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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-04-13 · Heft 15 (13.4.1869) · p. Seite 303

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 15 (13.4.1869)
Date
1869-04-13
Page
Seite 303 (sequence 19)
Language
German
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30s des Vetters, schlang seine Arme uiN dessen Nacken, brach in heftiges Schluchzen aus, und Thränen flössen an seinen bleichen Wangen herab. Der alte Salme verstand ihn, drückte ihn an sein Herz, und wäre der Jüngling nicht so tief in den eigenen Schmerz versunken gewesen, er hätte den alten Mann auch schluchzen gehört und weinen gesehen. Herr im Himmel! der junge Mann, der frisch aus dem Urquell der Natur eben hervorgekommen, sollte den Gesang aus seiner Seele und die Liebe aus seinem Herzen reißen — was blieb ihm dann noch übrig von sich selbst? Ein verdorrter Schwamm, ein durchlöcherter Bimstein. Und doch hatte der Vetter Recht, und das harte Gebot stand vor ihm, unerbitterlich, kein Buchstabe konnte davon verändert werden. — — Bald darauf fand aber noch eine andere Unterredung statt. Die Gäste des Herrn Mendel verließen im Laufe des Vormittags das Dorf nach und nach, und nachdem sich die Menge verlaufen, befanden sich in dem Privatzimmer des Wirthes nur noch Herr und Mamsell Fürth und der Herr Lilienthal aus Berlin. Auch sie waren im Begriff, Abschied zu nehmen. Lina blickte ängstlich auf den Commis voyageur aus der Residenz, und dieser schien endlich ihre Blicke zu verstehen. Er trat zu Herrn Mendel und sagte: „Hören Sie, Herr Mendel, ich habe Ihnen noch besonders für das Vergnügen zu danken, das Sie mir und wohl der ganzen Gesellschaft durch Ihre beiden Musikanten bereitet haben. Eine ganze Bande dickköpfiger Spielleute hätte die schöne Wirkung nicht hervorbringen können, die dieser Geiger, dieser blasse junge Mann im fadenscheinigen Röckchen auf uns gehabt hat. Wissen Sie, Herr Mendel, daß es ein schlechtes Geschäft ist, einen kostbaren, aber ungeschliffenen Edelstein zu besitzen und ihn nicht schleifen und fassen zu lassen? Nun, dem Herrn Mendel darf so Etwas nicht nachgesagt werden. Dieser Geiger ist ein solcher Edelstein, und Sie müssen ihn schleifen lassen." Herr Fürth lachte aus vollem Halse, denn das Bild, den langen, mageren Jüngling schleifen zu lassen, ergötzte ihn sehr; Herr Mendel lächelte nur, denn er sühlte durch, daß hier eine Anforderung an ihn enthalten liege. Er erwiderte: „Ich bin doch nicht fein genug, Ihre vornehmen Redensarten, lieber Herr Lilienthal, so recht zu verstehen. Was meinen Sie denn eigentlich?" „Nichts weiter, als daß der Jacob, so heißt er ja wohl, in eine gute Schule muß, um ein tüchtiger, ja ein großer Musikus zu werden. Sie werden Ihre Freude daran haben, und man wird sagen: den hat der Herr Mendel ausbilden lassen, dem Herrn Mendel verdankt die Welt diesen Künstler." „In die Schule soll ich ihn schicken? Den großen Jungen in die Schule? Und was hat das Lesen und Schreiben mit der Musik zu thun? Da braucht er ja nur auf die Noten zu sehen?!" „Ei, versteht sich, das meine ich auch nicht. Zu einem tüchtigen Musikus, zu einem großen Lehrmeister seiner Kunst muß er in die Lehre gebracht werden. Unser Ramler sagt: Nicht kleine Tropfen machen es, Die ganze Wolke muß es sein! Sie müssen ihn nach Leipzig bringen zu dem großen Bach an der Thomasschule; der wird den Edelstein schleifen, daß er wie ein Lichtstrom funkelt. Wenn Sie wollen, will ich es übernehmen, in Leipzig die nöthigen Schritte zu thun." Mendel schwieg; er wußte sich nicht darein zu finden. Nach Leipzig war es sehr weit, und dort sehr theuer. Das mußte ein Heidengeld kosten. Was ging ihm der Junge an; was frug er nach der Musik. Wenn er tanzen lassen wollte, nahm er sich ein paar Fidler und daS war genug. Der Berliner war nicht gefcheidt. Er erwiderte endlich zögernd: „Na, ich will es mir überlegen, bis Sie wiederkommen, bis dahin hat es Zeit; im Winter kann man ja doch nicht reisen." Herr Lilienthal schnitt ein Gesicht, als wenn er sagen wollte: wieder einmal Perlen vor die Säue geworfen, und blickte Lina an. Diese hing sich an den Arm ihres Vaters und flüsterte ihm in's Ohr: „Vater, thu du doch etwas für den armen Menschen, den Gott so hoch begabt hat und den die Menschen verkommen lassen." Fürth wandte sich zu den Anderen: „Ich will einen Vorschlag zur Güte machen. Ich habe immer gehört, daß Alles stufenweise gehen müsse. Bringen wir den jungen Mann zuerst zu unserem Stadtpfeifer in N.; da kann er jedenfalls erst richtig geigen lernen, daß er ein regelmäßiger Klesmor wird. DaS Weitere wird sich dann später finden. In der Stadt bekommt der Junge leicht Tische zu essen, ich will schon dafür sorgen, und das Lehrgeld trägt Herr Mendel mit mir gemeinschaftlich." Lina drückte dem Vater die Hand. „Und ich, rief Lilienthal aus, ich werde ihn mit Garderobe versehen; ich habe der alten Kleider genug zu Hause, die noch ganz gut sind, und das Sprüchwort sagt: dem Armen paßt Alles. Binnen vierzehn Tagen, Herr Mendel, sollen Sie einen ganzen Ballen für ihn hier haben. Die Sache ist abgemacht, eines Schlußzettels bedarf es nicht. Ich werde mich schon weiter darum bekümmern." Die drei Männer schüttelten sich die Hände. Man nahm sehr förmlich Abschied, wobei Herr Lilienthal noch einige schöne Redensarten an Mamsell Lina absetzte, die eine flüchtige Röthe dabei nicht verbergen konnte. So trennte man sich, und die Fremden fuhren nach verschiedener Richtung auseinander. (Fortsetzung folgt.) Historische Notizen von Wolf in Wien. Bekanntlich bestanden Ausnahmsgesetze für die Juden Oesterreichs am längsten in Galizien. Da hörten sie erst mit den Staatsgrundgesetzen, welche am 25. Dec.

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