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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-04-06 · Heft 14 (6.4.1869) · p. Seite 270

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 14 (6.4.1869)
Date
1869-04-06
Page
Seite 270 (sequence 6)
Language
German
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m Wickelung, die Grundsätze der gegenwärtigen Welt nicht bekämpfen; sie will keine kirchliche Macht, keine clerikale und hierarchische Gewalt Herstellen oder befestigen; sie will ebenso wenig den Radikalismus proclamiren und ihm die Herrschaft zuweisen; sie will den geschichtlichen Boden der Religion weder zerstören noch durchwühlen. Sondern sie will Vergangenheit und Gegenwart in ihrem Widerstreite ausgleichen und versöhnen; sie will das Ueberlieferte der Vorzeit mit den Erzeugnissen und der Richtung der gegenwärtigen Zeit in Einklang bringen; sie will die schwebenden Streitfragen, die aus der völligen Umgestaltung der inneren und äußeren Verhältnisse entsprungen sind, der Lösung näher bringen; sie will weder die Vernichtung noch die Vereinigung, sondern die Entwickelung; sie wird die Zersetzung und Auflösung bekämpfen, ebenso wie den starren, unbedingten Stillstand; sie will die Religion und die religiöse Gesinnung in ihrer Wahrheit und Aufrichtigkeit beleben, stärken und ihnen die Formen und Mittel sowohl erhalten als schaffen, in welchen sie gegenwärtig zu erscheinen und zu wirken vermögen; sie will Synagoge, Schule und Familie befähigen, dem Bestände und der Wirksamkeit der Religion den rechten Spielraum und eine wahre Wirksamkeit zu gewähren; sie will somit die Einzelnen wieder vereinigen, die Gemeinsamkeit in freier Weise wieder Herstellen, die Zusammengehörigkeit, die doch ohne irgend einen Zwang, constatiren und zum Bewußtsein bringen. Dies ist eine lautere, aber auch große und schwierige Aufgabe, welche nicht eine einzige, wohl aber eine Reihe von Synodalversammlungen bei gutem Willen und unter dem Segen Gottes zu lösen vermag. Sie vermag es, weil, wie es hinlänglich nachgewiesen ist, die wahren Grundsätze unserer Religion gerade diejenigen sind, welche die menschengeschlechtliche Entwickelung zu ihrem Inhalt und Ziele haben; sie vermag es, weil, wie hinlänglich nachgewiesen ist, unsere Religion ebenso oft Perioden des flüssigen Geistes und der Umgestaltung, wie Perioden des Festhaltens und des Stillstandes in ihrer Geschichte hatte; sie vermag es, weil auch die Form der Synode keine Neuerung, sondern eine oft wiederholte Erscheinung in der Geschichte des Judenthums ist. Nach dieser Nebeneinanderstellung des Ursprungs und der Aufgaben beider Versammlungen wäre jedes Wort überflüssig, um ihre Verschiedenheit, ja ihre Gegensätzlichkeit noch weiter ins Licht zu setzen. Wir haben aber gesagt, daß gerade der Eintritt des ökumenischen Conci^s unsre Synodalversammlung um so unabweislicher, um so nothwendiger macht. Und dies aus mehrfachen Gründen. Ja, ob zeitweise beachtet oder unbeachtet, das Judenthum hatte stets den Beruf, hat ihn namentlich seit der Zerstreuung des jüdischen Stammes unter alle Völker, einen Gegensatz, eine Opposition gegen Alles zu bilden, was der Entwickelung der Menschheit zur reinen Gotteserkenntniß, zu den einfachen Principien des Rechts, der Gleichheit Aller vor Gott und dem Gesetze entgegentritt; es ist die Obliegenheit der Juden, sei es bewußt oder unbewußt, für die Glaubens- und Gewissensfreiheit überall in die Schranken zu treten. Mag augenblicklich die allgemeine Welt von unsrer Synode Kenntniß nehmen oder nicht, ihre Bedeutung würdigen oder nicht: es wird in ihr ein Gegensatz an Ursprung, Charakter und Ziel zu jenem ökumenischen Concile liegen; sie wird gerade jene Grundsätze in sich, ihren Verhandlungen und Beschlüssen tragen, welche jener Syllabus und jenes Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verwerfen und bekämpfen. — Aus dieser Synode werden zweitens die Juden in dem Kampfe, der auch für sie an die Resultate jenes Concils sich knüpfen wird, neue Kraft schöpfen. Denn wir wissen ja, daß alle geschriebenen und sanktionirten Gesetze da nicht aushelfen, wo die machthabenden und einflußreichen Personen das Gegentheil wollen. — Endlich wird die Synode zu einer Nothwendigkeit des schlimmen Beispiels wegen, welches das Concil und seine Ergebnisse für Parteien und Männer im Judenthume geben werden. Wir haben es bereits erfahren, daß es an hierarchischen Gelüsten nicht blos auf orthodoxer, sondern noch mehr auf neuorthodoxer Seite unter den Rabbinen in Glacehandschuhen nicht fehlt. Auch an Päpstlein und kleinen Heiligen mangelt es nicht. Wir haben es erfahren, daß, sobald auf christlicher Seite ein pietistischer und clerikaler Wind weht, gerade diejenigen Juden zur Nachahmung geneigt sind, welche sonst den Widerspruch gegen ripin stets im Munde führen. Diesen gegenüber ist die Synode das kräftigste Schutz- und Heilmittel, und darum unentbehrlich. Wer hierüber in Zweifel sein könnte, der braucht nur die Aeußerungen der sg. Wortführer der Orthodoxie und der Partei der „der Wissenschaft beflissenen" Rabbiner, welche seit Kurzem mit der Orthodoxie zu liebäugeln begonnen haben, und mit denen wir späterhin schon unsre Rechnung abmachen werden, über die Synode zu vernehmen. Mögen daher die Gemeinden wohl erwägen, was

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