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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-05-11 · Heft 19 (11.5.1869) · p. Seite 381

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 19 (11.5.1869)
Date
1869-05-11
Page
Seite 381 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung -es Zudcnthums. Feuilleton-Beilage jn tlr. 19. Leipzig, den 11. Mai 1869. Ueber die Abstammung des Wortes Ghetto. Der Ghetto, wie bekannt die (italienische) Bezeichnung für Judengasse, hat sich in vielen Sprachen eingebürgert, aber die Deutung dieses Wortes scheint kein Heimathsrecht in den Lexika gefunden zu haben. Das ist die Nemesis der Weltgeschichte, die sich bis in die Konversations-Lexika erstreckt! Der Ghetto, einst die Herberge der Verstoßenen, ihm ist jetzt auch da „kein Plätzchen angewiesen", wo doch so vieles beherbergt ist. Spart man die Encyklopädie von Ersch und Gruber nicht zum „letzten Versuche" auf, so überhebt man sich der Mühe in anderen Wörterbüchern erfolglos nachzuschlagen; denn im genannten Werke heißt es gleich zu Anfang des Artikels Ghetto: „Die Etymologie dieses Wortes findet sich in keinem Lexikon" — wir müssen aber hier hinzufügen: auch nicht iu dem von Ersch und Gruber. Denn die Bemerkung: daß Ghetto wahrscheinlich korrumpirt aus dem italienischen Giudecca und dieser Name gus Judaica, Jndaearia entstanden sei (letztere beiden sind nach Muratori die Benennungen der den Juden in Venedig und Salerno angewiesenen Stadtbezirke, schon in Urkunden vom Jahre 1090 erwähnt) — diese Bemerkung ist schon aus dem Grunde nicht haltbar, weil der Name Giudecca, der allerdings von Judaica stammt, sich nicht auf die Juden bezieht, sondern vom venezianischen Zudega (für gindicato: gerichtet, zugesprochen) sich herleitet. Maier (Beschreibung von Venedig, Leipzig 1789) und vor ihm schon Temanza, weisen nach, daß die Giudecca (eine noch heute existirende Insel, quasi eine Vorstadt Venedigs) im 9. Jahrhundert ein tei-ieno aggiudicaio (gerichtlich zuerkanntes Terrain) war für die Familien Barbolani, Jskoli und Selpi, welche wegen Ermordung des Dogen Pietro Tradonico (im Jahre 864) verbannt und später, begnadigt, nach der Lagunenstadt zurückgekehrt waren. Wir mußten also die Lexika aufgeben, denn sie sind in Bezug auf die Etymologie des Wortes Ghetto, was Zedlitz von den Frauen behauptet, nämlich: „sie sind ein betrügliches Geschlecht." Mit einer gewissen Hast griffen wir daher zu De. Wurzbach's „historische Wörter" (Wien 1862) hoffend, darin eine annehmbare Erklärung zu finden, die unsere „trostlose Ungewißheit" in diesem Punkte zu verscheuchen im Stande wäre — allein wie sehr auch Ghetto ein „historisches Wort" ist, das Schiller'sche „Das Gleiche nur ist's, was an das Gleiche sich reiht", kommt hier, wie auch anderwärts nicht zur Geltung: der Ghetto ist in v>. Wurzbach's Werk nicht ausgenommen. Ob es aber in deffen „umfangreichem Werke" enthalten ist, von welchem die erschienenen „historischen Wörter", wie der Verfasser im Vorwort bemerkt, nur ein „Auszug" sind, wissen wir nicht. Eine auf den ersten Blick ansprechende Erklärung findet sich in Gregorovius' „Figuren" (Geschichte, Leben und Scenerie aus Italien 1856). Auf Seite 103 heißt es bei Erwähnung des Ghetto in Rom unter Anderm: „Bis auf seine (Papst Paul IV.) Zeit hatten die Juden die, wenn auch nicht ausgesprochene Freiheit überall in Rom zu wohnen.".„Nunmehr wies ihnen der Papst, nach Art der Venezianer, ein streng abgesperrtes Quartier an.".„Man nannte es zuerst Vicus Judaeorum, dann kam der Name Ghetto dafür auf, der nicht mit der venezianischen Benennung Giudecca zusammenzuhängen scheint und wahrscheinlich aus dem talmutischen Wort Ghet gebildet ist, welches Absonderung heißt. Es war am 26. Juli 1556, als die Juden Roms in diesen Ghetto zogen." — „Das läßt sich hören, doch nur vor einem ist mir bang." Dieser Erklärung liegt nämlich stillschweigend die Annahme zu Grunde: die Benennung des Judenquartiers sei aus der Mitte der Juden in die italienische Sprache übergegangen, was unwahrscheinlich ist. Vielmehr drängt sich der Gedanke auf, daß den Juden mit der Sache auch ihr Name aufgedrängt sein dürfte. Und in Wirklichkeit verhält es sich auch so, wie aus Folgendem ersichtlich wird. Daß Ghetto mit Guß zusammenhängt, wird Manchem paradox erscheinen und doch ist es der Fall, und nicht bloß alliterirend oder „etymologisch gleicherweise stimmig", sondern in Wirklichkeit. Das Wort Ghetto ist venezianischen Ursprungs, denn wie ein gründlicher Kenner der „alten braunen Stadt" berichtet, entstand der erste Ghetto in Venedig. Der venezianische Ghetto (ein Denkmal der starken Ebbe, die

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