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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-05-11 · Heft 19 (11.5.1869) · p. Seite 376

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 19 (11.5.1869)
Date
1869-05-11
Page
Seite 376 (sequence 12)
Language
German
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376 Aber wir müssen constatiren, daß die Art und Weise, - wie man diese russificatorischen Bestrebungen zu verwirklichen sucht, den Wohlstand und zugleich auch die Moralität der ganzen Gegend, und selbstverständlich auch die dort ansässigen Juden, furchtbar mitgenommen haben. Die ökonomische Lage ist Ihnen hinlänglich bekannt, und wir wollen also hier nur von den moralischen Krüppeln sprechen, die das obenerwähnte russificirende System der Regierung unter unsren Glaubensgenossen hervorgerufen. Die hiesige Judenheit ist ganz außer sich von der hier aus Wilna eingetroffencn Nachricht, daß in der obenerwähnten Stadt ein völlig organisirtes System zur Taufe jüdischer Kinder eingerichtet ist und sich unter der Leitung eines zur griechischkatholischen Kirche übergegangenen Juden befindet. Dieser edle Missionär der alleinseligmachenden griechisch-katholischen Kirche ist ein gewisser Hurwitz. Er war, oder ist noch jetzt Lehrer in der Rabbinerschule zu Wilna, Mitglied der in Wilna früher existirenden Commission, die das berühmte Circular des Grafen Baranoff zur Welt gebracht. Bevor er zum Christenthume übergegangen, war seine Thätigkeit darauf gerichtet, das Judenthum, die Juden, den Talmud, die jüdischen Vereine und Associationen mit den schwärzesten Farben zu schildern, — dadurch wollte er seine Glaubensgenossen, an denen er seinen Worten gemäß mit der brennendsten Liebe hänge — zur wahren Erkenntniß ihres Heils bringen. Seine Schilderungen fanden gefällige Aufnahme in der localen Wilna'schen Presse sund haben dazu geführt, daß er endlich selbst die wahre Erkenntniß gewonnen, die Erkenntniß nämlich, daß man bei jetziger Zeit gute Geschäfte machen kann, wenn man sich als Creatur gewisser Persönlichkeiten, als blindes Werkzeug gewisser Richtungen und Bestrebungen hergiebt. Diese Erkenntniß hat ihn dazu gebracht, daß er sich jetzt alle Mühe giebt arme jüdische Waisen, die ohne elterliche Aufsicht im Leben herumirren, zur griechischkatholischen Religion zu bekehren, und so, erzählt man, ist es ihm unlängst gelungen, sechs solcher Knaben, Schüler der Rabbinerschule zu Wilna, zu taufen. Man erzählt außerdem, daß noch viele arme kleine Kinder nächstens auf dieselbe Weise zum Christenthum übergehen werden. Es versteht sich von selbst, daß die Wilnaer Behörden dieses Treiben auf alle mögliche Weise unterstützen. Wenn es wahr sein sollte, daß das jetzt in den Westgouvernements herrschende System dahin strebt die russische Judenheit womöglich von Bildung fern zu halten, so hat es zur Verwirklichung ihres Zweckes die besten Mittel gesunden, wenn es die, die Rabbinerschule besuchenden jüdischen Kinder zu taufen sucht. Die Juden werden ihre Kinder nicht mehr in die Rabbinerschulen schicken, und diese letzteren sind vorläufig der Mittelpunkt der jüdischen Bildung in Rußland. Der Plan ist vortrefflich angelegt, wie Sie sehen, und schon haben wirklich viele angesehene Eltern erklärt, daß sie ihre Kinder aus der Rabbinerschule zurücknehmen; manche haben sogar diesen Entschluß schon in Erfüllung gebracht. Wenn diesem Treiben also nicht schnell ein Ende gemacht wird, so haben wir zu erwarten, daß die jüdischen Schulen leer stehen werden, und wir also wieder zur „guten alten Zeit" zurückkehren. Es wäre wahrhaftig keine Sünde, wenn die hier existirende „Gcselschaft zur Verbreitung ver Bildung unter den russischen Juden" dies Factum etwas näher ins Auge fassen möchte und die nöthigen Schritte thue, die zur Abhilfe dieses Uebels führen können. Und nicht von den Westgouvernements allein Hab.'!! wir solche traurige Berichte mitzutheileu. Die Nachrichten, die wir Ihnen von hier aus bringen, sind eben auch nicht erfreulicherer Natur. Sie wissen wohl, daß vor einiger Zeit achtzehn der hiesigen angesehensten russischen Kaufleute sich an die Minister des Innern und der Finanzen mit der Bitte gewendet, den Juden ihre Rechte hinsichtlich ihres Aufenthaltes in den inner« Gouvernements des russischen Reiches zu erweitern, und den russischen Kaufleuten zu gestatten, jüdische Bevollmächtigte und Commis in ihren Geschäften zu haben. Der Minister des Innern, Herr Timascheff, hat nun jetzt den Bittstellern erklären lassen, daß er weder auf das Eine, noch auf das Andere eingehen kann. Die Gründe und Motive dieses Entschlusses des liberalen Herrn Timascheff sind nicht angegeben. Die Sache ging nun jetzt zum Finanzminister über. Man hofft, daß derselbe die Meinung seines College« nicht theilen und gegen dieselbe Protest einlegen wird. In wie fern diese Hoffnung begründet ist, läßt sich zur Zeit noch schwer bestimmen, und wenn sie wirklich in Erfüllung geht, so ist es dennoch schwer vorauszusagen, wer von den beiden Ministern als Sieger aus diesem Kampfe, wenn es überhaupt einen solchen geben sollte, hervorgehen wird. Wenn auch all der gesunde Menschenverstand auf

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