Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 18 (4.5.1869)
- Date
- 1869-05-04
- Page
- Seite 355 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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355 Denkmal ihres Daseins blieb zurück. Unordnung blieb Unordnung, nur der fromme Wunsch der innern Reglung der Zustände blieb für bessere Zeiten aufbewahrt. Jndeß ist die Ruhe nur scheinbar und bald werden sich die Parteien zum neuen Kampfe rüsten, und Die Orthodoxie sammelt bereits ihre Kräfte, um ein neues Turnier zum Besten zu geben. Doch ist die Theilnahme am Sobomrs Hadath- Vereine stark im Abnehmen begriffen, so daß das Erscheinen der Wochenschrift „Magyar Zsidö“ gefährdet ist; deshalb berief der Verwaltungsrath auf Ende Mai eine Generalversammlung ein, das Journal hat aber keine Leser. Die Führer der Congreßmajorität schlafen den schlaf des Gerechten, und das Volk bekam anstatt Ordnung — Schulden, die in den isr. Gemeinden Ungarns gar bald Veranlassung zum Streit geben werden. Diese Tage war hier eine große Zahl Rabbiner anwesend, die dem Episkopate der preßburger Schule untergeordnet sind, und der Zweck war, das Volk für den Lebvwre JHadath zu gewinnen. — Der gewesene Präses des I. Congresses Dr. Jg. Hirschler wurde zum Correspondirenden Mitglied der ung. Akademie ernannt. Veritas. Italien. Rom, 14. April. Man schreibt von hier: „Auch die Israeliten von Livorno haben die Sekundizfeier des h. Vaters nicht vorübergehen lassen, ohne ihm ein Zeichen ihrer Aufmerksamkeit zu geben. Sie sendeten demselben einige Ballen feinen wollenen Stoffes zu Soutanen." Wir möchten wohl wissen, ob dies wahr sei? und wenn, welchen Grund „die Israeliten von Livorno" hatten, dem Manne der Mortarageschichte und des Syllabus eine Huldigung darzubringen? etwa dem Herrscher, der 4500 ihrer Glaubensbrüder in Ghetto zurückhält? Anders klingt folgendes Geschichtchen: Aus Tarnow (Galizien) wird berichtet: „Unser Bürgermeister erließ gestern den Befehl, die Stadt den 11. d. M. zur Feier der Secundiz des Papstes zu illuminiren. Die Juden unserer Stadt weigerten sich, diesem Befehle Folge zu leisten, und in Folge dessen entstand eine Gahrung in der Bevölkerung, ja man sprach sogar, daß sich bei Gelegenheit eines von der Geistlichkeit zu arrangirenden Fackelzuges eine bedeutende Judenhetze vorbereite. Unser Rabbiner aber befahl nicht nur zu illuminiren, sondern auch den 12. d. M. die Verkaufsläden geschlossen zu halten. Die Israeliten gehorchten ihrem geistlichen Vorstand, und die ganze Feier lief ohne Störung ab." Daklingt viel wahrscheinlicher als die Soutanen von Livorno! Der Rabbiner hatte ganz Recht, denn die Verhütung von Menschenwürgerei steht über einer erzwungenen Illumination. Rußland. Memel, im April. (Eingesandt >. Es ist vielfach daran Anstoß genommen worden, daß die Wirksamkeit unserer Hilfsvereine einen zu ausschließlich confessionellen Character trage. Dem ist aber nicht also. Wir unterstützen eine von Hunger und Krankheit bis zur Vernichtung heimgesuchte Menschenmasse; daß diese merkwürdigerweise nur aus Juden besteht, beruht einestheils auf der eigenthümlichen Beschaffenheit der Grenzbevölkerung, anderntheils auf der eigenthümlichen Beschaffenheit des Nothstandes. Von Kurland bis Galizien wohnt nämlich längs der preußischen Grenze in Rußland und Polen eine so zahlreiche, dichtgedrängte, israelitische Bevölkerung, daß man — die großen, auch kaum zur Hälfte aus Christen bestehenden Gouvernements-Plätze ausgenommen — in fast allen Städten nur Juden antrifft, und dort oft weiter Niemand als die mannigfaltigen und zahlreireichen Beamten und Geistlichen Christen sind. — Bis vor Kurzem vom Ackerbaubetrieb ausgeschlossen, haben sie sich fast allesammt in den Städten concentrirt, hoben Handel und Handwerk, während die Christen sich auf dem flachen Lande verbreiteten und die Bodencültur in Besitz genommen. Wohlhabend war diese jüdische Bevölkerung, nach unseren Begriffen, eigentlich niemals, wohl aber nach ihren; denn sie bedurften zum Lebensunterhalte stets so äußerst wenig, daß sie das Wenige mit größter Leichtigkeit sich beschaffen konnten. Seit einem Jahrzehnt aber haben eine Menge mißlicher Umstände, wie wir sie näher in unserem Rechenschafts-Bericht angegeben, ihnen alle Nahrungs- und Ernährungsquellen versiegen lassen. Sie sind immer mehr herabgekommen. Auch dieBer- 18*