Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1869)
- Date
- 1869-04-20
- Page
- Seite 321 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zndrnthnms. FeMeton-öeilage zu Ar. 16. Leipzig, den 20. April 1869. Ein Musikant. Erzählung aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. 4. Der Stadlpfeifer. Bald darauf kamen auch unsere beiden Musikanten, um sich von ihrem Gönner zu verabschieden. Als Gönner empfing er sie, aber that auch danach. Hatten sich bereits die Gäste zum Schluffe des Tanzes recht freigebig gegen die Spielleute bewiesen, so ließ sich auch Herr Mendel nicht lumpen und legte ein unerwartet großes Stück Geld in die Hände des älteren Burschen. Dem hüpfte das Herz in der Brust und seine Augen leuchteten und seine gekräuselten Lippen schloffen sich zu einer so kleinen runden Oeffnung, daß in diesem Augenblicke das Mundstück seiner Pfeife nicht hinein gekonnt hätte. Und das war noch nicht Alles. Herr Mendel stand da stattlich, den Kops erhoben, den starken Bauch vorgestreckt, die Hände hinter dem Rücken zusammengelegt. Ihm war zu Muthe, wie jenem Felsen — wenn solchem überhaupt Etwas zu Muthe sein könnte — welcher auf die Ansprache oder den Stecken Mosis die frische Silberquelle von sich gegeben, und als ob er sage: siehst du, so viel Segen umschließe ich und so gvttesfürchtig gehorsam bin ich, daß ich diesen Segen auf ein gutes Wort schon hergebe. Er sprach zu Jacob: „Dir, Jacob, habe ich noch etwas Gutes mitzutheilen; ich und Herr Fürth sind übereingekommen, dich bei dem Stadtpfeifer in die Lehre zu geben, das Lehrgeld zu bezahlen und für deinen Unterhalt zu sorgen. Da sollst du ein tüchtiger Spielmann werden, gewiß der beste Klesmor in der ganzen Gegend, denn wir haben gestern gesehen, daß du das Zeug dazu hast." Auf eine solche Mittheilung waren die beiden Clienten des Herrn Mendel durchaus nicht gefaßt, und sie sahen ihm verblüfft ins Gesicht. Salme besann sich zuerst und stammelte einige Worte des Dankes ziemlich unverständlich her. „Na, laßt es gut sein und gehet fröhlich nach heim. Nach Peßach halte dich bereit, Jacob, und für Alles mache ich mir nur das Eine aus, daß wenn mein anderes Kind, das liebe Jinteleben, mit Gottes Hülfe heirathet, Ihr wieder zum Tanze aufspielt." „Das verspreche ich gern, Herr Mendel," murmelte Jacob. „Dort in der Ecke liegt auch ein warmer Rock für dich, denn es wäre eine Schande für mich, wenn du aus meinem Hause in diesem dünnen Röckchen in den grausigen Frost hinausgehen müßtest." Diese väterliche Fürsorge rührte das Herz Jacob's sehr tief und in seiner Bewegung griff er nach der Hand des reichen Mannes, um sie zu küssen; dieser duldete es aber nicht, sondern drückte ihm die Hand und sagte: „Sei nur immer brav, Jacob. Du bist ein guter Sohn zu deiner Mutter, ich weiß es. Und hört, laßt Euch etwas Tüchtiges von der Hindele auf den Weg mitgeben, ein Stück Fleisch und Wurst und Brod und einen Schnaps, und auch ein bischen Hochzeitskuchen. Bringt ihr was davon mit nach Hause, ist es auch nicht übel." Jacob nahm den alten Flausrock aus der Ecke über den einen Arm und seinen Biolinkasten unter den andern und so gingen sie aus dem Zimmer. Während er sich aber draußen auf der Flur den Rock anzog — er schlotterte freilich sehr um den schlanken Leib des Jünglings, aber er hielt doch so warm und ging dem jungen Menschen ein paar Mal um den Leib — vergaß Vetter Salme des Winkes ihres hohen Beschützers nicht, und da er stets den Grundsatz eines vernünftigen Spielmanns befolgte, sich nicht minder mit dem Gesinde auf guten Fuß zu stellen, kehrte er bald mit einem tüchtigen Packen aus der Küche zurück, dessen Umhüllung hier und da den Inhalt durch glänzende Fettflecken verrieth. Lieber Leser, wundere Dich nicht zu sehr über die maßlose Güte und Wohlthätigkeit des Herrn Mendel, die er an den beiden Spielleuten in so merkwürdiger Weise übte. Ich glaube kaum, daß es immer so mit der Freigebigkeit des reichen Mannes stand. Aber ist einmal das Herz auch eines gewöhnlichen Menschen in Bewegung gerathen, und er fühlt sich wohl und groß dabei, so steigert sich seine Empfindung von selbst und er überbietet sich in Gutthaten — bis der Strom wieder abgeflofsen und das Bett wieder seicht geworden. Darüber dachten nun unsere beiden heimkehrenden Wan-