Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1869)
- Date
- 1869-05-04
- Page
- Seite 362 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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362 ten ein, Antlitz und Blicke stets auf den Kranken gerichtet und mit fast weiblicher Fürsorge jedem Bedürfniß desselben abhelfend. Er legte ihm die Kiffen zurecht, wischte den Schweiß von seiner Stirn, benetzte ihm die Lippen mit frischem Waffer, gab ihm den Trank ein, redete ihm sanft zu, wenn er aufgeregt sprach, hielt ihm die Arme zurück, wenn er mit denselben unruhig umherfechten wollte, und richtete leise, tröstende Worte an Lina, die ihm bald gegenüber saß, bald aufsprang und die Hände ringend im Zimmer umherging. Manchmal erkannte der Kranke seinen Pfleger. Im Laufe des Tages fragte er ihn einige Male: „Jacob, heute ist doch Eref Jom Kippur (Rüsttag zum Versöhnungsfeste)? Jawohl, Gott sei Dank. .. wäre doch nur erst Col Nidre vorbei .. . Ich sterbe vor Angst, daß es gar nicht kommen will . .. dann werde ich doch frei und rein sein . . Jacob wußte nicht, was er antworten sollte. Er verstand es nicht, was der Phantasirende damit sagen wollte. Er bemerkte aber bald, daß ein Widerspruch diesen sehr aufregte und ihn fast wild machte. Er hielt es für das Beste, vorerst darauf einzugehen, und als er die Frage des Kranken bejahte, sprach dieser: „Ja, ja, ich wußt' es ja, es ist Eref Jom Kippur, und wenn ich heute Abend überlebe, bin ich befreit . .. das Gelübde drückt mich so .. . Warum Hab' ich's gethan? Und wenn ich's that, waruin Hab' ich es nicht gehalten? ..." Auch Lina lauschte, sie hatte bis jetzt die Worte noch nicht so vernehmlich gehört. Sie blickte Jacob fragend an, der aber konnte nur leise fragen: „Ein Gelübde? Wiffen Sie etwas davon?" — „Nein, antwortete sie, wollen Sie den Vater darum befragen?" — „Ich möchte es kaum, ich fürchte, ihn noch mehr aufzuregen, vielleicht spricht er es von selbst aun." Lina war damit zufrieden; sie hatte ihre Frage schon bereut. Eine neue Angst bemächtigte sich ihres gequälten Herzens. Hätte ihr Vater etwa ein Unrecht begangen? lastete eine Schuld auf ihm? Er war so gut, gerecht und frommen Sinnes, aber wenn doch? Sie drückte diese Zweifel und Fragen krampfhaft in ihr Inneres zurück. Der Kranke wiederholte dieselbe Frage und dieselben Worte noch mehrere Male, und als Jacob ihm nun in bestimmterer Weise Recht gab, wurde er etwas ruhiger und lag lange Zeit still vor sich hin. Daß er nicht schlafe, sah man den Bewegungen seiner Augen an. Während der Kranke noch auf den Abend wartete, war die Nacht schon längst herabgestiegen. Aber es war eine mondhelle Nacht, und die verdeckte Nachtlampe verdunkelte das Licht der Fensterscheiben nicht, durch welche der Wiederglanz der Mondesstrahlen von der weißen Schneedecke leuchtete, die weithin und starr auf der Erde lag. Es war beinah wie Tag, aber eine unendliche Stille, eine todesähnliche Stille, lagerte draußen, kein Luftzug rauschte, keine Wolke zog unter den glitzernden Sternen am hellblauen Firmament. Wandelte Jemand durch die stille Straße, so vernahm man kaum daS leise Knirschen des Schnees unter seinen Füßen. Jacob und Lina saßen schweigend an dem Bette des Kranken, den sie fortwährend beobachteten. Plötzlich schrak dieser auf, erhob das Haupt vom Kissen und rief: „Jetzt müssen doch die Leut' schon in der lieben Schul' sein, fängt denn der Chasan noch immer nicht an? . .. Gerechter Gott, ick habe gesündigt, ich habe gefrevelt, ich habe anfgethan meinen Mund zum Bösen ... Die furchtbare Feuersbrunst loderte hinter meinem Hause ... sie wollte mich und meine Kinder und mein Hab und Gut verzehren ... ja, Fürth, da hattest du gut Gelübde thun, da rief die Angst aus dir: das ganze Jahr jeden Monat willst du zwei Tage fasten ... und die Flammen erloschen auf Geheiß Gottes .. . und ich und meine Kinder und mein Haus blieben unversehrt .. . aber mein Gelübde habe ich vergeffen und es nicht gethan ... und nun wühlt es in mir das Feuer, und die Flamme verzehrt mein Eingeweide und brennt in meinem Kopse und schlägt mir zum Munde hinaus ... o, ich Unglücklicher und meine armen Kinder ..." Lina und Jacob sahen sich tief erschrocken an. Seit Menschengedenken war keine Feuersbrunst im Städtchen gewesen. Es war alles Fieberphantasie. Jacob flößte dem Patienten einen beruhigenden Trank ein; dieser schluckte ihn mit Beschwerde herunter, und es wirkte nichts. „Da bist du ja, Jacob? hob er wieder an. Du bist doch ein Spieler, du wirst doch das Col Nidre singen können ... Ich horch' und horche, aber sie wollen nicht ansangen . . . Warum thut der Chasan seine Schuldigkeit nicht? ... Ich will es hören, denn dann bin ich mutter tbefreit), ich muß es hören . . . wollt il» mich denn umkommen laffen ... soll es mich erwürgen . .." Lina rang die Hände. Die beschwichtigenden Worte Jacobs wurden vom Kranken gar nickt gehört. Er vermochte Col Nidre nicht zu singen, er hatte nie gesungen. Aber in seiner Seele lebte die hohe, erhabene, tiefinnige Melodie. Da kam ihm ein Gedanke. Er hatte einmal gehört, daß die Musik schon oft beruhigend auf gemüthskranke Menschen gewirkt habe. Er eilte ins Nebengemach, wo seine Violine noch seit der Stunde sich befand, in welcher er an jenem Tage zum Mittagsessen gekoiumen. Er kehrte mit ihr ins Krankenzimmer zurück und stimmte die Melodie jenes Gebetes an, welches als Einleitung und Vorbereitung zum Versöhnungsfeste alle etwaigen übereilten und nichterfüllten Gelübde, Schwüre und Flüche — selbstverständlich nur solche, welche die Rechte eines Dritten nicht berühren — vor Gott auflösen und die Verzeihung Gottes dafür erflehen und aussprechen soll. Er hob die Melodie an, wie es Gebrauch ist, sanft und leise, um sie dann stärker und dann