Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 17 (27.4.1869)
- Date
- 1869-04-27
- Page
- Seite 328 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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328 Wir kommen nun wieder zu der Broschürenliteratur, die sich an das berüchtigte Pamphlet Richard Wagner's geknüpft hat. Es kam uns in diesen Tagen zu: „Oft fenes Billet-doux an den berühmten Hepp-Hepp-Schreier und Juden-Fresser Herrn Wilhelm Richard Wagner von E. M. Oettinger. «Dresden, Wolf, 1869)." Das alte Sprüchwort sagt: „Auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil." Diesen Spruch führt der alte Witzbold und eminente Bibliograph Oettinger kräf-? tig aus. Er sagt dem Herrn Wagner die Grobheiten, j die ihm auf seine groben Expektorationen gebühren, und : macht ihn so lächerlich, wie er sich im Grunde schon i selbst gemacht hat. Eine Stelle im Anfang ist auch in : anderer Beziehung charakteristisch. Es heißt da: „Vor; Allem muß der Schreiber dieser Zeilen vorausschicken, i daß er, von Geburt ein Jude, nur darum katholischer Christ geworden war, um das Recht zu haben, ungefährdet Jude bleiben zu dürfen." So sophistisch dieser Satz ist, wirft er doch ein Streiflicht aus die) Taufe einer ganzen Reihe bekannter Männer in den! zwanziger und dreißiger Jahren, z. B. Börne, Heine, Saphir, Gans u. s. w. Sie Alle bekannten sich in ihrer inneren Ueberzeugung dem Judenthume zu-, dem Christeuthume abgewandt. Dem aufrichtigen Christen muß dies noch mehr als dem aufrichtigen Juden großes Bedenken erregen. Die Taufe wird so wie eine Spiegelfechterei angesehen, die verlangt ward, ohne irgend auf das innere Bekenntniß Gewicht zu legen, und der man sich unterzog, um nur ungestört seinen Weg gehen zu können. Der Jude kann da nur die einzelne« Männer bedauern, die der geforderten Täuschung nachgaben, um materiellen Hindernissen aus dem Wege zu gehen; der Christ muß bedauern, daß sich seine ganze Kirche zu dieser Profanation deS ihr Heiligen hergegeben hat. Die Folge blieb für alle Betheiligten nicht aus; die getauften Juden sehen sich in Betreff der ihnen wegen ihrer Abstammung entgegengestellten Schwierigkeiten heute auf demselben Flecke, von dem sie ausgingen; die Kirche sieht sich durch alle diese Vorgänge blasphemirt, und nur das Judenthum kann sagen: Ihr habt mir durch Zwang und Härten einige begabte und unbegabte Männer abgerungen, aber im Innern sind sie mir getreu geblieben, und ich werde durch sie erst recht glorifizirt l Dies bethätigt sich noch mehr durch eine Broschüre: „R. Wagner und das Judenthum. Von einem Unparteiischen." Wir haben sie noch nicht gelesen. aber eine Kritik in der „Köln. Zeit." besagt uns Folgendes darüber: „Der Verfasser stellt die jüdische Musik als eine durchaus das Gepräge der Nation -tragende, der französischen, italienischen und deutschen gegenüber, erkennt die musikalische Begabung, namentlich die melodische Erfindungskraft und die blühende Phantasie der jüdischen Componisten auf's bereitwilligste an,'kommt ober durch eine nähere Erörterung und Ergänzung des von Wagner Angedeuteten zu dem Resultate, daß nur dem germanischen Volksstamme der Beruf und die Kraft geworden sei , das Höchste und wahrhaft Vollendete in dieser Kunst zu schaffen und ihre Entwicklung in gedeihlicher Weise weiterzuführen." — So sieht sich also Mendelssohn Bartholdy aus der Reihe der deutschen Componisten herausgerissen, und in eine besondere Classe der „jüdisch nationalen" gebracht. Was würde er wohl dazu sagen? Er muß es sich gefallen lassen,, seinem hochsinnigen Großvater wieder zugesellt zu werden, dessen er, wie seine Briefe bezeugen, gern vergaß. Und er, der den Paulus schrieb, er, von dem Heine bedauerte, daß er „sich zum Schleppträger der protestantischen Pietisten gemacht," wird seines christlichen Gewandes entkleidet, und in seiner jüdischen Blöße hingestellt. Und Meyerbeer, der es der größten jüdischen Geineinde versagte, eine Cantate zur Einweihung ihres neuen Tempels zu componiren, dagegen einem, wie wir,glauben württemberger, Nonnenkloster eine solche Gabe bereitwillig gewährte, muß ruhig zusehen, wie man ihn jetzt nicht mehr als einen Fortbildner der Oper , sondern der synagogalen Musik betrachten will! O Vergeltung, welche die blöden Augen nicht sehen wollen, trotzdem sie sich auch den blödesten täglich aufdrängt! Es ist ein eigenthümliches Schauspiel, wie man jetzt mit Einem Male, nachdem so lange Mendelssohn als ein in seiner Art vollendeter Componist, welcher die deutsche Musik, selbstverständlich in Verbindung mit Männern wie Schneider, Spohr, Schubert, Schumann u. A., nach dem Hinscheiden der eigentlichen Classiker würdig fortgeführt, gefeiert worden, aus diesem Entwicklungsgänge ausgeschieden und als eine besondere Rarität behandelt wird, welcher vermöge ihrer Abstammung unmöglich gewesen, etwas Vollendetes zu schaffen und die Musik fortzubilden, nur — weil sein Vater ein Jude war. Eigenthümlich, daß Meyerbeer, nachdem er der Oper so große Triumphe geschaffen, nun mit Einem Male ein Plätzchen für sich erhält, in einem