Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1869)
- Date
- 1869-05-04
- Page
- Seite 364 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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364 des Himmels. Noch ängstlicher, jede Secunde von Neuem in ihrem Herzen erzitternd, beobachtete sie die letzten Bewegungen ihres Vaters und lauschte seinen leise geflüsterten Worten. Und als sie nun das Haupt ihres Vaters ruhig auf dem Kiffen liegen, seine Augen geschlossen sah und die ersten ruhigen Athemzüge desselben in ihr Ohr drangen, und als Jacob, der noch immer über .<-^Ar^.,Kranken gebeugt stand, sich aufrichtete und mit be- Tone die Worte sprach; „Er schläft, er ist Arzt hat cs ja gesagt" — da hatte sie ihre f / Haffüng'Mrloren und mit einem halb unterdrückten Auf- [ sHrei warf sie sich an die Brust des Jünglings, und em StKA' von Thränen machte wohlthätig der Oual ' / Md^dch^Jubel ihres Herzens Luft ... . ~ Eine unnennbare Seligkeit strömte durch die Seele Jacobs, als er das Mädchen, das er so überaus verehrte, das er, ohne es recht zu wissen, so unbegrenzt liebte, an seinem Herzen fühlte. Ein Schauer lief ihm durch seinen ganzen Körper. Aber in der Reinheit und Zartheit seiner Seele empfand er auch, daß es nur die völlige Erschütterung ihrer Selbstbeherrschung, das Glück, ihren Vater dem Tode entriffen zu sehen und wohl auch die Dankbarkeit für seine Mithülfe es waren, die sie in seine Arme geführt. Er ließ sie ruhen an seiner Brust und stützte sie; er legte nicht den Arm um ihre Taille, er drückte sie nicht an sich. Und Lina flüsterte: „Habe Dank, Jacob, ich werde es nie vergessen!" und dann riß sie sich los, und eilte hinaus, um den Geschwistern und dem Gesinde die froh« Botschaft zu bringen von der Rettung des geliebten Vaters, des verehrten Herrn, und die ungestörteste Ruhe ringsum anzuordnen. Der Kranke schlief lange Zeit. Er erwachte, nahm einige Erfrischung zu sich und schlief weiter. Der Arzt erklärte ihn für ganz außer Gefahr. Als er endlich völlig erwachte, wußte er nichts von Allem, was vorgegangen. Es dämmerte in ihm nur, daß es Jacob sei, dem er seine Genesung verdanke, daß dessen Kunst dabei im Spiele sei, und daß sich so gerade an ihm vergolten habe, was er für den jungen Mann gethan. Lina klärte ihn insoweit auf, als sie ihm mittheilte, daß er in großer Fieberunruhe gewesen und Jacob's Violine ihn in den ersehnten Schlaf gebracht. Welche treue Wacht und Pflege ihm der junge Mann gewidmet, schilderte sie ihm mit beredten Worten. Wochen vergingen, che Herr Fürth sich von seinem Lager erheben konnte, che seine Kräfte sich wieder sammelten. i Fortsetzung folgt.» Betrügerische Spekulationen ans die Wohlthiitigkeit. Coesfeld, 14. April 1869. Zu dem in No. 14 des Feuilleton zur Allg. Ztg. d. Jdths. Mitgetheilten, die speculative Ausbeutung des jüd. Wohlthätigkeitssinnes betreffend, erlaube ich mir, nachstehenden kleinen Beitrag zu liefern. Im Januar d. I. meldete sich hierorts ein früherer jüdischer Lehrer, der sich Isaak Gabriels aus Amsterdam nannte und durch allerlei Gestikulationen und unartikulirte Laute, so wie durch beigebrachte Atteste zu verstehen gab, er sei in Folge einer Krankheit taubstumm geworden. Da ich, durch Empfehlungsschreiben vieler, theils bekannter, theils befreundeter College« aus der Nähe und Ferne bestochen, nicht den mindesten Zweifel in die Glaubwürdigkeit dessen setzte, meinte ich, einem armen College» schuldig zu sein, ihm in seinen Bemühungen für sich und seine zurückgelassene Familie mildthätige Gaben zu sammeln, möglichsten Vorschub leisten zu müssen. — Nach einiger Zeit brachte ich jedoch leider in Erfahrung, daß der I. G. ein abgefeimter Betrüger sei und das Taubstummseinein simulirtes, eineNachricht, die durch meinen College» in Vreden bestätigt wurde, wo die Polizeibehörde, auf telegraphischem Wege auf ihn aufmerksam gemacht, seiner habhaft wurde. Kurzum, dem Schwindler wurde auf einmal die Zünge gelöst und ihm sein sehr ergiebiges Handwerk gelegt. — Daß er mich und viele Lehrer in ihrer Gutmüthigkeit hinters Licht zu führen verstand, ist weniger erheblich, da ähnliche Fälle nicht zu den Seltenheiten gehören; allein es möchte dies doch eine wohlgemeinte Warnung für alle Lehrer, insonders für die in kleinen Gemeinden sein, an welche (die Lehrer) man sich gewöhnlich zuerst wendet, um ihren Einfluß geltend zu machen, weniger leichtgläubig, sondern mehr auf ihrer Hut zu sein. Das sogen. Schnorrerthum ist, wie Ew. Ehrwürden sehr richtig bemerken, ein wunder Fleck im jüd. Armenwesen, dessen Beseitigung angebahnt werden muß, und unter dessen Aegide der größte Mißbrauch und Unfug mit dem wahrhaft rühmenswerten und beispiellosen jüd. nirwn-i getrieben wird. Wir haben wahrlich Nützlicheres und Besseres zu thun, als solchem Gelichter die Mittel zu ihrem Wohl- und Lotterleben zu verschaffen. Lehrer Oppenheimer. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. — Druck von F. B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Dr, H. Lotze.