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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-04-13 · Heft 15 (13.4.1869) · p. Seite 288

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 15 (13.4.1869)
Date
1869-04-13
Page
Seite 288 (sequence 4)
Language
German
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288 in einem andern Lehr gegen stände, daß vielmehr die religiöse Erziehung die Hauptaufgabe der Volksschule sei und daß deßhalb die Religion alle Unterrichtsfächer umfassen und durchdringen müsse. Und nicht ohne Grund kann man behaupten, daß z. B. der Geschichtsunterreicht seine besondere Färbung durch den confessionellen Standpunkt des Lehrers erhalte. Ich habe das volle Gewicht dieser Frage empfunden. Es ist mir aber durch reifliche Erwägung zur Gewiffenssache geworden, mich heute für die gemischte Schule auszusprechen. Ich bin keineswegs confessionell indifferent, mein protestantischer Glaube ist mir theuer, so sehr ich auch den meiner katholischen und israelitischen Mitbürger achte. Ich würde gewiß nicht für die gemischte Schule stimmen, wenn ich der Meinung wäre, daß sie den protestantischen Glauben gefährde, aber sie auch nicht meinen Mitbürgern anrathen,. wenn ich ihren Glauben durch dieselbe für gefährdet hielte. Aber mir giebt es noch etwas Höheres, als die Confession: die Religion. Jene spaltet, diese einigt. Die Confession ist eine Form, die Religion eine Kraft. Es ist eine Pflicht der deutschen Nation, die gemischte Schule durchzuführen und Südwestdeutschlands insbesondere, darin voranzugehen. Denn der confessionelle Fanatismus hat Unzählige ergriffen und nicht blos auf katholischer, auch auf protestantischer Seite ist eine Partei, die eifrig daran schürt. Kaum sind die seit 3 Jahrhunderten durch Confessionshader dem deutschen Volke geschlagenen tiefen Wunden einigermaßen vernarbt, so werden sie auf's Neue aufgerissen. Auf Trennung zwischen den Mitgliedern der verschiedenen Confessionen wird systematisch hingearbeitet in allen möglichen Richtungen, in der Ehe, im Familienleben, im Geschäftsleben, bis in die VergnügungSräume hinein, ja selbst noch Trennung nach dem Tode, Absonderung auf den Kirchhöfen! Darum auch das Gleiche in den Schulen. Zerreißung, Schwächung der deutschen Nation gegenüber dem fremden Eindringling, scheußlicher Religionskrieg wäre davon die Folge. Wollen sie aber der confessionellen Intoleranz, dem Fanatismus der kirchlichen Leidenschaften mit Erfolg entgegentreten, so muß es schon in der Schule geschehen; nicht schon die zarte Jugend darf ihnen zur Beute werden, sonst ist es zu spät. Die Tugend der religiösen Toleranz, des gemeinsamen Vaterlands- und Bürgersinns muß sie einathmen in der Luft der gemischten Schule. Und wenn wir sehen, wie eine fanatische Partei Alles daran setzt, sie zu verhindern, müssen wir Alles daran setzen sie durchzuführen. Zerstreuen wir die noch enti gegenstehenden Vorurtheile namentlich auch bei unseren lieben katholischen Mitbürgern, so weit sie noch nicht überzeugt sind. Reichen wir uns alle die Hände zu i einer segensvollen That." — Di-, Reckendorf, als Mit- I glied des israelitischen Ortsschulrathes: „Wenn irgend; eine Glaubensgenossenschaft Ursache hat, mit den Er-; rungenschaften der Neuzeit zufrieden zu sein, so ist es! sicher die israelitische. Der moderne Staat hat uns - unsere lang vorenthaltenen Menschenrechte zurückgegeben. , Aber beim Volke sind noch manche Vorurtheile und Gehässigkeiten gegen uns zu bekämpfen, und als das beste Mittel dazu erachte ich die gemischte Schule. Frühzeitiges Zusammenleben erzeugt Freundschaft, Liebe und Frieden. In einer gut geregelten Schule gewöhnt sich der angehende Staatsbürger an ein Zusammenleben in geregelter Ordnung. Sie soll ein Staat im Kleinen und. wie ein gut regierter Staat so viel als möglich religiös und so wenig als möglich confesstonell sein. Die Religion ist Gotteswerk und ewig, die Confession Menschenwerk und vergänglich. Zur Religion gehört vor Mem das von unserm großen Gesetzgeber Moses verkündete und weit später neu eingeschärfte Gebot: Liebe Gott über Alles und deinen Nächsten wie dich selbst. ' Dieses Gebot wird in der gemischten Schule nicht leiden, es wird sogar in der Ausübung durch sie noch gefördert werden. Ich als geborener Oesterreicher habe so manchen bitter» Eindruck des Confefsionalismus aus meiner Jugend bewahrt. Er durchdrang Alles, durchzog Alles wie ein bleierner Faden, drängte sich sogar in die Geographie ein. In einer Geographie für Schulen war die Seelenzahl der ganzen Monarchie und der einzelnen Nationalitäten nach Zahlen angegeben und zum Schlüsse beigefügt: „Auch giebt es in Oesterreich Juden und Zigeuner." Abtrünnige sah ich für ihre Verstellung und Heuchelei mit Beförderung zu den höchsten Ehrenstellen belohnt und die besten Talente wegen ihrer Ueberzeugungstreue zurückgesetzt. Daß übrigens die religiöse Ueberzeugung in der Schule durch Lehrer anderer Confession nicht Schaden leidet, können wir Israeliten aus unserer Erfahrung beweisen. Wir haben ja keine israelitischen höheren Lehranstalten und konnten unsere Lehrer auf christlichen Mittelschulen nicht hindern, durch manche Aeußerungen uns in unseren religiösen Gefühlen zu verletzen, aber wir gewöhnten uns dadurch, Alles zu prüfen, und das Beste zu behalten. Das wahrhaft Gute, Schöne und Edle in der Religion wird sich durch alle Zeilen hindurch erhalten, und das Andere, was

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