Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 14 (6.4.1869)
- Date
- 1869-04-06
- Page
- Seite 272 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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272 lippson in seinem Buche behandelt und im jüdischen Geiste erörtert, müssen jeden aufs Lebhafteste interessiren, dem das Judenthum nicht blos ein Gegenstand literarischer Kategorien und geschichtlicher Konstruktionen, sondern eine lebenathmende und lebensstarke Erscheinung ist, die sich nicht in die geschlossene Studierstube einseitiger Gelehrsamkeit verweisen läßt, sondern das Recht für sich in Anspruch nimmt, in der Behandlung und Lösung der großen Zeitfragen gehört zu werden. Der Kirche, welche an einer Ueberfüüe Iranscendentaler Elemente leidet, kann es nicht gelingen, den Bewegungen unserer Zeit die Richtung zu geben; sie kann höchstens, wenn sie ihrem innersten Wesen folgt, ihnen Widerstand leisten, oder sie in den Bann thun. Der „Syllabus" ist das letzte Wort der bestehenden und geschichtlich gewordenen Kirche an die Vorkämpfer für die Neugestaltung der Gesellschaft. Das Judenthum aber erhebt nach 1800 Jahren sein gebeugtes Haupt und erblickt in den Wogen und Wellen der modernen Bestrebungen zahlreiche Elemente, die ihm verwandt sind und auf welche Einfluß zu gewinnen es sich berechtigt fühlen muß. Herr Dr. Philippson ist davon durchdrungen und behandelt daher als jüdische r Publizist Fragen, welche die Welt bewegen, den größten Theil der jüdischen Gelehrten aber, die in ihren literarischen Zirkeln sich nicht stören lassen wollen, aus deren Bücherwelt nicht herauszureißen vermögen." — So weit Dr. Jellinek. Wir können uns zu einen solchen Verständniß und zu einer solchen Beurtheilung von Seiten eines solchen Mannes ernstlich Glück wünschen! Wir können übrigens hinzufügen, daß auch in der Mitte des großen Publikums der Anklang für dieses Werk nicht fehlte; dies bezeugen uns viele Briefe unabhängiger Männer. Auch gegen die Veröffentlichung unsres „Neuen Israelitischen Gebetbuches" hat Herr K. sein weises Haupt geschüttelt. Gut. Der Umstand, daß der Absatz der zweiten Auflage ein dauernder ist, und daß mehrere seitdem erschienene, im öffentlichen Gottesdienst gebrauchte Gebetbücher z. B. das Mannheimer, große Partien aus dem unsrigen, selbstverständlich mit unsrer gern gewährten Erlaubniß, hinübergenommen haben, vermag uns hinreichend zu trösten. Es ist einmal die Art der Geister, welche selbst zu schaffen unbefähigt sind, Alles zu begeifern, was nach schöpferischer Selbstthätigkeit aussieht. Zeitungsnachrichten. Deutschland. Berlin, 14. März. (Privatmitth.) Der religiöse Sinn hat sich in den letzten Jahren in unserer Gemeinde auf erfreuliche Weise gehoben. Die alte Synagoge in der Haidereutergasse ist jeden Sabbath vollständig gefüllt, und auch in der neuen Synagoge finden sich gewöhnlich 3—400 Besucher und Besucherinnen ein. Nimmt man hierzu noch, daß auch die Schochare-Tob eine eigene Synagoge besitzen, und daß endlich der Reformgottesdienst noch immer, wenn auch schwach, besucht wird: so ist das Resultat kein gerade ungünstiges, besonders wenn mir uns mit anderen Religionsgenossenschaften und auch mit anderen großen jüdischen Gemeinden vergleichen. Der Gottesdienst in der neuen Synagoge ist übrigens recht gut geordnet und wirkt, verbunden mit dem ästhetischen Eindrücke des herrlichen Gebäudes, befriedigend und erhebend auf jeden vorurtheilsfreien Besucher. Warum haben weder London noch Paris etwas Aehnliches aufzuweisen? Auch die jüdische Redebegier und Unruhe wird in der neuen Synagoge durch die sorgfältige Aufsicht der . zahlreichen Schamoschim in angemessenen Schranken gehalten. — Gestern Abend fand die Generalversammlung und das Essen des Vereins zur Unterstützung jüdischer Studirender Statt. Dem letzteren wohnten ungefähr 2OO Theilnehmer bei, unter welchen, wie gewöhnlich, auch einige christliche Ehrengäste waren. Die Feier verlief in befriedigender und wahrhaft erhebender Weise, von zahlreichen Toasten verschönt, unter denen sich besonders durch Wärme und Beredtsamkeit auszeichneten: der des Prof. Lazarus auf den Vorstand des Vereins, ferner der Berthold Auerbachs auf die Wohlthätigkeit und speciell auf die jüdische Wohlthätigkeit, und endlich der Trinkspruch des Obertribunalraths Blömer auf die Einheit des humanen Strebens unter Juden und Christen, mit besonderem Hinblick auf den großen Verfechter dieser Einheit, Lessing. Eine während des Mahles veranstaltete Sammlung für den Verein ergab die Summe von 113‘/i Thaler. Berlin, Ende März. (Privatmitth.) Es ist eigenthümlich daß die evangelischen Geistlichen — von