Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 16 (20.4.1869)
- Date
- 1869-04-20
- Page
- Seite 311 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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311 Aus Rußland, im März. Ein kurzer Bericht aus Petersburg, in Nr. 10 d. Allg. Z. d. Jndenthums, meldet, daß dort ein Tageblatt „der Vermittler" als Organ für Israeliten in russischer Sprache nächstens erscheinen wird. Ich bin im Stande, über diese Zeitschrift Näheres mitzutheilen. „Der Vermittler" („Possrednik“) wird nicht als Tage-, sondern als Wochenblatt, und nicht in Petersburg, sondern in Odessa erscheinen, und zwar unter der Redaction des Herrn Alexander Zederbaum, Redacteur der hebräischen Zeitschrift „Kamelitr" und der Beilage im Jargon „Kol M’wasser.“ Der Possrednik wird auch nicht als selbstständiges Blatt, sondern ebenfalls als Beilage zum Lawelitr erscheinen, was schon aus dem gleichbedeutenden Titel hervorgeht. Die Energie und Umsicht des Herrn Z. läßt erwarten, daß er sich seiner Sache gewachsen zeigen wird; mögen ihm nur recht tüchtige Mitarbeiter zur Seite stehen! Bei dieser Gelegenheit will ich hier bemerken, daß Herr Z. der Erste ist, welcher den glücklichen Gedanken faßte, auf das Volk durch dessen Umgangssprache zu wirken, und seit etwa 6 Jahren den „Kol M’wasser,“ im Jargon erscheinen läßt, was den stürmischen Progressisten ganz verwerflich schien: es wäre vergebene Mühe gewesen, dem Volke neue Begriffe mit einer ihm neuen Sprache zugleich beizubringen. Der Kol M’wasser wird vom Volke, besonders in Wolhynien und Südrußland, selbst von Chassidim und deren Hausgesinde, mit einem Interesse gelesen, wie noch nie ein jüdisches Blatt. Es ist genug, daß eine Bresche in das Herz eines bildungsfesten russischen Juden gebrochen und in dessen regen Geist ein Funken hineingeworfen ist. Jetzt, glaubt Hr. Z., ist es Zeit das Volk von seiner Sprache allmälig in eine bessere überzuführen: Der Kol M’wasser wird noch neben dem Possrednik erscheinen, um später, wahrscheinlich, dem letztern ganz das Feld zu räumen. Wir dürfen hoffen, daß dieser Kunstgriff völlig gelingen wird, und dadurch die russische Sprache in orthodoxe jüdische Häuser Eingang finde. Welche Richtung wird aber Hr. Z. in diesem russischjüdischen Organe einschlagen? Es wäre zu wünschen, daß diese ganz unbefangen, nur das jüdische Publicum im Auge habe, sowie es jetzt im Kol M’wasser geschieht; und sollte dadurch auch manches Dunkele irgend einer Gemeinde oder eines Individuums ans Licht kommen, so kann es doch immer der russischen Bevölkerung keinen schlechtern Begriff von Juden geben, als diese jetzt haben mag. Andererseits wird es von dreifachem Nutzen sein: 1) Betrachten wir die russische Sprache ganz als die unserige, in welcher wir folglich nicht nur in Sabbathkleidern anstreten dürfen; wir gleichen dann auch mehr unfern Brüdern in Deutschland, England und Frankreich. 2) Die Aufrichtigkeit und Oeffentlichkeit ist der Ruhm unserer Zeit; sucht ja auch die russische Presse nicht die Schattenseiten des Volkes zu verheimlichen, vorausgesetzt daß die lichten hinlänglich bekannt sind. 3) Kann nur diese Oeffentlichkeit manchem geheimen Mißbrauche das Handwerk legen, und auf das Volk den besten Einfluß ausüben. Magdeburg. H. I. Shrkin. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 8. April. (Eingesandte Berichtigung). Die Mittheilung in Nr. 14., daß die hiesige Repräsentanten-Versammlnng die Wahl des Herrn 0r. Geiger abgelehnt habe, ist völlig unbegründet, da thatsächlich der Gegenstand bei der Repräsentanten-Versammlung noch gar nicht zur Verhandlung gekommen ist.*) Berlin, im April. :N. Z.) Victor Benarh, Banquier zu Paris, Sohn des am 4. December 1860 zu Berlin verstorbenen Professors Agathon Benarh, hat, um das Andenken seines, namentlich im Gebiet der vergleichenden Sprachwissenschaft berühmten Vaters in würdiger Weise zu ehren, zwei Stipendien, das eine als „Agathon Benarh'sche Gymnasial-Stiftung" für das Kölnische Gymnasium, das andere als „Agathon Benarh'sches Universitäts-Stipendium" gegründet. Die Ghmnasialstiftung besteht in der Errichtung von fünf Freistellen an dem genannten Gymnasium und in der jährlichen Verleihung von zwei Stipendien zu fünfzig Thalern an zwei abgehende Schüler der obersten Classe. Das Universitäts-Stipendium beläuft sich auf hundert Thaler und soll einem Studirenden der Philologie verliehen werden, welcher sich vorzugsweise der allgemeinen Sprachwissenschaft widmet. In den Statuten beider Stipendien findet sich ein Para- *) Wir hatten diese Mittheilung von drei Correspondenten erhalten, und wurden sogar einige der Repräsentanten, die dagegen gestimmt, namhaft gemacht. Redact.