Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1869)
- Date
- 1869-05-11
- Page
- Seite 375 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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375 beistand, mtb es bedurfte einer zweiten energischen Mahnung des Ministers, um dem Armen zu seinem Rechte zu verhelfen. Ich vertröstete bei dieser Gelegenheit den Juden damit, daß auch für ihn und seine Glaubensgenossen gewiß in nicht zu ferner Zeit die Sonne der Emanzipation aufgehen werde — allein was antwortete er mir? „Herr — sagte er — ich habe keine Sehnsucht nach dieser Emanzipation, ich will ja gar nicht emanzipirt werden, ich will weiter Nichts, als daß man mich in Ruhe mein Geschäft hier betreiben und mein Stückchen Brod verzehren lasse.".... Auch Sir Moses Montefiore's gedachte Baron Eder. Er ist — sagte er ungefähr — vom besten Willen beseelt, dieser aber scheitert oft an der Undiß er Vekenntnrhältnisse. Sir Montesiore hat wohl, als er gelegentlich der Judenverfolgungen nach Rumänien kam, eine schriftliche Zusicherung des Fürsten mitgenommen, in der guten Meinung, daß damit seine edle Absicht erreicht sei. Darin aber hat er sich getäuscht, denn um die Sache der Juden in Rumänien steht es seit damals nicht um ein Haar besser als früher." Rußland. ' Wilna, im April. Von hier wird gemeldet: die dortige jüdische Gemeinde sei mit dem Gesuche bei der Regierung eingekommen, daß in der Rabbinerschule der Lehrer der russischen Sprache abgesetzt werde, weil er ein zum Christenthum übergetretener Jude sei, dies aber ein Beispiel gäbe, welches den Judaismus der Zöglinge erschüttern könne. Odessa, 1. April. (Privatmitth.) Der Artikel in Nr. 6. über den hiesigen Rabbinerwahlstreit, der Ihnen Veranlassung zu der trefflichen Abhandlung über die Sprachenfrage gab, hat hier nicht gelesen werden können, da die betreffende Nummer confiscirt wurde. Da diese Nummer durchaus nichts enthält, was unsere Staatsregierung mißbilligen könnte, und da, wie ich weiß, jene unbeanstandet im übrigen Rußland circulirt, so kann der Confiscationsbefehl des Gouverneurs, Herrn v. Kotzebue, nur zufolge der Bitte seines Günstlings, des Herrn Dr. Schwabacher, erflossen sein. Es ist dies nur ein Pröbchen von dem, was der genannte Rabbiner für die deutsche Bildung unter seinen Glaubensgenossen in Rußland seit neun Jahren gethan hat. Doch Sie wollen nicht auf Persönlichkeiten eingehen, und so schweige ich?) Diese Woche kam ein Erlaß des Ministeriums hieher, daß die Juden nunmehr von der Wahlfähigkeit der Mitglieder der Commerzial-Gerichte in Rußland, sowohl als Wähler, wie als Gewählte ausgeschlossen sind. Also sind nun die Juden von einer amtlichen Thätigkeit in ihrem eigentlichen Fache, im Handels-Fache, ausgeschlossen; und der seit Jahren hier in diesem Ehren-Amte fungirende Herr Gregoire Horowitz, einer der angesehensten Kaufleute unserer Stadt, wird nun daraus austreten müssen! Das Bedeutungsvolle, das hierin liegt, braucht nicht auSeinandergesetzt zu werden. Petersburg, den 30. März. (Petersburger Briefe IV.) Es. ist eine eigene Sache, daß mir in unsren Briefen meistentheils nur von solchen Dingen zu berichten haben, die Ihren verehrten Lesern kein besonderes Vergnügen zu bereiten im Stande sind. An wem die Schuld liegen mag, das müssen Ihre Leser schon selbst herauszufinden suchen. Jedenfalls liegt sie nicht in den besonderen Eigenschaften Ihres Correspondenten, dem es wahrhaftig nicht an gutem Willen mangelt, um von etwas Tröstendem und Erfreuendem zu erzählen. Glauben Sie aber nicht, daß ich heute von der traurigen materiellen Lage unserer Glaubensgenossen in den russischen Westgouvernements mich zu sprechen anschicke. Diese ist in Ihrem Blatte schon besprochen worden. Leider haben sich zu diesen materiellen Leiden auch solche moralische Mißstände gesellt, die man durchaus nicht mit Schweigen übergehen kann. Es ist nicht unsre Sache das politische Element in den letzten Vorgängen in den Westgouvernements zu besprechen. Die russische Regierung mit ihren russificirenden Bestrebungen mag Recht, mag Unrecht haben — das ist, wie gesagt nicht unsre Sache, und nicht in diesem Blatte kann dieses besprochen werden. *) Es sind uns über den gedachten Wahlstreit mehrere Correspondenzen von beiden Seiten zugekommen. Da sie aber nur Persönlichkeiten enthalten, haben wir sie bei Seite gelegt. Obiges Thatsächliche konnte nicht übergangen werden. Die Wahl selbst ist ausgesetzt worden. Redaction. 19*