Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1869)
- Date
- 1869-04-13
- Page
- Seite 302 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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m Der arme junge Mensch seufzte unter der Wucht der vetterlichen Rede immer tiefer; alle seine Gefühle empörten sich, und doch scholl es mitten hindurch bestimmt und einfach: er hat Recht, was soll daraus werden? Der kleine Mann war jetzt aufgestanden und Pflanzte sich vor Jacob hin, mit gespreizten Beinen, die Hände auf den Rücken gelegt. „Jacob, du hast vor Allem die Pflicht, für deine Mutter und deine Schwester zu sorgen; davor muß Alles zurücktreten, und dazu mußt du ein richtiger Klesmor werden, und deshalb mußt du es dir zum Gesetz machen, keine Läufe und Figuren mehr in die Tänze zu bringen und keine solchen Solos zu spielen. Wer weiß es dir auch Dank! Wir Juden müssen froh sein, wenn wir den Weg noch finden und unter den Füßen haben, den unsre Väter gegangen. Die große Welt will nichts von uns wissen und die Gojim nichts von uns hören, und für die paar Juden spielen unsre Klesmorim noch viel zu gut. Ich Hab' es schon längst auf dem Herzen gehabt: aber erst gestern Abend bei deinem Spiel ist es mir ganz deutlich geworden. Lieber, guter Jacob, es steckt was Besonderes in dir, reiß das beraus, denn es wird dich nur unglücklich machen, da fco liebe Gott dir, und er weiß ja allein was uns gut thut, den Sonnenschein und den Regen und die laue Luft verjagt hat, um aus diesem Etwas, das in dir steckt, etwas Großes zu machen, eine schöne reife Frucht für die Welt, für dich und für uns Alle! . . ." Salme ergriff die Hand Jacobs mit seiner Linken, mit der Rechten faßte er unter dessen Kinn und hob das verdüsterte Antlitz des Jünglings in die Höhe — aber dessen Augen blieben von den Lidern geschloffen, und seine Lippen fest zusammengepreßt: es kam kein Blick und kein Laut aus ihm hervor. Ja, der alte Mann hatte Recht, aber hatten darum Gott, die Welt, die Menschen Recht, wenn sie gegen ihn waren? Er wußte längst, daß sein Spiel nur rohe Versuche, nur regellose Ausbrüche der inneren leidenschaftlichen Bewegung sei — und wer kündete ihm die Regel? Wer offenbarte ihm das Gesetz? Wer unterrichtete ihn in der Kunst, die mächtigen Gefühle zum Ausdruck zu bringen, und doch die Kunst nicht zu verletzen und ihre bestimmten Schönheitslinien nicht zu überschreiten? Hatte Gott das Besondere, das in ihm steckt, in ihn hineingethan — und wer anders hätte es gekonnt? — müßte er ihm nicht auch die Mittel gewähren, etwas daraus zu machen? Konnte er es ihm, dem Menschen, auferlegen, aus sich herauszurcißen, was er, Gott, selbst hineingepflanzt? Und die Menschen, wenn sie einmal erkannt, daß etwas Besonderes in ihm wäre, haben sie denn nicht die Pflicht, Alles zu thun, um daraus werden zu lassen, wozu es bestimmt ist? .. . Dieser letzte Gedanke brachte ihm das Bild des schönen Mädchens vor die Seele, welches jene Worte gesprochen, das den Grundton für die Reden des Vetters und für seine eigenen Gedanken abgegeben. Er fühlte, eine leise Röthe stieg ihm in die Wangen, und unwillkührlich zog sich sein Kopf von der Hand des Vetters nieder. Dem mochte dies Recht sein, denn er führte seine Hände wieder hinter seinem Rücken zusammen, und begann von Neuem: „Aber ich bin noch nicht zu Ende, Jacob; ich muß dir noch Eines sagen, ich muß, ob du mir dafür dankest oder böse seiest. Du wechselst jetzt die Farbe öfter, als mir lieb ist, und jedes Mal kann man die Ursache erkennen. Als gestern Abend das liebe, gute Kind, die Lina, jene Worte sprach, sah ich dich wohl erzittern, und dann kam der Geist über dich und du spieltest die Tänze so schön und rein, wie ich sie nie besser gehört. Nun, das ginge noch, denn ich alter Mann freue mich noch heute, wenn ein so gutes, hübsches Mädchen etwas Gutes und Hübsches von mir sagt. Aber was war das für eine Ohnmacht, die dich gestern mitten im Spiel überkam? Die Leute mögen sich einbilden, daß du zu viel Punsch getrunken, oder daß dein eigen Spielen dich so ergriffen habe... ich weiß es besser; ich hing an deinen Augen; ich sah, wohin sie plötzlich blickten und wie das dir zugewandte begeisterte Antlitz des jungen Mädchens mitten in dein Herz schoß, und der Punsch und das Spielen kamen hinzu, und die Ohnmacht war da. Sieh, Jacob, darüber erschrak ich nicht, daß du auf einmal schwachmüthig wurdest, die Jugend erhebt sich schnell; aber wodurch du ohnmächtig geworden, das hat mich tief erschüttert und macht mir großen Kummer, und ich muß davon zu dir reden. Jacob, sei auf deiner Hut. Du darfst in dieser Welt nichts als deine Mutter und Friedchen in deinem Sinne haben; alle anderen Menschen müffen vorerst wie Nichts vor dir sein. Nimm dich in Acht und verliebe dich nicht. Die Liebe, das ist auch so ein zweideutiges Geschenk, das dem armen Menschen in die Wiege gelegt worden. Wie glücklich macht sie ihn und wie unglücklich! Mich hat sie sehr unglücklich gemacht, und erst in meinem Herbste hat sie mir einige freundliche Blümchen in den Garten gesetzt, Herbstblumen, ohne Duft und Glanz, doch sie sind auch so mir angenehm. Sieht man aber im Voraus, daß sie uns unglücklich machen wird, was soll sie uns da? Wer wird so thöricht sein, nach einem Glas Essig oder Wermuth oder gar Gift zu greifen, wenn er noch frisch und gesund ist? Ich habe mir immer sagen lassen, daß man draußen im weiten Lande Geigen macht, die mit tausend Thaler bezahlt werden. Wenn nun ein Dorfklesmvr durchaus eine solche Geige haben wollte, wäre er nicht verrückt zu nennen? Und wenn r darüber sein Brod vernachlässigt und verzweifelt und zu Grunde geht, ist er eigentlich zu bedauern? Hat er es nicht voraus gewußt? Hat ihm der liebe Gott nicht den Verstand gegeben, daß er jedes Verlangen nach Unrechtem und Unvernünftigem überwinde? Jacob, mein lieber, guter Junge, du darfst nicht lieben, denn du hast Mutter und Schwester, und eines reichen Mannes Tochter ist wie eine Geige, die über tausend Thaler kostet.. Jacob war unter dieser Rede bleich geworden und zitterte; plötzlich sprang er auf, warf sich an die Brust