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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-04-20 · Heft 16 (20.4.1869) · p. Seite 323

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 16 (20.4.1869)
Date
1869-04-20
Page
Seite 323 (sequence 19)
Language
German
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323 möchten sie so ausdrücken. Noch unv Wohlthaten sind zwei Despoten, welche den jungen aufstrebenden Genius in Fesseln schlagen wollen, und dazu das volle Recht zu haben glauben. Sie stellen ihre Forderungen an ihn in sehr unbedingter Weise und lasten sich auf Gründe gar nicht ein. Der Genius beugt sich unter ihren Machtsprüchen, und nun wähnen sie, es ganz über ihn gewonnen zu haben. Aber nur sachte; euer Druck drückt wund, und die Wunde schmerzt, und der Schmerz hüllt selbst den kalten Verstand mit seinen Nebeln ein, und da schnellt sich jählings der Genius auf, und will nicht gehorchen, und trotzt der Noch, die ihn unvernünftig, und dem Wohlthäter, der ihn undankbar schilt, und geht seines eigenen Weges, und — kommt zum Ziele oder geht unter, ersteigt die Höhe oder stürzt in die Tiefe . . . Ja, der Genius ist kein alter Karrengaul, der unter dem Schlage der Peitsche sich nur schüttelt und den Schmerz der Wunde, die ihm das Joch reibt, trägt und weitergeht; er ist ein junges, feuriges, zwar gezähmtes Roß, das aber den Reiter abwirft und in das Weite rennt, selbst in das pfadlose, wenn es ihm der Reiter zu arg macht und ihm Dienste abzwingen will, die seiner Natur widersprechen. Das fühlte Jacob bei den Worten seines Vetters, und wenn er es auch nicht dachte und aussprach, so ergab er sich doch in den Willen seiner Gönner mit dem Vorbehalt, daß dies auch seine Grenze haben müßte. Sie schwiegen wieder, und Vetter Salme schritt in dem stolzen Bewußtsein weiter, den jungen Mann zur Raison gebracht zu haben. Ja, ihr Eltern, Vormünder und Lehrer, wie oft täuschet ihr euch über die Beweggründe eurer Kinder und Zöglinge, wenn sie euren Willen thun und ihr sie überzeugt zu haben glaubt.— In der alten guten Zeit, wie man sie zu nennen pflegt — uns erscheint sie mehr alt als gut — war Alles streng nach festgestellten Regeln geordnet, und wehe dem, der sich diesen nicht unterwerfen wollte. Daher ist es wohl auch gekommen, daß man zuletzt die ganze Regel und Ordnung in die Luft sprengte. Der freie Wille des Menschen war gar nichts; es war schon eine Empörung, wenn er einen solchen Gedanken nur hegte. Vor langen Jahrhunderten hatten einmal die Menschen einen freien Willen, und stellten in diesem nach ihrer Einsicht Regeln und Ordnungen fest. Seitdem sollte der freie Wille nicht mehr vorhanden sein. Zwischen Befehlen und Gehorchen waren die Menschen eingetheilt; wer lange gehorcht hatte, kam endlich zum Befehlen; aber dieses Befehlen selbst, so tyrannisch es war, hatte doch wieder seine Regeln, die jedoch dem Gehorchenden wenig nützten. In der Zeit, in welcher unsere Geschichte vorging, hatte die Poesie bereits diese Feffeln gesprengt; die Meistersängerschaft mit ihren Satzungen war verschwunden, und namentlich in Norddeutschland hatten, wie wir schon aus dem Munde des Herrn Lilienthal erfuhren, bereits freie Dichter ihre, das Volk ansprechenden Lieder ertönen lasten. Anders war es in der edlen Kunst der Musika. Freilich an den Höfen der Souveräne bestanden bereits nach italienischem wie französischem Muster Kapellen, die sich frei bewegten und aus freier gebildeten Künstlern sich rekrutirten. Sonst aber war die Musik noch ganz in die Feffeln des Handwerks eingeschlosten. In jeder nicht allzu gering bevölkerten Stadt existirte eine Zunft von Spielleuten, die aus einem Meister, Stadtpfeifer geheißen, aus Gesellen und Lehrlingen bestand. Der Lehrling mußte seine bestimmte Zahl Jahre in der Lehre verbleiben, und war zugleich Hausknecht des Meisters und der Meisterin, auch Lauf- und Prügelknabe der Gesellen. Die Gesellen konnten zwar kommen und gehen nach bestimmten Bedingungen, waren aber dennoch einer strengen Zucht unterthan, und die Herren Meister standen in zu engem Verbände mit einander, als daß ein Geselle, der gegen jene Zucht gefrevelt, so leicht wieder zu einer Stelle gelangte. Diese Zunft hatte ihr Privilegium und in einem gewissen Umkreise durfte Niemand außer ihr aufspielen. Nach dem Umfange und dem Reichthume des Kreises hielt der Stadtpfeifer mehr oder weniger Gesellen und Lehrlinge, denn nur selten hatte die ganze Bande Gelegenheit, vereinigt zusammenzuspielen, der Pfeifer sandte vielmehr die kleinen Abtheilungen seiner Bande nach den verschiedenen Stellen, wo man ihrer bedurfte. Ausgenommen von diesem strengen Zunstgesetze waren die jüdischen Spielleute, Klesmorim genannt. So streng war die Trennung zwischen Christen und Juden, daß die christlichen Spielleute nichl bei den Juden, die jüdischen nicht bei Christen spielten. Dies war so selbstverständlich, daß es längst seinen gehässigen Charakter verloren hatte. Diese Trennung hatte im Mittelalter für die Juden mancherlei Gutes, weil sich in ihrer Mitte dadurch viel mehr Freiheit erhielt, da die christlichen Zunstgesetze nicht auf sie übertragen wurden. Während aber in jener Zeit alle Zünfte es verschmäheten, jüdische Lehrlinge anzunehmen, fand dies bei den Stadtpfeifern öfter statt. Nicht als ob sich hierin der Geist der edlen Kunst bereits einigen Durchbruch geschaffen hätte — nein, hätten jüdiscke Knaben an diese Freisinnigkeit appellirt, schwerlich hätten sie jemals Gehör gefunden. Aber die Kunst brachte auch damals trotz ihrer Privilegien wenig ein, und die Stadlpfeifer waren in der Regel blutarm und nagten am Hungertuche. Daher sahen sie es nicht ungern, wenn ihnen für schweres Lehrgeld ein Judenjunge übergeben ward. Hatte dieser die harte Lehrzeit hinter sich, dann kehrte er in seine Freiheit zurück, denn die Gesellen litten ihn nicht unter sich, und es erging ihm übel, wenn er sich in ihrer Herberge nur blicken lasten wollte. Das nahmen auch die jüdischen Jünglinge gern hin, denn sie wurden von ihren Glaubensgenofien freundlich begrüßt, und wenn sie auch nur kargen Unterhalt fanden, so wurden sie doch nicht so von der Höhe her angesehen und behandelt, wie sich dies die christlichen Spielleute von den Spießbürgern gefallen lasten mußten. Aber hart war diese Lehrzeit, denn außer der Härte, mit wel-

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