Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 19 (11.5.1869)
- Date
- 1869-05-11
- Page
- Seite 369 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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869 Odessa, 25. April. Die Jubelt in Rußland. Jeden Menschenfreund, der einen Blick auf die Lage der auf niedrigem Stande der Cultur und Bildung sich befindenden Israeliten der westlichen Provinzen des unermeßlichen Rußlands wirst, beschleicht es mit Wehmuth, wenn er sieht, daß eine so große Zahl von Menschen, wovon der größte Theil fähige sind, sich in einem solchen verwahrlosten Zustande befinden. Unwillkürlich drängt sich dem Beobachter die Frage auf: wie und auf welche Weise diesem Uebel abzuhelfen? Was ist zu thun, dieser eingenisteten Krankheit, welche leider in jenen Gegenden feste Wurzel gefaßt hat, und welche droht noch größere Dimensionen anzunehmen, wenn nicht baldige und schleunige Hülfe von auswärts kommen sollte, entgegenzuarbeiten? Es ist nicht zu läugnen, daß diese Thatsachen gar mahnend an uns herantreten und baldige Abhülfe verlangen. Gar viele Ihrer Leser werden diese in wenigen Strichen gezeichnete Schilderung belächeln und bei sich denken, daß es doch nicht so arg ist, wie wir es mit grellen Farben schilderten. Wollte Gott, daß dem nicht so wäre! Aber leider steht die Thatsache fest, daß unsere polnischen Glaubensgenossen sowohl, wie auch in vielen russischen Provinzen unsere Brüder in Bildung und Fortschritt nicht nur den deutschen, sondern auch den südrussischen Juden nachstehen. — Es liegt nicht in unserer Absicht an dieser Stelle diesen hochwichtigen Gegenstand zu behandeln; wir fühlen uns nicht dazu berufen Reformen vorzuschlagen, die geeignet wären unseren Glaubensgenossen in den westlichen Provinzen unseres geliebten Vaterlandes eine ganz andere, nämlich eine zeitgemäße Richtung in Leben und Sitte zu geben. Veranlassung zu vorstehenden Gedanken gab uns ein vor Kurzem erschienenes Werk in russischer Sprache, welches vor uns liegt. Die in jeder Hinsicht ausgezeichnete Arbeit ist betitelt: „Versuch einer zeitgemäßen und umsichtigen Reform des Judenthums in Rußland von I. Tarnopol." Das Werk ist, wie aus der Einleitung ersichtlich, im Jahre 1855 geschrieben und erst jetzt durch den Druck der Oeffentlichkeit übergeben. Der Verfasser des in Rede stehenden Werkes hat mit vielem Fleiß und großer Sachkenntniß viele Quellen, namentlich deutsche, zu seiner wissenschaftlichen Arbeit benutzt und vieles, was in Deutschland bei unser» GlaubenSgenoffen in Synagoge, Schule und Gemeinde seiner Zeit eingeführt wurde und für unsere Verhältnisse paßt, auch für unsere russischen Brüder anempfohlen. In trefflicher Weise giebt er die Reformen an, die im Stande wären eine günstige Umwandlung der zahlreichen jüdischen Bevölkerung in Rußland zu erzielen, weist auf die vielen Wohlthaten hin, die unsere humane Regierung seit der Thronbesteigung des milden Kaisers Alexander II. in Betreff der Juden ins Leben rief, und wie die Gemeinden, zum größten Theile, den Wünschen der gütigen Regierung nicht entgegen kamen. Der Stellung und dem Berufe des Rabbinen widmet er eine sehr ernste Betrachtung und giebt ihm die Mittel an, wie dieser wichtige Beruf erfaßt sein will. Selbstverständlich spricht der Vers, ein Wort für Creirung von Schulen, namentlich von Rabbinerseminarien, zu welchem Behufs er einen wohldurchdachten Lehrplan schrieb. Besonders nothwendig scheint uns die Pflege der Homiletik, der er auch besondere Aufmerksamkeit schenkt, und findet die Idee, daß die Schüler des Seminars unter Leitung eines wiffenschaftlich gebildeten Professors der russischen Sprache die Predigten eines Salomon, Sachs, Philippson, Geiger, Jellinek und anderer berühmter Prediger ins Russische übersetzen sollen, ganz unfern Beifall. Die Errichtung von Consistorien nach dem Muster der preußischen, laut Entwurf von Or. Philippson, modificirt und für unsere Verhältnisse angepaßt dürften jedoch, unserer Meinung nach, schwerlich den gewünschten Erfolg haben. — Die Erlernung der russischen Sprache und Literatur, die Einführung derselben in Haus und Leben, wie auch im Gottesdienst durch eine russische Predigt werden natürlicher Weise zur Amalgamirung mit unfern russischen Brüdern führen und sind selbstverständlich eine Forderung der Zeit, der wir unbedingt Rechnung tragen müssen. — Das Werk zerfällt in sieben Abtheilungen, und zwar 1) Geistliche Angelegenheiten, 2) Schul-, 3) Gemeinde Angelegenheiten, 4) die Art der Beschäftigungen und Erwerbszweige, 5) die Erziehung der weiblichen Jugend, 6) der Geist und die Charakteristik, 7) der Zweck des Werkes: Die Amalgamirung der Juden mit den Russen und die innere und äußere Emancipation der Juden in Rußland. Die Errichtung von Handwerksschulen ist ebenfalls eine Nothwendigkeit für die große Zahl der jüdischen Jugend, was dem um sich gegriffenen Proletariat steuern