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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-05-11 · Heft 19 (11.5.1869) · p. Seite 384

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 19 (11.5.1869)
Date
1869-05-11
Page
Seite 384 (sequence 20)
Language
German
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384 Die Juden des modernen Spanien. Mach den Arch. israel.) Die jüngste spanische Revolution hat die Verkündigung eines großen Princips, der Cultusfreiheit, mit sich gebracht. Wer hätte noch vor weniger als einem Jahrhundert zu sagen gewagt, daß diese Stätte der Unduldsamkeit und des kirchlichen Fanatismus, dieses Vaterland des Jesuitismus, dieses Land Philipp II. und der Autodafes, im Jahre 1869 die freie Religionsübung Andersgläubiger, den Schutz anderer Bekenntnisse, als des Katholicismus zulasten würde! Schon 1860 wer Schreiber dieser Zeilen Zeuge eines seltsamen Schauspiels: eine zahlreiche Volksmenge, von den besten Gefühlen belebt, festlich gekleidet, ging vor einer damals sehr populären Persönlichkeit her: vor Herrn Isaak Pereire, welcher an den Thoren Madrids anlangte. Die Herren Pereire, die kurz vorher den „spanischen Mobiliarcredit" gegründet, hatten zur selben Zeit die Concession zur Nordbahn Spaniens erhalten, dieser ungeheuren Eisenbahnlinie, die Paris mit der Hauptstadt der Spanier verbinden sollte, und waren nun die Helden des Tages. Und doch waren die Herren Pereire Juden! Ihre Umgebung bestand theilweise aus Glaubensgenossen; wir wollen unter Andern Herrn Salvador anführen, Verwalter des Mobiliarcredits, Herrn Rodrigues-Salcedo (aus Bayonne), Herrn Leon (aus Bordeaux), Director der Nordbahn rc. Der Director des spanischen Mobiliarcredits war damals Herr Wilhelm Wertheiniber,*) ein Verwandter der Familie Königswarter: die beiden Beamten, welche seinem Directorialbureau beigeordnet waren, gehörten ebenfalls derselben Confession an, die Herren Cavaglion und Leopold Lehmann rc. Die ganze Stadt war gleichwohl auf den Beinen. Der Ayuniuniiento (der Stadtrath), der Stadtrichter und die Alkalden an der Spitze, begab sich in geordnetem Zuge nach dem Thor von Atocha, um den Mann, den Franzosen, den Banquier, den Ingenieur, welcher dem spanischen Reiche eine Institution eigenen Credits geschenkt hatte, um das Land von einer furchtbaren Geld- Krise zu retten, und die, von vier Juden vertretene anonyme Gesellschaft zu begrüßen, welche von Jsabella II. (der Nachkommin der katholischen Könige!) die Conces- *) Heute wird dieses hohe Amt von Herrn Ernst Polack verwaltet, einem jungen Mann von großem Ansehen, Sohn eines alten Secretärs am französischen Centralconsistorinm. Alle seine Brüder haben Stellen in derselben Verwaltung inne. sion für eine Eisenbahn sich verschafft hatte, die unter allen Europa's die längste und wichtigste war, am meisten mit Terrainschwierigkeiten zu kämpfen hatte. Dieses Bild des Fortschritts der Civilisation, die jetzt bis in die alte iberische Halbinsel vvrdrang, bis in die Mauern sich Eingang schaffte, welche so lange die Seufzer der unglücklichen, in die Gefängniffe der Inquisition eingeschlostenen Ketzer hörten; dieses Volk freudetrunken bei der Ankunft eines einzigen Ausländers, der einst den bloßen Versuch, sich in die Staatsangelegenheiten einzumischen, mit seinem Leben bezahlt haben würde, alles dieses durchdrang mich mit unaussprechlichem Staunen! Wahrhaftig der Anblick der klassischen Manola und ihres May» in ihrem „Picaresquen" Costüm, des Spaniers eingcwickelt in seine capa (einen braunen Mantel, den man sonst wohl quiroga nannte), der schönen Bewohnerin Madrids in schwarzer Mantille, mit ihrem schlanken Wuchs, mit dem zierlichen Fuß und der elegant behandschuhten Hand, welche kokett den abauico (Fächer) regiert, mit einem entzückenden Lächeln und dem Wort: Agur (Adieu) auf den Lippen: alles dies brachte uns zum Höhepunkt der Ueberraschung. Wie wir jetzt die ganze Menge in den Ruf: Viva ei Jmh'o (es lebe der Jude)! ausbrechen und in dieses Geschrei den Klang aller Glocken von 150 Kirchen einstimmen hörten, glaubten wir uns in einen Traum, eine Verblendung versetzt, von der uns der Anblick eines zum Scheiterhaufen geschleppten Ketzers aufwecken würde; dieser Glockenschall tönte das Todtengeläute eines Juden! (clamore della muerle >>'»n .ludio), ein Schauspiel ganz im Geschmack des 18. Jahrhunderts, wo der König, die Königin, die Prinzen und der ganze Adel Spaniens diesem Schauspiel in reich gezierten Logen auf der Plana Major beiwohnten! Noch jetzt sieht man den Balkon, von dem die Königin einen flammenden Brand auf den Scheiterhaufen hiuabwarf, unter den Vivatrufen des Hofes und der Bevölkerung! Traurige Erinnerungen! 0 iompora, 0 mores! Doch nein, es war Wirklichkeit! Die Ovation, welche man Herrn Isaak Pereire darbrachte , und der Empfang, welcher später seinem Sohne zu Theil wurde, Herrn Eugene Pöreire, dem Schwiegersöhne Emil Fould's, besten Aufenthalt in Madrid eine lange Aufeinanderfolge von Huldigungen war, die man dem Talente, dem Geiste, der Initiative, den großartigen Plänen in der Finanzverwaltung und in den Verschönerungen einer Stadt und ihrer Umgebungen zukommen ließ, all dies bewies uns, daß die Herrschaft der religiösen Vorurtheile und Leidenschaften ihrem Ende nahe war, und daß die spanische Nation in dieser Hinsicht verleumdet war. lFortsetzung folgt.) Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von I. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Di». H. Lotze.

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