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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-04-20 · Heft 16 (20.4.1869) · p. Seite 307

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 16 (20.4.1869)
Date
1869-04-20
Page
Seite 307 (sequence 3)
Language
German
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807 nalzeitung" einer abwehrenden nnd verurtheilenden Kritik der Wagner'schen Broschüre. Dennoch sieht sich der Kritiker zu folgendem Satze gemüßigt: „Auch wir sind der Meinung, daß wahrhaft schöpferische Genialität dem jüdischen Wesen versagt ist, daß es nur in eitler zum Epigonenthum verurtheilten Zeit zu einer hervorragenden künstlerischen Geltung gelangen kann. Dieser an sich richtige Satz erhält aber bei Wagner die folgende Faffung: „Erst wenn der innere Tod eines Körpers offenbar ist, gewinnen die außerhalb liegenden Elemente die Kraft, sich seiner zu bemächtigen, aber nur, um ihn zu zersetzen; dann löst sich wohl das Fleisch dieses Körpers in wimmelnde Biellebigkeit von Würmern auf; wer möchte aber bei ihrem Anblick den Körper selbst noch für lebendig halten?" Wie in diesem besonderen Fall, so findet man allenthalben ein Salzkörnchen Wahrheit in einer Fluth von Unwürdigkeiten und Uebertreibungen aufgelöst." Wir wollen absehen davon, daß Wagner hiermit das ganze moderne Culturleben für einen todten und verwesenden Körper erklärt, den er sammt allen seinen Genosten nicht wieder zu beleben vermöge — wir sehen ab von dieser, Herrn Wagner und Genoffen charakterisirenden Fiction — also der Herr Kritiker der Nationalzeitung glaubt, daß dem jüdischen Stamme alle schöpferische Genialität versagt und ihm nur möglich sei, in einer Epigonenzeit mitwirksam zu sein! Wir möchten den Stiel umdrehen! Es bedurfte erst bei den Völkern Europas einer schöpferischen und klassischen Periode, um sie dahin zu bringen, daß sie den Juden erlaubten, die Mauern der Ghetti's niederzureißen und sich die allgemeine Cultur anzueignen. Ihr habt sie so lange fern gehalten und geistig gewaltsam unterdrückt, bis ihr Epigonen geworden; ihr habt sie zu der allgemeinen Tafel des Geisteslebens erst zugelasten, als das Epigonenthum auf derselben als einzige Speise stand — und nun behauptet ihr, daß sie nichts weiter als Mitepigonen sein könnten! Wieder der alte Cirkelschluß. Allein ihr habt doch Unrecht. Da, wo seit längerer Zeit den Juden die Pforten zum allgemeinen Geistesleben zwar nicht geöffnet, aber doch leichter zu öffnen waren, da hat der jüdische Stamm auch schöpferische Genialität erwiesen. Wir erinnern nur an Spinoza, den schöpferischen Genius der modernen Philosophie, der für diese die letzten mittelalterlichen Fesseln der Kirche, wie sie im Kartesianismus noch bestanden, sprengte, sie zu einer selbständigen Wiffenschaft erhob und ein Philosophem aufbaute, welches selbst ein Kant nicht, noch weniger seine Nachfolger beseitigten, und das noch heute in der wissenschaftlichen Philosophie seinen Platz behauptet und seine Leben weckende Kraft bethätigt. Ich könnte aus demselben Gebiete noch den Gabirol nennen, aus dessen k'oim vitae die ersten christlichen mittelalterlichen Philosophen ihren zum Schaffen erregenden Trunk schlürften. Aber jenes eine Beispiel genügt, um das Schema zu zerschlagen, in welches ihr die Juden so gern bringen möget. Nein! es ist erst ein halbes Jahrhundert, daß die jüdische Masse aus ihrem geistigen Ghetto befreit ist, und ihr verlangt, daß aus dieser zerstreuten, durch anderthalb Jahrtausende von euch zum Trödel verurtheilten und geringzähligen Maste schöpferische Genien erstanden sein sollen, welche Euer Epigonenthum überwinden und auf allen Gebieten der Wiffenschaft und Kunst neue Phasen schaffen sollen. Ihr seid nicht zufrieden, daß sie in der Poesie, Malerei, Musik und manchen Wistenschaften Männer ersten Ranges innerhalb der Zeit und der Geistesphase, in welcher sie lebten, hervorgebracht — sie sollen noch mehr thun, sie sollen euch gleich Dutzendweise schöpferischejGenien bringen, welche neue Bahnen für lange Jahrhunderte eröffnen mögen! — Und dabei ist noch Eines nicht zu übersehen. Glaubt ihr, daß die feindselige Behandlung, welche ihr den Juden noch immer angedeihen lasset, auf die jungen schöpferischen Geister, die sich unter den Juden heraufarbeiten, keinen nachtheiligen Einfluß übt? Glaubt ihr, daß, wenn ein Heine nicht schon von den Schulbänken an vom Judenhasse mißhandelt, sein Gemüth nicht verbittert, sein Witz zur Vertheidigung herausgefordert worden wäre, er nicht doch eine ganz andere Richtung eingeschlagen, einen ganz anderen, freieren Flug genommen hätte? Wir glauben dies, denn mehr oder weniger wird jeder jüdische Jüngling davon betroffen und alterirt. Andere Mißverhältnisse, wie Armuth, Stand, Schulzwang (wie bei Schiller) wirken ganz anders und reizen oft die noch schlummernden Kräfte erst recht zu energischer Entfaltung. Aber der Judenhaß ist ein specifisches Gift, das vergällend und versalzend auf den jungen Genius wirkt, und zwar im Alter conservirt, aber in der Frische den jungen Lebenssaft entzieht. Doch was schaden eure Urtheile, was schaden eure absprechenden Auslassungen — zuletzt hat der wahre Genius Lebenskraft genug in sich, um in der Länge der Zeit seine Schöpfungen energisch zu zeitigen. Die Weltgeschichte ist lang, und wir sind doch noch da. IS*

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