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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-05-04 · Heft 18 (4.5.1869) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 18 (4.5.1869)
Date
1869-05-04
Page
Seite 363 (sequence 19)
Language
German
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363 noch einmal in vollen lauten Tönen zu wiederholen. Nach den ersten Strichen schon wurde sie in ihm lebendig und weckte seinen ganzen musikalischen Geist. Di« Situation begeisterte ihn, die Tiefe und Majestät der Melodie riß ihn selbst hin; auch der Text trat ihm vor die Seele, wenn er die Worte auch nicht ganz verstand, und unbewußt fiel er an jedem Absätze mit den dazu gehörenden Endworten mit sanfter melodischer Stimme ein, und das oleivu letauwo, das vlo kajomin und lo schewnauss tönte voll und eindringlich aus. Welche Melodie! Kein Naturlaut, kein Schmerzensschrei oder Jubelruf eines rauhen, ungebildeten, aber tieffühlenden Volkes — sondern eine Fülle der Empfindungen, ein Schatz leidenschaftlicher Bewegung aus einer großen und reichen Entwickelung des geistigen, insonders des religiösen Lebens heraus! Das Tonstück beginnt in leisen, wie abgebrochenen Tönen, die sich nicht herauswagen, Die Seele fühlt sich im Schinerz der Reue, in der Demüthigung des Schuldbewußtseins kaum würdig, kaum berechtigt, ihre Stimme, ihre Klage vor Gott zu erheben. Aber sie wagt es dennoch, sie wird muthiger, ihre Stimme schwillt an, die Töne halten länger aus, und es fügt sich bereits ein beruhigender Schluß an. Hiermit hat sie aber nur erst den Boden gewonnen, auf welchem sie sich zu erheben den Muth findet, und nun im abwechselnden Gange der Gefühle kommt sie bald zum vollen Bewußtsein all' der Unruhe, all' der Schuld, die sie drückt, erhebt sich dann wieder zur Zuversicht auf die Barmherzigkeit des Herrn und läßt die Ahnung des Friedens in sich aufsteigen, der ihr in der Versöhnung ihres Gottes werden wird. Wieder sinkt sie dann zurück in die Zweifel, in die dunkle Gewalt, die über sie Herr werden will, aber nicht lange, das Gottesbewußtsein ist in ihr schon mächtig geworden, sie zerreißt die Feffeln und mit sicheren, festen Schritten steigt sie zu der Höhe, wo die Ausgleichung und die Ruhe waltet, und sie, ihres Zieles im Voraus gewiß, den weiten und großen Gang der Versöhnung beschreiten kann — die Pforte des Heiligthums ist geöffnet und sie tritt ein. Ja, das ist der Inhalt dieses merkwürdigen, eigenthümlichen Tonstückes, das aus uralter Zeit uns überliefert worden und seit vielen Jahrhunderten in den jüdischen Gotteshäusern beim Beginne der Nacht am Vorabend des heiligsten Festes, des Festes, das mit dem Uebergang der Seele aus dem Diesseits in das Jenseits, aus der Menschenin die Gotteswelt verglichen werden kann, wenn die ganze Gemeinde, die Männer in ihre Sterbekleider gehüllt, versammelt ist, feierlich ertönt und einen Zauber ausübt auf die Gemüther aller Derer, welche es in ihrer Kindheit und Jugend vernommen, einen Zauber, den kein Alter, keine Entfremdung, keine Verbildung zu verwischen vermag. Diese bald rauhen, bald sanften, bald scharfen, bald tiefen, bald lockenden, bald abstoßenden Töne, dieser Ausdruck bald des Schmerzes, bald des Trostes, bald des Zweifels, bald der Zuversicht, in die mitten hinein selbst die Läufer und Triller froher Gewißheit fallen, sie schlagen alle an das Herz, wogen es hin und her, und führen es siegreich zu dem Quell alles Lebens, Friedens und aller Freudigkeit, zu dem Gefühl und Bewußtsein in Gott! ... Kaum hatte Jacob begonnen, so erhob sich Fürth mit seinem Oberkörper auf seinem Lager; er schien ganz Ohr; seine Züge drückten die höchste Spannung aus, seine Augen stierten ins Leere und lenkten sich dann nach oben. Noch waren die Bewegungen seiner Arme und Hände sehr unruhig; dann und wann zuckte und schauerte es durch alle seine Glieder. Als unser Freund geschlossen und die Melodie zum zweiten Male in stärkerem Tone begann, da wandte sich das Antlitz des Kranken zu ihm; er schien jetzt eher zu begreifen, was geschah, es wurde ruhiger in ihm,er folgte den Fortschritten der Klänge. Und Jacob ließ nicht ab; auch zum dritten Male, und dies Mal körte, mit kräftigem Ausdruck, mit zuversichtlicher Tonfärbung spielte er das Stück ab, und setzte mit sonorer Stimme hier und dort ein, daß der Klang der Worte die Töne des Instrumentes überwand. Das Antlitz des Kranken war jetzt leuchtender geworden, die Züge hatten sich geglättet, aus den Augen strahlte eine Verklärung, die Röthe auf seinen Wangen nahm ab und wich einer Blässe, welche das Schwinden des Feuerbrandes bezeichnete, der bis jetzt in ihm gelodert. Jetzt hob Jacob noch einmal an, und spielte und sang in langsamen, feierlichen Tönen bas erhabene Wort venisslach bis lechol hoom bischgogoh, d. h. „Verziehen ist der ganzen Gemeinde und dem Fremdling, der weilt in ihrer Mitte, denn dem ganzen Volke geschah es aus Versehen!" <4 Mos. 15, 26.) Kaum hatte Jacob dieses Wort der Verheißung beendet, da rief der Kranke aus: „Es ist geschehen, ich bin erlöst, ich bin frei von Schuld, es ist mir wohl ..." und ohnmächtig sank er in die Kisten zurück, und legte die Hände auf die Decke und schloß die Augen. Jacob rieb ihin die Tropfen einer Essenz in die Schläfen; der Kranke öffnete die Angen und flüsterte leise,» kaum vernehmbar: „Laßt mich, ich will schlafen . . ." lind bald schlief er; seit 8 Tagen zum ersten Male wieder. Wäbrend dieses ganzen Vorgangs hatte Lina an dein Bette ihres Vaters in der höchsten Erregung ihres Herzens, zwischen Angst und Hoffnung getheilt, dagestanden, die Hände gefaltet, kein Auge von dein Vater gewendet, den sie zu verlieren in Gefahr stand, den zu behalten ihr ganzes Glück ausmachte. Mit jedem Blicke sog sie jedes Zucken auf dem Antlitz ihres Vaters, jede Wendung seines Körpers, jede Bewegung seiner Hände ein, um daraus Hoffnung zu schöpfen oder ihre Besorgniß gemehrt zu fühlen. Und trotzdem ergriff auch sie diese erhabene vortreffliche Musik, die so rein, so seelenvoll, so begeisternd, so über alle Wirklichkeit hinaushebend aus den Saiten dieses Instrumentes ertönte, und hier in der Stille der Nacht, bei dem Glanze der Mondesscheibe vom lichten Sternenhimmel drei Seelen vereint zu derselben Höhe trug, aus der Unruhe der Erde zum Frieden

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