten Eigenschaften in sich vereinigt; — dies sei Moritz Wahrmann. Einstimmiges, mehrmals wiederholtes Eljenrufen folgte dieser Rede. — Der Wahlpräses wiederholte dann, seiner konstitutionellen Pflicht gemäß, zweimal die Frage, ob nicht noch ein anderer Kandidat aufgestellt sei; nachdem jedoch dies jedesmal einstimmig verneint wurde — erklärte er Moritz Wahrmann als einstimmig zum Deputirten der Leopoldstadt gewählt. (Stürmisches Eljenrufen.) — Die hierauf zur Abholung des gewählten Deputirten entsendete Deputation kehrte ungefähr nach einer Viertelstunde mit demselben zurück, worauf Herr Wahrmann an die versammelten Wähler eine kurze Ansprache hielt. Er dankte zunächst für das ihm geschenkte Vertrauen, und erklärte dann, daß ihn in diesem Augenblick nicht das frohe Gefühl des Sieges, sondern das Bewußtsein von der auf ihm ruhenden schweren Mission erfülle. Dies um so mehr nach den betrübenden Nachrichten, die aus manchen Wahlbezirken eingetroffen, und zufolge welcher erprobte Patrioten aus dem Abgeordnetenhause wegbleiben werden, deren Rath er demzufolge entbehren wird. Jetzt halte ihn nur der feste Vorsatz aufrecht, mit der Aufwendung aller Kräfte seine Pflicht zu thun. Er schloß mit einem Segen für das Vaterland, für die Hauptstadt und für die Wähler. — Diese kurze Ansprache wurde sowohl im Verlauf derselben als auch am Schluß mit lauten Eljenrufen ausgenommen. Nach einer kurzen Pause war das Wahlprotokoll ausgefertigt, und wurde dasselbe dem gewählten Deputirten vom Wahlpräses mit einigen angemessenen Worten eingehändigt. —