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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-05-04 · Heft 18 (4.5.1869) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 18 (4.5.1869)
Date
1869-05-04
Page
Seite 356 (sequence 12)
Language
German
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356 mögenden sind nach und nach verarmt, oder haben, um den ungeheuren Ansprüchen, die man von allen Seiten an sie stellte, sich zu entziehen, den Heimathsort verlassen. So giebt's Städte von 6000 bis 8000 Menschen, worunter kaum noch 20 bis 30 sind, welche noch einige hundert Rubel Vermögen haben und nicht wie alle Uebrigen, von Hand zu Mund zu leben brauchen; sofern nämlich nicht die Hand, und in Folge dessen auch der Mund, vollkommen alles Nothwendigen baar sind. Und dennoch kam der Nothstand weder zum Ausspruch noch zum Ausbruch, ihrer fast an Communismus grenzenden, erzwungenen oder freien, Unterstützung unter einander — und ihrer fast an Ascetik grenzenden Enthaltsamkeit wegen. Mit etwas Weiß- oder Schwarzbrot, Gemüse und einem Hering — welcher Letztere dort, die Gastronomie betreffend, eine sehr große Rolle spielt — richtet ein Jude dieser Gegenden ein Festmal zu. Eine mehrjährige Mißernte mußte den Nothstand endlich mit allen seinen schrecklichen Folgen hervortreten lassen. Der Verarmung und vieler anderer mißlichen Dinge wegen vom großen Weltverkehr längst ausgeschlossen und lediglich auf den Verkehr mit dem Landmanne hingewiesen, schwanden ihnen plötzlich alle Nahrungs- und Ernährungsmittel. Sie versorgen den Landmann vom größten Gutsbesitzer bis zum kleinsten Eigenkäthner und Losmann mit allen Bedürfnissen und verwerthen ihm allen Ueberfluß. Jemehr der Ueberfluß schwindet, desto mehr wird das Bedürfniß reducirt, und so ist nach keiner Richtung für die unglücklichen kleinen Handelsleute eine Beschäftigung. — Noch viel schlimmer stehts um die Handwerker. Diese nähen dem Bauern seine Kleider und Schuhe, verfertigen ihm alles und jedes Hausgeräthe, bauen ihm seine Häuser, ja selbst ansehnliche Kirchen und Prunkgebäude werden von jüdischen Handwerkern errichtet, in den größeren Städten trifft man unter den Handwerkern weithin berühmte, wahrhaft geniale Männer; sie alle sind brotlos, da sie weder bei Juden noch bei Christen Beschäftigung finden. — Zu den s. g. „Dorfgehern" gehören nicht nur die kleinen Handelsleute, sondern auch hunderte von kleinen Handwerkern. Die Woche über arbeiten sie auf dem Lande, am Freitag kommen sie mit wenigem Gelde, aber mit Nahrungsmitteln schwer beladen, nach Hause und bringen den Ihrigen den Unterhalt für die kommende Woche. Die Bauern haben jetzt kaum Brot für sich und die Ihrigen, die armen Dorfgeher sitzen jetzt zu Hause und — verhungern. Nun meinen vielleicht viele, in diesen Gegenden herrsche große Theuerung. Dem ist nicht so. Brot ist nicht viel theurer als sonst, Fleisch sogar billiger. Wegen anhaltender Dürre ist im verflossenen Sommer wenig Viehfutter gewachsen. Das Vieh muß mit dem Brotgetreide ernährt, oder, was viel häufiger geschieht, verkauft werden. Fleisch ist darum in diesem Jahre billig, für wenige Kopeken wird das Pfund verkauft; jedoch das ist eben das Schmerzlichste, selbst diese wenigen Kopeken können die Unglücklichen nicht auftreiben. Es ist kaum nothwendig, mehr zur Dar- und Klarlegung anzuführen. Eigentlicher Nothstand herrschte unter den Christen dieser Gegenden weder im vergangenen, noch viel weniger in diesem Jahre. — Selbst die russische Regierung anerkennt dieses, indem sie ihre Maaßnahmen zur Abhilfe, insofern von solchen die Rede sein kann, nur den Juden zuwendet. Um weiteste Verbreitung des Vorstehenden durcb die Presse, sofern dies nothwendig erscheint, bittet im Interesse der guten Sache DaS UnterstützungS-Comits für die Israeliten an der benachbarten russischen Grenze. Anzeigen. Bekanntmachung. In hiesiger Gemeinde soll die Stelle des Cultusbeamten, welcher geprüfter Lehrer, Borbeter und Schächter sein muß, sobald wie möglich besetzt werden. Das Einkommen besteht aus 260 Thlr. baarem Gehalt, den accidentien aus der Schechita und freier Wohnung. Candidaten wollen sich in ftankirten Briefen unter Beifügung ihrer Zeugnisse schleunigst bei uns melden, dieselben müssen sich auf Verlangen einer persönlichen Vorstellung und der Abhaltung einer Probelection unterziehen; Reisekosten werden jedoch nicht erstattet. Tempelburg, den 19. April 1869. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde. _Leibbolz. I. Frankel._ Bacante Stelle. In der hiesigen Gemeinde ist die Stelle eines Religionslehrers, der zugleich Cantor ist und einen Chor zu leiten vermag, baldigst zu besetzen. Bewerber wollen sich deshalb wenden an Em. Worms, Vorsteher. Offenbach, 10. April 1869.

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