Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1869)
- Date
- 1869-04-20
- Page
- Seite 322 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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822 derer nicht nach, und vorerst fühlten sie sich nur sehr glücklich über das klingende Geld, den Speisevorrath und den Rock, die sie als Lohn für ihre Kunst mit nach Hause trugen; ihre Schritte waren geflügelt, und von dem eisigen Nord verspürten sie wenig. Konnten sie doch nunmehr ruhig der weiteren Hälfte des Winters ins starre Angesicht schauen, denn etwas Verdienst werde jedenfalls noch kommen, da die Festmahle der Brüderschaften in der Umgebung bevorstanden, und das Purimfest, das an Spenden nicht arm war, auch bald herankam. Endlich mußte die Kunde, daß sie im Hause des reichen Mendel so guten Erfolg gehabt, ihre Kundschaft vermehren. Alles dies besprachen sie in gemüthlicher Weise mit einander und förderten rüstig ihre Schritte. Auch vor der Stelle kamen sie vorüber, an welcher vor zwei Tagen Jacob kaum der Gefahr zu erfrieren und nur durch die Aufopferung seines älteren Gefährten ihr entgangen war. Jacob blickte ernst darauf hin. Sollte dies einen Wendepunkt in seinem Geschicke bedeuten, einen Höhepunkt der Mühsal und des Schreckens, der nicht wiederkäme? Oder ein ahnungsvolles Zeichen, daß sein ferneres Leben voll ähnlicher Gefahren sein würde, aus denen er sich immer nur mit Hülfe Anderer, nicht durch die eigene Kraft werde heraushelfen können? Dies führte seine Gedanken auf die letzte Mittheilung, die Mendel ihm gemacht. Dies mochte auch seinem Begleiter geschehen sein. Sie gingen nachdrücklich und schweigend weiter. Beiden war der Vorschlag recht und wieder nicht recht. Salme hatte ja heute früh erst gesagt: was soll daraus werden? Nun war eine Antwort gegeben. In der strengen Zucht des Stadtpfeifers mußten wahrscheinlich die Extravaganzen des jungen Künstlers abgeschliffen werden, und dann war der prächtige Spielmann fertig. Weiter ging sein Wunsch für die Zukunft des theuren Jungen nicht. Aber bedenklich schüttelte er den Kopf darüber, daß Jacob in die Stadt kommen sollte, wo Lina wohnte, und wahrscheinlich oft genug in das Haus derselben. Der Mann kannte die treue Seele des Jünglings zu gut und wußte aus eigener Erfahrung, wie schnell der Funke, der in der reinen Seele entzündet, durch solche öftere Begegnung zu einer hellen Flamme aufwachse, welche von der Hoffnungslosigkeit nicht erstickt, sondern gerade ernährt würde. Alle Vortheile, die seinem Jacob aus dem Stadtleben erstehen mußten, wogen ihm kaum diesen großen unheilbaren Schaden auf. Doch gestehen wir es uur offen, gerade dieser Umstand war für unseren Jacob am meisten verlockend, und wenn auch unbewußt, nahm ihn die Aussicht, sie wieder und öfter zu sehen, mehr für den Plan ein, als die musikalische Bildung, die er unter dem Commandostabe des Stadtpfeifers zu erlangen hoffen mochte. Dieses Regiment war ihm vielmehr zuwider und der Instinkt sagte ihm, daß es ihm unerträglich sein würde. Endlich hob Salme an: „Nun Jacob, du wirst doch nach N. gehen?" „Und was soll ich da?" „Sonderbare Frage, was du da sollst? Spielen sollst du da lernen, ordentlich spielen, und noch etwas Anderes als die Geige. Ein guter Spielmann muß nicht, wie wir beide, nur ein Instrument verstehen, er muß streichen und blasen können aus allen. Dann ist er ein gemachter Mensch, und unentbehrlich, weil er jeden ersetze» kann, der gerade fehlt." „Ich verstehe das anders, Vetter. Ich habe de» Stadtpfeifer mit seiner Bande schon mehrere Male gehört, und ich kann dir sagen, denn ich habe gut aufgepaßt, das Spiel jedes einzelnen seiner Leute hat mir gar nicht zugesagt. Das verstehe ich auf meiner Geige jetzt schon beffer. Aber was mir sehr auffiel, das war das genaue, pünktliche Zusammenspielen der zwölf Leute, die niemals um eine Sekunde auseinander waren, wie man es bei Schmuel Dorfgänger alle Augenblicke hören kann. Siehst du, das muß ich dem Stadtpfeifer ablernen, und dazu muß man die anderen Instrumente auch etwas verstehen, denn so viel habe ich schon gemerkt, jedes Instrument hat doch eine besondere Art einzusetzen und abzusetzen, einzuklingen und auszuklingen, ich weiß es nicht anders auszudrücken, und das will gelernt und geübt sein." „Nu, ich freue mich, daß du, hoffährtiges Jüngele, doch noch Etwas lernen zu können glaubst." „Ja, ob das aber die lange Lehrzeit werth ist, weiß ich doch nicht, und Stadtpfeiser kann ich doch nicht werden, dazu nehmen sie keinen Juden, und ein guter Jude kann es auch nicht ausführen, da kommt ihm Schabbes und Jontef in die Quere. Also was soll es eigentlich?" „Das wird sich schon machen, das überlaß dem lieben Gott; vorerst muß der junge Mensch etwas lernen, dann kann er Ansprüche machen. Jetzt aber machen die jungen Leut' Ansprüche, ehe sie Etwas leisten können, und am liebsten würden sie gleich Meister, ehe sie Lehrjungen gewesen; bilden sich auch ein, daß sie es schon wären. Gerechter Gott, was hätte ich darum gegeben, wenn mir in meiner Jugend so Etwas geboten worden! Und dann, was Herr Mendel und Herr Fürth dir anbieten, das bist du verpflichtet anzunehmen. Das wär' ein schöner Lohn für ihren guten Willen! In der ganzen Gegend trüge man dich herum, und kein Mensch sähe dich mehr an, wie einen übergeschnappten, tollen Jungen, den sein Eigendünkel zwar nicht fett, aber doch widerwärtig mache." Dabei glitt fein Blick über den dicken, warmen Flausrock, dessen Schöße zwar bei jedem Schritt die Waden des jungen Mannes peitschten, aber sie darum nur bester wärmten, und über den großen Packen, den er selbst trug, und von welchem sie nicht ein Stückchen kosteten, damit die Mutter und Friedchen die ganze ungeschmälerte Herrlichkeit gewahren und genießen sollten. Diese letzte Apostrophe machte auf unfern Jacob einen eigenthümlichen Eindruck. Es waren uur Gefühle, die dabei durch seine Seele floffen, und die sich noch lange nicht in Gedanken zu kleiden vermochten; wir aber