Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-04-27 · Heft 17 (27.4.1869) · p. Seite 327

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 17 (27.4.1869)
Date
1869-04-27
Page
Seite 327 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226708--27120-3262686
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

daher Gelegenheit, in mehrfache und jüngste Broschüren einen Blick zu werfen. Aus Chicago kommt uns zu: „Kritik des christlichen Missionswesens, insbesondere der „Judenmission." Von Dr. B. Felsenthal, Prediger der Zionsgemeinde in Chicago. (Chicago, 1869. Büchler.)" Es ist dies ein am 26. Januar d. I. in Chicago gehaltener Vortrag, der in scharfer Kritik das christliche Missionswesen, so weit es besonders die Judenbekehrung betrifft, geißelt. Der Verfasser geht schonungslos ins Gericht, so schonungslos, daß wir ihm in Europa selbst jetzt noch nicht ganz folgen dürften. Umsichtig, kenntniß- und geistreich, faßt er in einen engen Rahmen Alles zusammen, was sich darüber sagen läßt. Eine Stelle ist uns ausgefallen, die uns etwas faktisch Neues mittheilt. Es heißt S. 14: „Und trotz aller Abneigung (der Juden) gegen die Aufnahme von Proselyten giebt es in Amerika mehr förmlich zum Judenthume übergetretene Christen als umgekehrt zum Christenthume übergetretene Juden. Wir müßten uns sehr täuschen, wenn es den christlichen Seelenfischeru bei allen ihren Anstrengungen und allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln gelingen würde, in fünfzig Äahren so viele jüdische Apostaten zu gewinnen, als trotz aller Abmahnung sich in einem einzigen Jahre aus dem Christenthum hervorgegangene Proselhten dem Judenthume zugesellen. Es kann hie und da der seltene Fall Vorkommen, daß Einer einmal in's Netz der fischenden Missionäre geht. Aber dann läßt sich mit ziemlicher Gewißheit annehmen, daß der Fang ohnehin in einem bereits faulen Fische besieht." Wir gestehen offen, daß uns diese Mittheilung über die überaus zahlreichen Uebertritte zum Judenthume in Amerika etwas übertrieben erschien, wie es wohl dem Redner im Feuer seines Vortrages begegnen möchte. In Europa ist die Erlaubniß zum Uebertritte zum Judenthume noch zu neu und alle Bewegung überhaupt zu schwerfällig, als daß über diesen Punkt ausreichende Erfahrung vorläge. Wir begegneten aber in diesen Tagen in den Wiener Zeitungen folgender wörtlichen Notiz: Im abgelaufenen Jahre 1868 haben in Wien 137 Convertirungen stattgefunden. In die katholische Reliligion wurden ausgenommen 12, der evangelischen Kirche haben sich zugewendet 46, der grichisch-orientalischen Kirche 3, und zum Judenthum sind theils zurückgekehrt, theils wurden in dasselbe ausgenommen 77." Unter den zu den verschiedenen christlichen Kirchen in Wien übergetretenen 61 sind voraussichtlich auch einige Juden gewesen; ebenso sind unter den 76 zum Judenthume Bekehrten nicht wenige solche, die wieder zu ihm zurückkehrten. Giebt man einmal solche Notizen, so durften diese beiden Punkte nicht unbeziffert bleiben. Jedenfalls bezeugt aber diese Angabe aus Wien, daß wir ohne Anstand jener Mittheilung aus Chicago völlig vertrauen können. Unseren Lesern wird das Verfahren des Prof. Virchow in Berlin bei Anstellung jüdischer Aerzte noch im Gedächtniß sein, und es wird sie daher nicht überraschen, daß Herr Virchow, übrigens ein Mann, der bei großen Verdiensten die Schwäche hat, Alles wissen und beurtheilen zu wollen, auch über das jüdische Alterthum seine vorurtheilsvollen Ansichten hat, und, was bei ihm Eines ist, ausspricht. In einem Vortrage „Ueber Hospitäler und Lazarethe" unterläßt es Herr Prof. Virchow nicht, in Anmerkungen die Resultate seiner Studien (!) über jüdische Geschichte mitzutheilen, der jüdischen Religion die Liebe, dem jüdischen Staate die Toleranz abzusprechen, mit jüdischer Hierarchie um sich zu werfen u. dgl. m. Hiergegen ist nun: „Offener Brief eines Juden an Herrn Prof. Dr. Virchow von Dr. D. Cassel (Berlin, Gerschel, 1869)" gerichtet. Wir heben mit Vergnügen hervor, daß der Verf. hier, wo es sich doch nur um antiquarische und geschichtliche Fragen handelt, nicht aus den Schranken der Mäßigkeit und Höflichkeit geschritten und einen feinen und gefälligen Ton bewahrt hat. Nach dem vielfachen Material, das über diese Gegenstände jetzt bereits vorliegt, konnte es dem Berf. nicht schwer werden, seinen Gegner in allen Punkten vollständig zu widerlegen. Wenn wir Etwas anders gewünscht, so wäre es, daß der Verf. sich die Mühe gegeben hätte, mehrfach auf seine Vorgänger in diesen Fragen zu verweisen, damit seinem Gegner nicht die Autorität des Verfassers allein entgegenzutreten scheine, da ja bekanntlich die Unwissenheit in judaicis ebenso groß wie die Vorurtheile ist, und die Laien von allen jenen Erscheinungen keine Notiz nehmen , wohl aber ihr verjährtes und veraltetes Urtheil auszusprechen sich gestatten. Die rechte überwindende Kraft liegt daher gerade darin, daß man zeigt, wie gründlich bereits die alten Meinungen in der Wissenschaft beseitigt sind. — 17*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.