Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 15 (13.4.1869)
- Date
- 1869-04-13
- Page
- Seite 301 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Allgemeine Zeitung des Zu-enthums. Femlleton-Keklage M Ar. 15. Leipzig, den 13. April 1869. Ein Musikant. Erzählung aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. 3. Zwei Unterredungen. Einige Stunden später wachten die beiden Musikanten ziemlich zu gleicher Zeit auf, und bald, nachdem sie ihr Morgengebet verrichtet, brachte ihnen eine Magd einen Jinbiß. Der Pfeiffer ließ sich behaglich zu seinem Kaffee nieder und schlürfte ihn, immer jedoch mit faltendurchzogener Stirn, was bei ihm zu geschehen pflegte, wenn er etwas auf dem Herzen hatte, was ihm nicht schlank weg von den gekräuselten Lippen gehen wollte. Auch Jacob schwieg, und der Blick seiner glänzenden Augen war mehr niederwärts über seine bleichen Wangen gerichtet, als auf den treuen und verehrten Genossen. Endlich setzte Salme die große blaubeblumte Untertasse nieder und hob an: „Hör' Jacob, was ich dir zu sagen habe. Die Mamsel Fürth hat Recht: es steckt was Besonderes in dir. —" Die Augen des jungen Mannes blitzten auf. „Hast du dies auch gehört?" unterbrach er den Vetter. „Schon gut, ich komme noch darauf zurück. Jetzt wollte ich dir nur sagen, daß du gestern Abend gespielt hast, daß ich nicht sagen kann, wie? Es war mir manchmal zu Muthe, wie wenn der Frühling draußen plötzlich über die Winterflur gehe, dann als wenn der Sturm durch die entblätterten Bäume braust, um den Stamm zu brechen, der noch aufrecht geblieben. Ich mag ein lächerlicher Kauz sein, der mehr spintisirt, als ihr Alle euch denken mögt; aber mitten in deinem Spiele kamen Erinnerungen aus meiner Jugend, süße und traurige Erinnerungen, wie Schmerz, der über sich selbst lächelt, weil er doch auch vergänglich sei, in meine Seele hinein, und dann wieder frohe Hoffnungen sür dich und Friedchen und deine Mutter — Rarretheien!" Jacob blickte in der That mit Spannung und Erstaunen auf den ältlichen Mann, der ihm in einer Sprache zu reden schien, die er ihm niemals zugetraut. „Nu, nu, thu' dir darauf nichts zugute; denn ich sage dir, es kamen auch ganz kindische Stellen bei dir vor, wo mir war, als ob du noch als kleiner Knabe auf der Kinderfiedel strichest, so schlecht paßten die Töne zusammen, oder so nichtssagend waren die Uebergänge. Doch das ist Alles Eins; es war merkwürdig und hat mich ergriffen, wie lange Nichts in dieser Welt. Aber nun, lieber Jacob, sage mir, was soll daraus werden? Ich war einmal vor langen Jahren in Braunschweig zur Meßzeit; ich sollte einen Onkel aufsuchen, der reich sein und meiner Mutter eine Unterstützung gewähren sollte. Den reichen Onkel fand ich nicht, wohl aber einen armen, der von mir etwas verlangte. Nun, da kam ein großer Geiger hin, zur Messe, und spielte, und für ein paar Groschen konnte man hinein und zuhören. Ich that's. Siehst du, Jacob, der Mann verstand's. Es war auch so ein Spielen, wie du gestern Abend thatest, aber von falschen Tönen und läppischen Stellen, daß man fürchten muß, es falle Alles auseinander, davon war keine Spur. Das könntest du werden; aber dazu muß man grausam viel lernen und muß Lehrer und Meister haben, und siehst du, die sind hier nicht und die kannst du nicht haben, und darum — mußt du dir all' solches Spiel ans dem Sinne schlagen!" ... Jacob sah längst den Vetter Salme nicht mehr an, sondern saß auf der Kante seines Bettes — denn den einzigen Stuhl in der Kammer nahm der Vetter ein — mit gekreuzten Armen und das jugendlich schöne Haupt tief auf die Brust gesenkt. Salme mußte Saiten in seiner Seele berührt haben, die schon oft schmerzlich in ihm vibrirten, deren Schwingungen seinem Herzen heftig wehe thaten. „Was soll daraus werden, Jacob? Jetzt schon will keine Musikbande etwas von dir wissen, und wenn ich erst nicht mehr mit dir gehen kann, eine Geige allein will Keiner zum Tanze haben. Und glaube nur, wenn die Menschen dein Spiel zwei oder drei Mal gehört haben, fragen sie nicht mehr danach; sie verstehen es nicht; zuerst verwundern sie sich darüber; ist dies aber vorbei, so langweilen sie sich. Es ist ihnen zu bunt durch einander, es wechselt zu viel und wirft die Seele hin und her, und die Menschen wollen das nicht, die bleiben gern in ihrem gewohnten Geleise, wo sie nach dem Vergnügen traben wie immer, oder nach der Trauer langsam schreiten, wie immer. Nun, willst du zuletzt ein bettelnder Geiger werden, der vor den Thüren ein Stücklein spielt, daß man ihm einen Kupferpfennig zuwerfe?"