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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-04-27 · Heft 17 (27.4.1869) · p. Seite 344

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 17 (27.4.1869)
Date
1869-04-27
Page
Seite 344 (sequence 20)
Language
German
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344 sich dies auch ganz besonders auf di« „Weisen der Völker", d. h. gelehrte Nichtjuden. Um der Wahrheit das Steuer zu geben, müssen wir bekennen, daß die Juden unserer Zeit hierin hinter ihre Väter zurückgegangcn, indein sich ihre Achtung vor dem Geiste sehr abgcflacht hat und sich nur eben noch so auf dem allgemeinen Niveau erhält. DieS kam auch unserem Helden zugute. Es hatte sich seit jenem Abend int Hause Mendels das Gerücht von einer außerordentlichen Begabung in der Musik über ihn verbreitet; er war nicht mehr der arme Klesmor, sondern der reichbegabte Geist, der eine geheime Kunst besaß, die ihm nur von Gott ertheilt sein konnte. Dies hinderte freilich andrerseits Jacob nicht, eine höchst bescheidene Stellung einzunehmen, wie sie in seinem Wesen lag. Er war wortkarg, und sprach mehr durch den Glanz seiner Augen und das Zucken seines edel geformten Mundes als durch die Töne seiner Kehle. Lina verwischte keinen Zug an dem Ideale seines Herzens. Vor einigen Jahren zvar ihre Mutter gestorben, und so jung sie war, wurde sie die Stütze ihres Vaters, die Erzieherin ihrer kleinen Geschwister, die Verweserin des Hauses. Von frühem Morgen an erschien sie in einfachster, aber netter, zierlicher Kleidung, und die Aufgabe ihres Lebens war es, stets die Wünsche Anderer zu errathen und möglichst zu erfüllen. Immer thätig, ohne geräuschvoll, immer freundlich, ohne die gemessene Haltung je zu verlieren. So behandelte sie auch Jacob, dem sie, ohne daß er es wußte, seine kleinen Bedürfnisse abfragte, und ohne daß er es wußte, befriedigte. Er konnte sich in ihrer Nähe wohl und beruhigt fühlen, ohne daß sie ihm um einen Schritt näher trat, als wie sie ihm von Anfang an gestanden. Jacob verlangte auch nicht mehr, und fühlte sich nur allzu glücklich unter den Strahlen ihrer schönen Augen, bei dem freundlichen Lächeln ihres Mundes, bei dem einfachen Worte der Begrüßung. Diese gehörten ihm aber und er sog sie in sich ein und zehrte an ihnen innerlich, bis er wieder in das Fürth'sche Haus einkehrte. Dann und wann, Nachinittags, wenn die jungen Mädchen bei ihr versammelt waren, ersuchte Lina unseren Künstler, zu ihr zu kommen und ein wenig aufzuspielen. Das that er mit großer Freude. Zuerst mußte er den jungen Leuten etwas vorphantasiren. Freilich war es fast Lina allein, die auf die Länge diesen Ausbrüchen einer künstlerischen Natur den vollen Geschmack abzugewinnen verstand und ihre Seele auf den Flügeln des jungen Genius zur Höhe tragen ließ; aber die Anderen hörten es doch auch gern. Zuletzt mußte er einige schöne Tänze hervorholen, die Mädchen faßten sich paarweise um; auf den Klang der Violine drängle» sich wohl auch einige junge Männer aus der Bekanntschaft in das Zimmer, und so schwang man sich lustig umher. Dafür war man dem guten, stets bereiten Jacob sehr dankbar. Die war die Licktseite seines Aufenthalts im Städtchen, und ersetzte ihm theilweise, was seine nach Erkenntniß in seiner Kunst dürstende Seele hierin unbefriedigt ließ — aber auch sie sollte sich bald verdüstern. «Fortsetzung folgt.) Eine Trammgssrene im jüdische» Tempel in Wien. Verflossenen Sonntag fand, wie die „Debatte" erzählt, im hiesigen jüdischen Tempel l Stadt) eine Trauung statt. Die Braut war vor Kurzem vom katholischen zum jüdischen Glauben übergetreten. Die Eltern derselben wollten als Gäste der Trauungsfeierlichkeit beiwohnen. Als der beim Trauakte fungirende Di. Sellin ef hiervon unterrichtet wurde, wendete er sich sofort an dieselben mit der Bitte, sie mögen ihre Tochter, bevor sie zum Altar schreite, segnen, wie dies herkömmliche Sitte sei. Diesem Ersuchen leistete das ergraute Ehepaar unter tiefer Rührung Folge. Hierauf richtete I)r. Jellinek das weitere Ersuchen au die Eltern der Braut, sie mögen sich unter den Trauhimmel als Beistände begeben. In der Trauungsrede hob vr. Jellinek hervor, daß die Braut durch den Uebertritt zum Judenthume in keiner Weise ihrer Pflichten gegen ihre Eltern entbunden sei. Der jüdische Glaube ziehe keine Scheidewand zwischen den Herzen. Durch den angenommenen Glauben habe die Braut zu bethätigen, daß der jüdische Glaube in der Versöhnung und Nächstenliebe gipfle. Auf die Anwesenden machte die Rede einen ergreifenden Eindruck. Nach dem Trauungsakte drückten die Eltern der Braut dem Prediger in schlichten Worten ihren tiefen Dank aus. Schließlich bemerken wir, daß an demselben Tage ebenfalls zwei Proselytinnen im jüdischen Tempel getraut wurden. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. — Druck von B. Hirschfeld. Verantwortlicher Redakteur Bis H. Lotze.

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