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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-04-13 · Heft 15 (13.4.1869) · p. Seite 295

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 15 (13.4.1869)
Date
1869-04-13
Page
Seite 295 (sequence 11)
Language
German
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M Wohl waren wir berechtigt, diese GehaltSregulirung früher, d. h. vor einem Jahre schon zu erwarten; denn schon vom Jahre 1868 an bezogen die christl. Lehrer ihre Ausbesserung; allein es ist nicht zu leugnen, daß verschiedene und wichtige Momente, und eigenthümliche Verhältnisse zu berücksichtigen waren. Die seit einigen Jahren bei uns freiere Gesetzgebung in Bezug auf Gewerbefreiheit und Freizügigkeit veranlaßt manchen aus dem Dorf in die Stadt zu ziehen; es geschieht dies selbstverständlich meist vom vermögenderu Theile. Durch diesen Zuzug nehmen die Stadtgemeinden raschen Aufschwung, während die Dorfgemeinden eben so sehr, sowohl materiell als intellectuell verlieren. Während so einerseits die Gemeinde geringer wird, steigern sich andrerseits durch die socialen Verhältnisse die Cultusausgaben, und kann es sich nicht anders gestalten, als daß die für den Cultus aufzubringenden Opfer ein zelnen Gemeinden unerschwinglich werden. Für solche Fälle leistet die Centralcasse Zuschüsse, um es auch geringem Gemeinden zu ermöglichen, Lehrer und Vorsänger zu erhalten. Trotz dieser Beihilfe werden aber wohl dennoch manche Filiale gebildet werden müssen, weil die Anforderungen an die Central-Casse zu bedeutend sind, als daß sie alle befriedigt werden können. Für die badischen Religionslehrer bleibt nun noch der gegründete Wunsch übrig, daß den im Dienst ergrauten, sowie denen, die durch Krankheit gezwungen sind, dem Dienst zu entsagen, eine Pension geschaffen werde, die ihnen die Beschwerden des Alters einigermaßen erleichtert. Hoffen wir, daß der Oberrath, wenn auch nicht alsbald, so doch in nicht zu ferner Zeit die Sache in die Hand nehme. Bis daher sollten die Lehrer den zu diesem Zwecke bereits bestehenden Epstein-Verein nach Kräften fördern. Maier. Oesterrelchischer Kaiserstaat. Wien, 21. März. «Privatmitth.« Während der Fastenzeit haben die katholischen Prediger fast ohne Ausnahme in jeder ihrer Predigten über oder eigentlich gegen die Juden gesprochen. Noch vor einem Jahrzehnt, wenn auch nur Ein katholischer Geistlicher gegen die Juden gepredigt hatte, war man voll Angst und Sorge gewesen. Heute kümmert sich kein Mensch darum; man lacht über die Extravaganzen. Von positiv-religiösem Standpunkte aus können wir eS nur bedauern, daß die geistlichen Herren sich und die Kirche blosstellen. Sollte es ihnen übrigens gelüsten den Pöbel aufzuhetzen, so wird dieser wahrlich nicht bei den Judenhäusern Halt machen. Es sind demselben die Klöster und die Paläste der Bischöfe wohl bekarmt. Mögen die Herren darum nicht mit dem Feuer spielen. In Fünfhaus, einer Vorstadt Wiens, die außerhalb der „Linie" liegt und daher nicht zur Großgemeinde gehört, wurde Herr Dr. A. Schmidt, jetzt Rabbiner in Proßnitz, zum Rabbiner und Prediger gewählt. Da aller Wahrscheinlichkeit nach in kurzer Zeit die Vororte mit der Großgemeinde vereinigt werden, so wird Herr vr. Schmidt dann zugleich Rabbiner der Wiener Gemeinde sein. Bei den jüngsten Neuwahlen in den Gemeinderath wurde neuerdings ein Jude gewählt, Herr vr. Edmund Lewinger, Hof- und Gerichtsadvocat. Es sind jetzt fünf Israeliten im hiesigen Stadtgemeinderathe. Wien, im April. Herr Pollack, Zündhölzchenfabrikant dahier, hat in unserer Stadt ein dreistöckige- Haus bauen lassen, worin 60 arme Studenten, ohne Unterschied der Religion, eine anständige Wohnung und alles für ihr Studium Nothwendige finden. Dieses Haus wurde vor Kurzem eröffnet. Herr Pollack, ein Israelit, hat Fl. 400,000 für dieses Werk der Gemeinnützigkeit verwendet. Prag, 22. Februar. «Privatmitth.» Gestern wurde hier ein Mann zu Grabe getragen, dem an talmudischer Gelehrsamkeit hier keiner und auch anderwärts nur sehr wenige gleich kamen und für dessen Charakterreinheit nur unter den Tanaiten ein Beispiel zu finden ist. Es ist dies der Lehrer an der für Rabbinatscanditaten errichteten Classe der Talmud-Thora - schule, Herr Rabbiner JudaTeweles. Dieser Mann, der das große Meer des Talmuds nach allen Rich tungen durchsegelt, dessen Klippen glücklich umschifft oder weggeräumt hat — er schrieb Glossen zum ganzen Talmud — war kein Talmudist von Profession, sondern ein Uhrmacher. Derselbe hat nämlich in seiner Jugend, um aus der Thora keinen „Spaten zum Graben" zu machen, das Uhrmacherhandwerk erlernt. Da er aber das Studium des Talmuds als seine Hauptbeschäftigung betrachtete und die Uhrmacherei nur nebenbei betrieb, so hatte dieses Handwerk für ihn keinen 15*

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