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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-05-04 · Heft 18 (4.5.1869) · p. Seite 361

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 18 (4.5.1869)
Date
1869-05-04
Page
Seite 361 (sequence 17)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Jn-enthnms. Feuilleton-Beilage zu Nr. 18. Leipzig, den 4. Mai 1869. Ein Musikant. Erzählung aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. 5. Eine Krise. Der Winter war wiedergekehrt, und hatte im Februar seine volle Kraft gesammelt, der nordischen Erde seine ganze despotische Härte fühlbar zu machen. Der gute Herr Fürth war einige Tage in Geschäften abwesend, und kehrte erschöpft und angegriffen zurück. Am folgenden Tage mußte er das Bett hüten, ein starkes Fieber kam zum Ausbruch. Unruhig wälzte er sich auf seinem Lager umher, Antlitz und Stirn waren geröthet, das Blut klopfte ihm in den Adern, die Augen stierten in unheimlichem Glanze. Aber außer dem körperlichen Leid schien dem braven Mann irgend eine Sorge oder ein Kummer auf dem Herzen zu liegen, seine bleichen zitternden Lippen murmelten oft unverständliche Worte. Seine Kinder, besonders Lina, und seine Freunde waren tief erschreckt. Damals kannte man noch nicht die Segnungen von Eis- und kalten Umschlägen, wenigstens in der fernen Provinz nicht. Vielmehr griff man sofort zur Blutentziehung und Aderlaß folgte auf Aderlaß, bis an die Stelle der Fiebererregung die Erschöpfung, der Verfall der Kräfte trat, die Unruhe von bewußtloser Ohnmacht ersetzt ward und meistens der Tod erfolgte. Die kräftige Natur Fürth's erhielt ihn noch, und sein Arzt war doch gescheidt genug, mit den Aderlässen einzuhalten, da er aus denselben keine Besserung, sondern nur Verschlimmerung hervorgehen sah. Er begnügte sich, kühlende Getränke zu verschreiben, und die treueste Obhut zu empfehlen. Diese letztere fehlte ihm dann auch nicht, denn Lina wich nicht von seinem Bette. Am dritten Tage hatte gerade Jacob die traurige Mahlzeit mit den kleineren Geschwistern beendet, als Lina eintrat, mit dem von Nachtwachen und Kummer bleichen Gesichte, aus welchem die großen Augen wie Trost suchend und nicht findend heransblickten. Jacob stand auf, trat ihr entgegen, und sprach mit sanftem, die ganze schmerzliche Theilnahme ausdrückenden Tone: „Mamsell Lina, ich wollte Sie dringend um einen Beweis Ihres Wohlwollens bitten. Lasten Sie mich heute und die Nacht hindurch bei Ihrem Herrn Vater wachen; Sie werden es nicht aushalten und machen sich selbst krank; ich verspreche Ihnen heilig, jeden Athemzug des theuren Kranken so getreulich wie Sie sie selbst zu behüten und alle Vorschriften auf's Genaueste zu beobachten." „Ich kam eben", antwortete sie, und ihre Sprache war so schwach und bebend, „Sie darum zu bitten. Ich weiß, Sie thun es willig, und mein Vater hat Sie gern. Nicht daß ich das Lager meines Vaters verlassen werde, ich trenne mich unter keiner Bedingung von ihm — aber ich halte allein es nicht mehr aus, und ich muß Jemanden bei mir haben, um im Nothfall der Hülfe nicht zu entbehren. Er ist wieder sehr unruhig geworden und spricht irre.. Bei diesen Worten stürzten die Thränen ans ihren Augen, ihre Lippen zuckten, ihre Hände zitterten. Jacob war tief erschüttert und vermochte kaum einige Worte des Trostes hervorzubringen; er stammelte: „Gott wird helfen .. . Seien Sie ruhig, gefaßt... Gott wird helfen .. . Er wird uns beistehen und vor allem Schaden behüten ... Weinen Sie nicht, haben Sie guten Muth ..Und er selbst weinte und schluchzte, nach Fassung ringend, und die Kinder drängten sich um sie und begannen zu jammern. Da faßten sich die beiden jungen Leute, um die Kinder zu beschwichtigen, daß ihr Wehklagen nicht in das Krankenzimmer dringe. Jacob sprach: „Ich will nach Hause eilen, den Stadtpfeifer um Urlaub anzugehen, und bin dann gleich wieder da. Ich werde mir ihn gleich auf einige Tage fordern, was auch der Meister einwenden möge, denn ich gehe nicht von hinnen, bis mit Gottes Hülfe Herr Fürth genesen und wir Alle glücklich sein werden." Diese zuversichtlichen Worte stärkten den Muth der verzweifelten Lina, und fast fteudig fügte sie hinzu: „Ja, lieber Jacob, das thun Sie, und wissen Sie, sagen Sie dem Stadtpfeifer, daß ich seiner Frau aus dem Laden ein schönes neues Kleid schicken will, wenn er Sie ohne Widerspruch auf einige Tage entläßt." Jacob war bald in dem Krankenzimmer des Herrn Fürth installirt und nahm den Lehnstuhl zu dessen Häup-

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