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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-04-20 · Heft 16 (20.4.1869) · p. Seite 306

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 16 (20.4.1869)
Date
1869-04-20
Page
Seite 306 (sequence 2)
Language
German
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306 Sicherlich wird es in den Verhandlungen der Cortes über diesen Artikel noch starke Kämpfe geben, schließlich aber, vielleicht mit einigen Wortveränderungen der obige Gesichtspunkt den Sieg erlangen. Die Motive sind leicht zu erkennen. Das spanische Volk ist denn doch für unbedingte Religionsfreiheit noch nicht reif, und wenn es die Priesterherrschaft verabscheut, weil es so viel unter ihr gelitten, so hängt doch die Mehrheit noch zu sehr an der katholischen Kirche, um ihr andere Confessionen gleichgestellt sehen zu wollen. Die leitenden Staatsmänner fürchten wahrscheinlich noch heute wie 1856, daß die Feinde der Staatsumgestaltung sich gerade dieses Momentes bemächtigen würden, um die Massen aufzuwühlen. Wir haben übrigens einen ähnlichen Vorgang in einem protestantischen Staate gehabt. Die Verfassung Norwegens war und ist die freisinnigste von Europa, und dennoch hatte sie bei ihrer Begründung (1816) einen §. 2, welcher Katholiken und Juden aus den Grenzen des Staates vollständig und in härtester Weise ausschloß, und es bedurfte eines Kampfes von fast vier Jahrzehnten, um diesen Artikel aus dem norwegischen Staatsgrundgesetz verschwinden zu machen. Die Freiheit läßt sich nun einmal nicht irgend eine Fessel gefallen, und sucht so lange sie abznschütteln, bis der Geist der Nation dahin gelangt ist, ihr dies zu gestatten. So wird es auch in Spanien gehen. Trotz jenes Artikels des Berfasiungsentwurfes wurde jüngst ein Gesetz über die Führung der Civilstandsregister durch die Magistrate eingebracht, wodurch zugleich die Civilehe gesetzlich würde. Einer der dreizehn Gegner verlangte, daß der Justizminister die zahlreichen Petitionen vorlese , welche die Aufrechterhaltung der katholischen Einheit verlangen. Der Justizminister antwortete, dann würde er auch die Petitionen vorlesen, welche aus London, Amsterdam, Bordeaux u. a. O. von den spanischen Juden eingelaufen seien, deren Väter meist widerrechtlich vertrieben worden, und die ihre Wiederzulassung fordern. Unsere neuesten Gegner. M. Es versteht sich, daß sich an die neuesten Vorgänge mancherlei Reflexionen knüpfen, und unter diesen heben wir zwei hervor. Der Judenhaß im großen Ganzen bewegt sich immer im Kreise; er holt seine Motive aus dem, was er selbst bewirkt hat und bewirkt, und treibt dahin gerade wieder zurück. Wenn wir sehen, wie es immer und immer wieder als eine Ausnahme betrachtet, als ein Sieg des Rechtes gefeiert wird, wenn ein Jude in einer öffentlichen Carriere einen Schritt vorwärts kommt, und er nach vieler Anstrengung und langer Ausdauer zu einer Stufe gelangt, welche Hunderte seiner christlichen College« selbstverständlich erreichen; wenn wir sehen, wie die Juden, welche sich in Wissenschaft und Kunst, in der Literatur überhaupt Verdienste erworben, behandelt werden, wie man sie zuerst möglichst zu ignoriren sucht, sind sie dennoch durchgedrungen , zu verkleinern und zu verketzern strebt und es der gesammten Presse überhaupt sehr verübelt, jüdische Autoren und Literaten nur zuzulassen, ja, Wissenschaft, Kunst und Literatur als „verjüdelll' zum Fenster hinauswerfen will, weil einige Juden an deren Fortbildung und Entwickelung Mitarbeiten — was bleibt da dem jüdischen Vater übrig, als seine Söhne der Industrie zuzuwenden, da allein der Jude als Kaufmann und Fabrikant sich eine Unabhängigkeit erobern kann, die des Neides und der Mißgunst spottet? was bleibt ihm übrig, als es fast als ein Unglück anzusehen, wenn mehrere seiner Söhne vom Geiste getrieben werden, nach wissenschaftlichen und künstlerischen Zielen zu streben? Ja, dieser Geist, dieser innere Drang, der unabweislich den Menschen auf einen bestimmten Pfad treibt, dieser Geist, der immer von Neuem zum Schaffen und Wirken drängt, er gleicht alle diese Schwierigkeiten wieder aus, welche die kleinlichen Leidenschaften der Menschen bereiten, er hebt immer wieder über alle Bedenken hinweg — ihm vertrauen wir, er wird nicht erlöschen in den Söhnen unseres Stammes und sich nicht erdrücken lassen von den Feindseligkeiten, die ihn von allen Seiten umgeben! Kritisirt, spottet, verkleinert, karrikirt nur immer weiter — wo wahrer und energischer Geist vorhanden ist, da seid ihr doch machtlos! Die trübe, ja stürmische Strömung geht wieder vorüber und macht, wenn auch wiederum nur zeitweise, einer günstigeren Platz. Die zweite ist: unter dem Schutze eines übertriebenen, eines extremen Judenhasses kommt ungescheuter Alles zum Vorschein, was seit lange in Einzelnen sich aufgespeichert hatte; Einer reißt den Teppich von der ganzen Treppe herab, und nun zeigt sich, welcher Staub und Schmutz sich auf den einzelnen Stufen darunter gesammelt hatte. So begegnen wir in der Berliner „Nativ-

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