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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-04-27 · Heft 17 (27.4.1869) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 17 (27.4.1869)
Date
1869-04-27
Page
Seite 343 (sequence 19)
Language
German
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343 Blasinstrumenten, und er hatte hier einen harten Stand. Zuletzt mußte sich seiner Energie auch die sanfte Flöte und das schmetternde Horn fügen, und blieb er ihnen auch weniger zugeneigt, so »ahmen sie doch keine leere Stelle mehr in seinem musikalischen Gefühle ein. Jetzt aber kam für ihn die zweite Frage: wie stimmen diese verschiedenartigen Instrumente zusammen? wie bilden sie ei» harmonisches Ganzes? Daß der Meister die Sache rein mechanisch betrieb und nichts weiter that als genau darauf zu achten, daß jeder Spieler zur rechten Zeit die vorgeschriebene Note spiele, und daß er sich nur durch die lange Uebung ein gutes Gehör erworben, um jeden Fehler oder jede Abweichung sofort zu merken, sah unser Jacob bald ein, und fürchtete durchaus uicht, daß er nicht bald in den Besitz derselben Eigenschaft sich setzen könnte. Fühlte er doch zu seiner Freude schon jetzt bald heraus, wenn solche Fehler gemacht wurden. Dagegen merkte er, daß der Herr es kauin vermochte die Lücke auszufüllen, wenn einmal ein Jnstrunient fehlte. Jacobs Scharfsinn erkannte nun auch in kurzer Zeit, daß der Schwerpunkt ganz wo anders läge. Es drängte sich ihm auf, daß es blos Sache des Effekts sei, hier oder da dieses oder jenes Instrument zu verwenden, die Hauptsache sei, welche Töne mit einander verbunden werden dürften? welche Gesetze für die Neben- und Aufeinanderfolge entscheidend wären? Es entging ihm nicht, daß hier keine Willkühr möglich, daß man nicht nach seinem Belieben wählen oder zurückweisen könne. Hierüber brütete er und die Antwort blieb ihm aus. Er ging seinen Meister darum an; dieser wich aus, schnitt ernste, weise Gesichter, sprach von späterer Zeit, von größerer Reife, deutete auf Geheimnisse und Kunststücke hin — der Hungrige verlangte nach Brod und erhielt Steine. Mit einer Schlauheit, die man ihm gar nicht zugetraut hätte, fiel Jacob seinem Meister in die Flanke. Er hielt sich in einein gegebenen Falle an das Einzelne. Warum ist mit diesem e ein warum nicht ein g oder a verbunden? Der Lehrherr erröthete, stotterte und gerieth dann in einen Redefluß, wo von Terz, Quinte, Septime, Oktave viel die Rede war, ohne daß auch nur ein Funke Sinn daraus hervorleuchtete. Jacob war geblendet, betäubt. Solche Worte hatte er noch nicht gehört. Es giebt also ein Heiligthum der Kunst, in welches alle Fertigkeit des Spiels und alle Phantasie der Welt noch nicht hineinführen, sondern in der Außenhalle lassen; die Pforte will geöffnet und der Schlüssel dazu gefunden werden. Seine Ahnungen bestätigen sich, aber wer verwirklicht sie ihm? Immer wieder und wieder dringt er auf den Stadtpfeifer ein, bald von dieser, bald von jener Seite her. Aber nachdem derselbe ihn mehrere Male mit den gleichen hohlen Klängen von Worten geantwortet hat, merkt er die Absicht, wird verstimmt und weist ihn ein für alle Mal grob ab. Er habe zu thun, was ihm der Meister befehle, und weiter nichts!.. . So mußte denn Jacob fortfahren Knechtes Dienste zu thun, und Tag für Tag und Nacht für Nacht zum Nutzen des Stadtpfeifers die Violine oder den Baß streichen, die Flöte oder das Horn blasen, und immer nur Tänze und Ständchen und Choräle — aber innen verschmachtete seine Seele im Durst »ach Erkenntniß, und kein labender Trunk und keine erfrischende Quelle bot sich ihm. Dabei wurde er immer mehr Meister seines Lieblingsinstruments, immer voller tönte die Klage, immer tiefer brauste der Sturm, und alle Liebe seines Herzens konnte nur daun und wann ein Jubellied auf seinen Saiten anklingen, das unvernomrnen in der Nacht verhallte, und zu den Sternen sich aufschwang, wo nur Einer es hörte, und — würde dieser Eine ihn erhören?... Wir haben dem Leser die musikalische Laufbahn unseres Jacob bei dem Herrn Stadtpfeifer von Li. eine geraume Zeit weiter vorgeführt, als wir in seinem wirklichen Leben bereits gelangt sind. Kehren wir daher ein wenig zurück. Wir wißen, daß er nicht allein von seinen künstlerischen Zwecken beherrscht war, als er nach N. ging, daß es auch ein unbewußter Herzenszug war, der ihn zu schnellem Enschlufse brachte. Man muß sich nun nicht denken, daß unser Held sich von der Stellung, die er im Hause des Herrn Fürth einnehmen mußte, gedemüthigt, niedergebeugt oder nur mehr genirt fühlte, als es für ihn überhaupt bei Fremden der Fall war. Er war seinem Berufe und Stande nach zu sehr von Kindheit an an das Empfangen gewöhnt, und noch mehr, er war zu sehr ein Kind seiner inneren überreichen Natur, stets von der Fülle seiner musikalischen Gefühle und Gedanken eingenommen, als daß er auf dieses äußere Verhältniß ein Gewicht gelegt, oder vielmehr, daß es ihm in einem solchen Maße zum Bewußtsein gekommen, daß es ihn niedergedrückt hätte. Und dann konnte man auch folgende Bemerkung machen. Man pflegt den Juden nachzusagen, daß sie einen gar zu großen Respekt vor dem Gelbe hatten. Aber das war bei unseren Vätern durchaus nicht der Fall. Sie hatten einen nicht geringeren Respekt vor Allem, was Geist ist. Selbstverständlich vorerst vor ver jüdischen Gelehrsamkeit, weil diese zugleich den Charakter der Heiligkeit hatte, und es ist allbekannt, daß bis zur neueren Zeit der reichste jüdische Nabob es sich zur höchsten Ehre rechnete, wenn seine Tochter den ärmste», aber gelehrtesten Rabbiner heirathete, und umgekehrt. Aber nicht minder hatten sie Respekt vor allen anderen Kennzeichen und Thätigkeiten eines reichen Geistes. Der Mann voll sprudelnden Witzes ergötzte sie nicht blos, sondern weckte ihre Achtung, sie ehrten ihn; selbst ein Talent im Technischen, d. h. der allerhand Geschicklichkeiten besaß, ward eine Autorität in der Gemeinde, und sogar wenn er es zu gar keiner Vollendung brachte, nannte man ihn „eine verschüttete Gewürzbüchse", und so war ihnen ein Jeder, in welchem sich ein höher begabter menschlicher Geist offenbarte, ein Gegenstand der Verehrung, und erstreckte

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